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Wilhelmsburg: Mehr als Fatih Akin

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Von: Kevin Goonewardena

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Der Rethespeicher in Hamburg-Wilhelmsburg
Der Rethespeicher in Hamburg-Wilhelmsburg. (24hamburg.de-Montage) © Kerstin Bittner/imago

Hamburg-Wilhelmsburg gilt als der soziale Brennpunkt Hamburgs. Doch eigentlich hat Deutschlands größte Binneninsel viel mehr zu bieten.

Ländliche Idylle, abgerockte Arbeiterviertel, quietschbunte Künstler-WGs, mondäne Stadtvillen: Das alles ist Hamburg. Jede Woche samstags gehen wir auf Streifzug. Heute sagen wir: #ahoiwilhelmsburg

Hamburg-Wilhelmsburg – Lange hatte der Stadtteil Hamburg-Wilhelmsburg, der auf der größten Flussinsel Deutschlands liegt, einen ziemlich schlechten Ruf. Der Anteil an Mitbürgerinnen und Mitbürgern mit Migrationshintergrund, die Arbeitslosenquote oder die Zahl der Leistungsempfänger liegt immer noch über dem Hamburger Durchschnitt, doch Hamburg-Wilhelmsburg ist längst nicht mehr der schmuddelige Stadtteil mit hoher Kriminalitätsrate, wie er es noch bis Mitte der 2000er Jahre gewesen ist. Unser heutiger virtueller Streifzug zeigt, warum.

Drei schnelle Facts – Schon gewusst?

■ Das Restaurant Soul Kitchen, Namensgeber für Fatih Akins gleichnamigen Film, befand sich eigentlich in Altona und wurde für den Film in die alte Industriehalle nach Wilhelmsburg verpflanzt. Der Erfolg des Films führte dazu, dass eben diese Halle unter dem Namen Soul Kitchen auch nach Drehende für Veranstaltungen genutzt wurde. 2012 wurde die Location dann von den Behörden aufgrund von Baufälligkeit geschlossen.

■ Williamsburg (Borough of Brooklyn, NYC) ist nicht etwa nach deutschen Einwanderern aus Hamburg-Wilhelmsburg benannt. Anders als New York selbst, dass zuerst den Namen New Amsterdam durch Niederländer erhielt. Der New Yorker Stadtteil wurde zu Ehren des im Amerikanisch-Britischen Kriegs für die Verteidigung New Yorks zuständigen Offizier Jonathan Williams von Bushwick in Williamsburg umbenannt. Der Wilhelmsburger Burgerladen Williamsburger (Veringstraße 28) spielt mit dem Namen des New Yorker Stadtteil.

■ Der Tod des sechsjährigen Jungen Volkan im Jahr, der von zwei Kampfhunden in einer Wilhelmsburger Großwohnsiedlung angefallen und zu Tode gebissen wurde, führte zu mehreren Gesetzesänderungen die Züchtung, Einfuhr und Haltung von bestimmten Hunderassen betrifft.

Hamburg-Wilhelmsburg: Großprojekte als Veränderungsmotor

Die Aufwertung des Stadtteils begann mit einer veränderten Politik, die ab 2004 unter dem Konzept „Sprung über die Elbe“ ihre Augen und Aktivitäten vermehrt auf Wilhelmsburg und den Süderelbe-Raum setzte. Nicht zuletzt mit der Beteiligung Hamburg-Wilhelmsburgs an der Internationalen Bauausstellung (IBS, 2006 bis 2013) und der Ausrichtung der Internationalen Gartenschau (IGS, 2013) in dem extra dafür angelegten Wilhelmsburger Inselpark unweit der ebenfalls im Rahmen dieser Projekte aufgewerteten Neuen Mitte Wilhelmsburg rund um die Station Wilhelmsburg der S-Bahn Hamburg.

Mehr als 1000, teils exklusive Wohnanlagen wurden im Zuge der Projekte errichtet. Mit der großflächigen Parkanlage Inselpark, eingeteilt in unterschiedliche Themenbereiche, und einem breiten Angebot von Freizeitmöglichkeiten wie beispielsweise einer Boulderhalle, einem Hochseilgarten oder einem Outdoor-Beton Skatepark, stieg auch das Ansehen Wilhelmsburgs in der Außenwirkung. Der Stadtteil auf der Elbinsel zu der auch Georgswerder, Stillhorn, Kirchdorf und Moorwerder gehören und dessen nördliche Spitze die Veddel bildet, bietet bis heute allerlei Kontraste von ländlich geprägten Gebieten über Großwohnsiedlungen, Hafen-/und Industriegebieten bis hin zu modernen Quartieren und quirligem Kiezleben. Wilhelmsburg hat sich nicht zuletzt in den letzten fünfzehn Jahren vom sozialen Brennpunkt zu einem beliebten Stadtteil zum Wohnen, Arbeiten und Ausgehen entwickelt.

Hamburg-Wilhelmsburg: Gentrifizierung mit Augenmaß

Der Nachteil: Die in Gang gesetzten Gentrifizierungsprozesse sind heute an manchen Stellen unübersehbar, doch Hamburg-Wilhelmsburg hat dennoch nach wie vor viel von seinem alten Charme erhalten. Hippe Cafés, Burgerläden und ähnliche unübersehbare Anzeichen eines Veränderungsprozesses findet man mit etwa im Knusperkeks (Veringstraße 30), Cafe Trauminsel (Veringstraße 44) oder Williamsburger (Veringstraße 28). Doch die Läden lassen sich insgesamt an einer Hand abzählen und die Gentrifizierung scheint hier fast schon organisch getrieben und nicht mit dem Vorschlaghammer zu erfolgen. Großinvestoren gibt es hier nicht.

Hamburg-Wilhelmsburg: Geschichtlicher Rückblick auf den alten Industriestadtteil

Wilhelmsburg ist der flächenmäßig größte Stadtteil Hamburgs und hat die fünftgrößte Einwohnerzahl. Ein Viertel der Bewohner ist unter 25 Jahren, was den Stadtteil vergleichsweise jung macht. Mit den Altbauten, netten Lokalen und dem Inselflair entdecken auch immer mehr Menschen das Viertel als ihr neues Zuhause. Noch bis Mitte der 19. Jahrhunderts lebten in Hamburg-Wilhelmsburg vor allem Bauern und Schiffszimmerer. Einige Jahre später fand die Chemie- und Ölindustrie die Elbinsel und nahm sie in Anspruch. Noch bis heute prägen die alten Fabriken das Stadtbild, noch heute steht dort die Weidenmühle G. Plange und produziert das bekannte Diamant-Mehl. Übrigens: Eine richtige Windmühle und zwar eine der ältesten Norddeutschlands findet man in Wilhelmsburg auch noch: Die Windmühle Johanna, in Alt-Kirchdorf nur circa fünf Minuten Busfahrt von der S-Bahn Station Wilhelmsburg entfernt. Und doch ist man dort in einer anderen Welt. Die Mühle ist zu besichtigen, es gibt außerdem ein Cafe mit leckerem Kuchen und Brot und Mühlenmehl (Ja, die Mühle mahlt noch!) in der Backstube zu kaufen.

Die Soul Kitchen Halle in Wilhelmsburg
Die Soul Kitchen Halle von der Kanalseite aus gesehen. Seit 2012 ist die Halle wegen Baufälligkeit geschlossen © Kevin Goonewardena/privat

Durch eine Explosion in der Hafenwirtschaft Ende des 19. Jahrhunderts wurden neue Arbeitskräfte benötigt. Die neuen Arbeiter kamen aus verschiedenen Ländern – in der Hoffnung, hier Arbeit zu finden und ein besseres Leben. Um sie unterzubringen, wurde Wohnraum in Wilhelmsburg geschaffen, unter anderem im Reiherstieg-Viertel. Noch heute leben die Nachfahren der Gastarbeiter in Wilhelmsburg. Die damalige Arbeiterbewegung förderte die Stadtentwicklung, die Bildungsveranstaltungen und sozialen Wohnbau. Sportvereine waren sehr beliebt und junge Arbeiter tradierten im „Athletenclub“ oder in einem der anderen fünfzehn Turnvereine.

Hamburg-Wilhelmsburg: Drehort von Kultfilmen wie „Soul Kitchen“ und „Nordsee ist Mordsee“

Schon vor dem Zweiten Weltkrieg kamen die Menschen auf die Elbinsel, um zu feiern. Die vielen Bars, Kneipen und Tanz-Clubs luden junge Leute in das Viertel. Auch heute ist Wilhelmsburg aufgrund seiner innenstadtnahen Lage, dem vielen Grün und Wasser – nicht nur die Elbe umschließt Wilhelmsburg, der Stadtteil ist auch von zahlreichen Kanälen durchzogen – dem multikulturellen und oft alternativen Flair beliebt bei jungen Leuten.

2008 sorgte der international bekannte Filmemacher Fatih Akin*, der in Ottensen aufwuchs und auch heute noch in seinem Kiez lebt, durch seinen Film „Soul Kitchen“ für ein deutschlandweit bekanntes und mit Wilhelmsburg verbundenes Symbol – dabei wurde das namensgebende Restaurant aus Akins Film, der mit der im Film erzählten Geschichte die Gentrifizierungsprozesse in der Stadt sichtbar machte, in Wilhelmsburg lediglich nachgebaut. Die „Soul Kitchen-Halle“ am Veringkanal wurde im Anschluss als Event- und Veranstaltungslocation genutzt und ist bis heute ein weit über die Grenzen Hamburgs bekanntes Symbol für Stadtteil und Filmemacher.

Schon einmal erfuhr Wilhelmsburg cineastische Ehren: Der Hamburger Kultfilm „Nordsee ist Mordsee“ (1976) der Hamburger Filmlegende Hark Bohm (Regisseur, Drehbuchautor, Produzent, Schauspieler und emiretierter Professor) spielte größtenteils in Wilhelmsburg. So ist etwa die Wohnung die Hauptcharakters Uwe und seine Familie in dem Film bewohnten, unter der Adresse Neuenfelder Straße 86 in der Großwohnsiedlung am S-Bahnhof zu finden. Am dortigen Luna Center befand sich im Film auch der Lebensmittelladen in dem Uwes Mutter arbeitete und eine Kneipe, die die Filmclique um Uwe überfällt. Weitere Drehorte waren etwa am Veringkanal. Auch der Wasserturm am Krankenhaus Groß Sand ist im Film zu sehen, wie „Hamburg Sub & Pop. Ein Guide zur Alternativ- und Untergrundkultur der Stadt“ verrät.

Bohm arbeite übrigens mit Akin an mehreren Drehbüchern, unter anderem zu der Literaturverfilmung „Tschick“ und dem Golden Globe Gewinner „Aus dem Nichts“*, der auch für einen Oscar nominiert war. Die Musik zum Film „Nordsee ist Mordsee“ schrieb derweil ein anderer bekannter Hamburger, auch wenn dieser gar nicht aus Hamburg stammt: Der seit Jahrzehnten im Atlantic Hotel an der Alster residierende Rocksänger Udo Lindenberg. Dort kann man übrigens für 5000,00 Euro Udos Nachbar werden. Wer also das nötige Kleingeld hat.

Hamburg-Wilhelmsburg: HotSpot Hamburger Musikfestivals im Sommer

Das jährliche Reeperbahn-Festival mag vor allem für die Musikbranche von größerer Bedeutung sein, schließlich bietet es nicht nur Konzerte, sondern auch ein umfassendes Konferenz-Programm mit Vorträgen, Panels, Seminaren und Workshops an. Das lockt mit jeder Ausgabe tausende internationale Gäste aus der Musikindustrie an die Veranstaltungsorte auf St. Pauli rund um die weltberühmte Reeperbahn.

Den Sommer über wird jedoch auf der Elbinsel Wilhelmsburg gefeiert, genauer gesagt im Uferpark am Reiherstieg. Dockville, Spektrum, Butterland, Artville und Co heißen die Veranstaltungen, die über den Sommer verteilt tausende Musikliebhaber auf das Veranstaltungsgelände ziehen, die einer riesigen Open Air Galerie gleicht: Denn ein Teil der für das Kunstfestival Artville angefertigen Kunstwerke wird nach dem Ende des Festivals nicht wieder abgebaut.

Das Kulturzentrum Wilhelmsburg am Dursun Akcam-Ufer
Das Kulturzentrum Wilhelmsburg am Dursun Akcam-Ufer © Kevin Goonewardena/privat

So ist in den vergangenen Jahren eine öffentlich zugängliche kostenlose Freiluft-Kunstlandschaft entstanden, an der sich Besucher und Besucherinnen auch abseits der Veranstaltungen erfreuen können. Diese bilden von Indie- über Elektronica bis hin zu HipHop alle gängigen Stilrichtungen ab. Dabei beweisen die Macher immer wieder aufs Neue ihr Gespür für die Trends von morgen. So konnten sie neben vielen deutschen Künstlern und Künstlerinnen, die später ihren Durchbruch feierten, auch US-Superstar Billie Eilish für einen Auftritt gewinnen, als sie hierzulande noch weitestgehend unbekannt war. Verknüpft sind die Festivals auch eng mit der Stadt und dem Stadtteil. So werden Nachwuchskünstlerinnen gefördert, Vereine und Institutionen eingebunden und Anwohner bekommen vergünstigte Tickets.

Nicht nur an einem Ort, sondern im ganzen Stadtteil lassen sich bei 48h Wilhelmsburg Bands und Solo-Künstler beziehungsweise -Künstlerinnen auf der Straße, in Kneipen, Cafés und anderen Orten erleben. Gespielt hat bei der Veranstaltung die auch weit über Hamburg hinaus bekannte Band Kettcar, deren Sänger und Grand Hotel van Cleef-Labelbetreiber Marcus Wiebusch (früher: ...But Alive) in Hamburg-Wilhelmsburg aufgewachsen ist.

Hamburg-Wilhelmsburg: Große linke Szene

Mit dem Infoladen in Wilhelmsburg, dem Black Ferry-Shop, dem von der Räumung bedrohten Wohnprojekt Fährstraße 115 oder dem neuen, queer-feministischen Kulturzentrum und Wohnprojekt RIA sowie dem Veranstaltungsfloss Schaluppe finden sich in Wilhelmsburg viele links-alternative Treffpunkte. Auch die Zinnwerke mit dem weit bekannten Flohmarkt FlohZinn oder die Honigfabrik zählen zu dem sehr nachbarschaftlich geprägte Kulturangebot des Stadtteils, die auch Bestandteil verschiedener Touren im Alternativ- und Undergroundstadtführer Hamburg Sub & Pop ist.

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Hamburg-Wilhelmsburg: Die Welt an einem Tag erleben

Heute kann man an einem Tag die ganze Welt auf der Wilhelmsburg-Insel erleben. Ob Wasser, Land oder Stadt – alles gibt es in dem größten Stadtteil. Mit der Fähre lässt es sich leicht vom Zentrum nach Wilhelmsburg fahren. An der Schleuse lohnt es sich, durch das beliebte Reiherstieg-Viertel zu spazieren und die stuckverzierten Gründerzeithäuser bewundern. Auf dem Stübenplatz, dem Wilhelmsburg-Hotspot, findet zweimal in der Woche der Wochenmarkt statt. Weiter am Kanal findet sich die Künstlerszene.

Das Atelierhaus23 beherbergt seit Herbst 2013 eine aktive Künstlercommunity und das Kreativzentrum Wilhelmsburger Zinnwerke.. An der Ernst-August Schleuse (von der wochentags auch eine Fähre zu den St. Pauli Landungsbrücken fährt) läuft man entlang des Wassers am Spreehafen. An warmen Tage sitzen auf dem grünen Deich junge Leute und genießen ein Bier, aus der Entfernung sieht man Schafe grasen und über dem Horizont die Elbphilharmonie in Hamburg. *24hamburg.de, fr.de und merkur.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

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