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Hamburg wird zur Omikron-Hochburg: Was ist hier falsch gelaufen?

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Von: Anika Zuschke

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Hamburg wird von der Omikron-Variante überrollt. Die Inzidenzen schießen in die Höhe und die Booster-Quote ist vergleichsweise gering. Was macht Hamburg verkehrt?

Hamburg – Die Hansestadt Hamburg ist mit der Corona-Situation überfordert. Es ist schlicht zu viel, was momentan auf Gesundheitsämter, Behörden und Labore einprasselt. Die Inzidenzen schießen in die Höhe und die Rekordzahlen an Neuinfektionen sorgen dafür, dass nicht alle Tests zeitnah ausgewertet werden. Vom 10. Januar 2022 an gilt in Hamburg zusätzlich die 2G-Plus-Regel, sodass noch deutlich mehr Tests und verwirrende Regeln hinzukommen werden. Deswegen herrscht in Hamburg bezüglich der Corona-Datenlage extreme Unklarheit.

Doch das ist nicht das Einzige, was momentan falsch läuft. Sechs Faktoren führen vor Augen, inwiefern Hamburg die Kontrolle verliert und zur Omikron-Hochburg werden konnte.

Variante des Betacoronavirus SARS-CoV-2:SARS-CoV-2-Variante Omikron
Linie:B.1.1.529
Erste Probe:9. November 2021
Erste Identifizierungen:Südafrika und Botswana

Corona in Hamburg: Booster-Impfungen laufen vergleichsweise schleppend

Die Zahlen in Hamburg sprechen für sich: Der Anteil der neuen Corona-Variante Omikron liegt in der Hansestadt bei etwa 90 Prozent. Dabei galt Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) immer als besonders streng – und vor allem vorsichtig. Wie also konnte es so weit kommen? Ein wichtiger Aspekt ist der Ablauf der Booster-Impfungen in Hamburg. Vor einer Booster-Impfung gibt es übrigens sechs Dinge, die Sie beachten sollten.

Bereits im Herbst 2021 waren Auffrischungsimpfungen gegen eine Covid-Infektion in aller Munde. Zuerst sollte sie nur ältere Personen und Risikopatienten betreffen, außerdem musste der Abstand zur zweiten Impfung mindestens sechs Monate betragen. Deswegen dauerte es in Hamburg Monate, bis die Booster-Kampagne tatsächlich Fahrt aufnahm. Als die Ständige Impfkommission (Stiko) kurz vor Weihnachten schließlich Schlag auf Schlag ihre Empfehlungen ausweitete und die vorgeschriebenen Zeitabstände verkürzte, wurde der begehrte Biontech-Impfstoff plötzlich zur Mangelware.

Hamburg schneidet im Booster-Ranking schlecht ab. Im norddeutschen Vergleich belegt die Hansestadt mit einem Anteil von knapp über 36 Prozent Drittgeimpfter einen der letzten Plätze der Tabelle. Für die Ausbreitung der Omikron-Variante ist das fatal. Denn gegen eine Ansteckung mit der Mutation hilft vor allem die Booster-Impfung.

Inzidenz von Geimpften in Hamburg wird falsch angegeben – Zahl der Impfdurchbrüche zu niedrig

Bleiben wir gleich beim Impfen. Denn auch der zweite Faktor hängt mit den Impfdaten Hamburgs zusammen: Kurz vor Weihnachten musste Bürgermeister Peter Tschentscher gestehen, dass die Inzidenz von Geimpften sowie Ungeimpften wochenlang falsch angegeben worden war. Alle Infizierten, bei denen Unklarheit zum Impfstatus bestand, wurden zu den Ungeimpften gezählt.

Damit fiel die Inzidenz der Geimpften und die Zahl der Impfdurchbrüche zu niedrig aus. Obwohl eine Bereinigung der Zahlen versprochen wurde, was das natürlich perfektes Futter für alle Querdenker und Corona-Leugner. Erst am vergangenen Samstag, 8. Januar 2022, legte eine mehr als 13.000 Menschen umfassende Corona-Demo die ganze Innenstadt lahm.

Skandal um Impfzentrum im Hauptbahnhof: Impfungen müssen nachgeholt werden

Zusätzlich zu den Impfzahlen scheint Hamburg auch die Impfzentren nicht im Griff zu haben. Das zeigt der Skandal um das Impfzentrum im Hauptbahnhof, zu dem jetzt sogar die Staatsanwaltschaft ermittelt. Dieses privat-ärztlich betriebene Angebot wurde genehmigt, musste jedoch bereits eine Woche später wieder geschlossen werden. Gründe dafür waren Hygienemängel, fehlende Aufklärungsgespräche und eventuell eine falsche Lagerung der Impfstoffe. Außerdem wurde die vorgeschriebene überwachte Ruhepause offenbar nicht immer ernst genommen.

Die Elbphilharmonie in Hamburg und ein positiver Corona-Nachweis.
Hamburg ist Omikron-Hotspot – wie konnte es so weit kommen? (24hamburg.de-Montage) © imago

Das Zentrum wurde von einer Briefkastenfirma und einem dubiosen Arzt betrieben – der nun womöglich sogar untergetaucht ist. Aufgrund der mangelhaften Durchführung der Impfungen empfiehlt die Sozialbehörde jetzt allen dort Geimpften, sich erneut impfen zu lassen. Auch das sorgt für zusätzliches Chaos und Misskommunikation.

Zu wenige Testmöglichkeiten in Hamburg – trotz 2G-Plus: bei Schnelltests und PCR-Tests

Aber nicht nur beim Impfen in Hamburg geht einiges schief. Auch die Testmöglichkeiten lassen zu Wünschen übrig – besonders in Hinblick auf die neue 2G-Plus-Regelung. Dafür, dass nun jeder nicht-Geboosterte für Restaurants, Bars und Fitnessstudios einen negativen Testnachweis benötigt, sind nicht ausreichend Kapazitäten vorhanden. Aus dem Grund machen erste Restaurants jetzt sogar dicht: Unter anderem Tim Mälzers „Bullerei“ – von den Fans wird er dafür gefeiert.

Auch für PCR-Tests, die einen deutlich sichereren Nachweise einer Covid-Infektion ermöglichen, gibt es lange Warteschlangen und -zeiten. Dem Hamburger Abendblatt zufolge arbeitet der Arztruf auf Kante und die Labore ächzen. Dabei werden PCR-Tests bei den steigenden Inzidenzen immer wichtiger. Besonders, weil viele Schnelltests keinen sicheren Nachweis einer Infektion darstellen.

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Schnelltests an Hamburger Schulen oft fehlerhaft – Ärger der Betroffenen wächst

Das zeigen auch Schnelltests, die in Mengen für Hamburger Schulen bestellt wurden – und tausendfach falschen Alarm schlagen. Seit der Präsenzunterricht in Schulen wieder eingeführt wurde, müssen die Schülerinnen und Schüler mit Schnelltests regelmäßig nachweisen, dass sie nicht an Corona erkrankt sind. Doch seitdem Hamburg den Schnelltest-Anbieter – ohne erkennbaren Grund – gewechselt hat, zeigen diese regelmäßig falsche Positiv-Ergebnisse an.

Dem Abendblatt zufolge war in manchen Familien mit zwei Kindern jede Woche mindestens eins laut Test an Corona erkrankt. Positiv getestete Kinder mussten sich anschließend einen anderweitigen Schnelltest oder sogar einen teuren PCR-Test besorgen. Was folgte, war zunächst Verunsicherung und bald eine große Verärgerung der Familien. Auch hier lässt die Organisation und Planung also definitiv zu Wünschen übrig.

Keine Kontaktnachverfolgung von Corona-Infizierten in Hamburg mehr

Zu guter Letzt – und das ist fast die verheerendste Folge der überlasteten Gesundheitsämter – findet in Hamburg fast keine Kontaktnachverfolgung mehr statt. Personen, die also nachweislich Kontakt mit einer infizierten Person hatten, werden darüber von den Behörden nicht mehr in Kenntnis gesetzt. Die Gesundheitsämter verlassen sich jetzt auf die Vernunft und Eigenverantwortung ihrer Bürger. Auf diese Weise können viele mögliche Infektionen unentdeckt bleiben. Das ist bei der momentan grassierenden Omikron-Variante fatal.

Es hapert also an einigen Ecken und Enden beim Bezwingen der Corona-Pandemie in Hamburg. Dagegen ankämpfen können wir nur mit steigenden Booster-Zahlen und ausgebauten Test-Angeboten. Es wird Zeit, dass Hamburg wieder Herr über die Lage wird und die Kontrolle zurückgewinnt. * 24hamburg.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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