Abitur in Hamburg

Hamburger Schüler über Abitur im April: „Das ist schlichtweg unfair!“

Der 17-jährige  Tolga Dogan steht auf einer grünen Wiese vor Bäumen, hat die Hände in seinen Taschen und guckt neutral in die Kamera. Er ist bis auf das Logo der Firma Nike komplett schwarz gekleidet.
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Der 17-jährige Hamburger Schüler Tolga Dogan protestiert mit einer Petition gegen Abiturprüfungen im April.
  • Enno Eidens
    vonEnno Eidens
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Der Hamburger Schüler Tolga Dogan fordert in einer Petition die Verschiebung der Hamburger Abiturprüfungen

  • Hamburger Schüler fordern wegen der Coronavirus-Krise die Verschiebung ihrer Abiturprüfung.
  • Eine Petition auf change.org haben fast 2.000 Schüler unterschrieben.
  • Der 17-jährige Initiator Tolga Dogan spricht mit 24hamburg.de über die Entscheidung des Hamburger Senats.

Hamburg – Die Coronavirus-Maßnahmen in der Hafenstadt werden gelockert. Das betrifft auch die Hamburger Abiturienten. Am Dienstag, 21. April werden ihre Abiturprüfungen starten. Viele Schüler und Eltern sind damit nicht einverstanden. Abiturienten der Stadtteilschule Rissen drohen mit einem Boykott. Andere fordern in einer Petition an Bildungssenator Ties Rabe (SPD) die Verschiebung der Prüfungen um ein bis zwei Wochen. Tolga Dogan geht auf das Gymnasium Rahlstedt und hat die Petition organisiert. Mit 24hamburg.de hat der 17-jährige Schüler über die Sorgen seiner Mitschüler gesprochen.

„Das Durchziehen der Prüfungen scheint den Behörden wichtiger als das Wohlergehen der Schüler“

Fühlt ihr euch von der Politik mit eurem Anliegen ernst genommen?
Nein, wir fühlen uns von der Politik weder gehört, noch ernst genommen. Wir fordern eine Verschiebung aller Prüfungstermine um ein bis zwei Wochen, um das Wegfallen von Lernhilfen zu kompensieren und bekommen haben wir eine fünftägige Verschiebung des Prüfungsbeginns. Das heißt, dass die Prüfungen enger zusammengerückt sind und einige alle Prüfungen innerhalb von weniger als sieben Tagen schreiben müssen. Die Politik ist nicht auf uns eingegangen und äußerte sich nicht mal zu dem Fehlen von Lernmöglichkeiten und -hilfen für uns. Es fühlt sich an als würde man gegen eine Wand sprechen. Das Durchziehen der Prüfungen scheint den Behörden wichtiger als das Wohlergehen der Schüler.
Gab es Gespräche mit Politik und Schulleitung?
Einige von meinen Mitschülern haben Mails an die Hamburger Schulbehörde geschickt, aber zu einem direkten Gespräch ist es nicht gekommen. Wir waren jedoch mit unserem Schulleiter und Stufenkoordinator im Kontakt, aber denen sind als Beamte die Hände gebunden. Sie haben die Beschlüsse der Behörde durchzusetzen. [...] Persönlich hätte ich mir doch schon gewünscht, dass die Schulleitung wenigstens ihre Bedenken äußert. Als Schüler fühlt man sich gegenüber der Behörde alleine gelassen, weil das Personal der Schulleitung als Beamte quasi mundtot sind.
Wie geht es dir persönlich mit den aktuellen Terminen für die Abiturprüfung?
Meine erste Prüfung schreibe ich in Geschichte am Mittwoch. Ich habe generell keine Probleme mit dem Fach und auch nicht mit dem Fach Englisch, für das die Prüfung am Freitag stattfindet. Mein Problem ist aber das Fach Physik. Die Abiturprüfung dafür findet am kommenden Montag statt und wegen der Pandemie habe ich nicht die Möglichkeit Nachhilfe zu beziehen. Die fünftägige Verschiebung der Prüfungstermine hat die Lage auch noch verkompliziert, da ich normalerweise eine Woche zwischen meiner zweiten schriftlichen Prüfung und Physik gehabt hätte.
Glücklicherweise ist mein Lehrer sehr engagiert und hilft mir bei wöchentlichen Videokonferenzen, aber das ist nicht dasselbe wie einen richtigen Nachhilfelehrer zu haben oder in Lerngruppen zu üben. Aber nicht alle Schüler haben nur ein Problemfach. Andere brauchen vielleicht in zwei oder gleich allen drei Prüfungsfächern Nachhilfe und die können sie wegen der Terminplanung nicht beziehen. Das ist schlichtweg unfair!
Was sind die größten Herausforderungen für euch Schüler in der Coronavirus-Krise?
Für mich persönlich besteht die größte Herausforderung während der Krise darin Motivation zum Lernen zu finden. Man denkt ständig darüber nach, dass man normalerweise mit Freunden in einer Lerngruppe sitzen würde, an die Mottowoche, die nicht stattfinden konnte und natürlich auch an die bedrückenden Nachrichten, die jeden Tag über die Krise veröffentlicht werden. Das Kontaktverbot und der damit einhergehende Entzug von sozialen Kontakten setzt einem psychisch schon zu und führt bei mir zu Lustlosigkeit. [...] Bei vielen ist es die Angst unter diesen Umständen nicht richtig vorbereitet zu sein. Ich selber habe das Gefühl, dass ich mit einer Lerngruppe, Material aus Bibliotheken und Nachhilfestunden ein besseres Ergebnis erzielen würde, als unter den momentanen Umständen. Man kann während der Krise nicht sein volles Lernpotential ausschöpfen.
Gibt es auch positive Aspekte dieser Krise für Schüler in Hamburg?
Ich wüsste keinen positiven Aspekt der Krise für Schüler, jedenfalls nicht für die Abgangsklassen. Für uns Abiturienten fühlt es sich eher an, als würde man wichtige Meilensteine des Daseins als Jugendlicher verpassen. Natürlich gibt es gravierendere Probleme, aber die Tatsache, dass Mottowoche und der letzte Schultag wegfallen, demotiviert einen ungemein. Die Krise hat uns nur gezeigt, dass die Behörden nur wollen, dass die Prüfungen stattfinden, egal wie es uns Schülern dabei geht.
Wäre ein Boykott der Abiturprüfungen für euch auch eine Option?
Für mich persönlich ist ein Boykott der Prüfungen überhaupt keine Option. Es ist natürlich schwer vorstellbar, dass an alle Boykottierenden null Punkte verteilt werden würden, aber das Risiko besteht dennoch. Für mich steht zu viel auf dem Spiel, als dass ich am Ende meiner Schullaufbahn aus Protest null Punkte in Kauf nehme. Letztendlich wollen wir ja alle einen bestmöglichen Schulabschluss und da ist mangelnde Leistung bei den Abschlussprüfungen angenehmer als wegen eines Boykotts durchzufallen. Es wäre aber sicherlich durch interessant zu sehen, wie die Schulen in Rissen reagieren werden und welche Reaktion folgen wird aber für uns ist das Risiko einfach zu groß.
Ich persönlich habe mich mit dem Stattfinden der Prüfungen mittlerweile mehr oder weniger abgefunden und möchte sie einfach hinter mir haben, aber ich plane trotzdem danach weiter gegen die Entscheidung der Behörden zu protestieren. Vielleicht haben ja die Schüler aus anderen Bundesländern, die ihre Prüfungen erst im Monat schreiben, mehr Glück als wir aus Hamburg. Wie die Politik mit uns Schülern während einer globalen Krise verfährt, ist unverantwortlich und darf nicht unbestraft bleiben. Meiner Meinung nach müssen die zuständigen Politiker in gewisser Weise zur Verantwortung gezogen werden, da sie uns zu solch schweren Zeiten immensem Stress aussetzen, dem wir unter normalen Umständen niemals ausgesetzt gewesen wären.

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