Unterricht während Coronavirus-Pandemie

Hamburger Schulen im Coronavirus-Chaos – Lehrer protestieren wegen Überforderung

  • Laura-Marie Löwen
    vonLaura-Marie Löwen
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Optimismus bei den Politikern, scharfe Kritik von Lehrern und Schulen: Seit Montag findet der Schulunterricht in Hamburg teilweise wieder statt. Kann das überhaupt gelingen?

  • Schulen in Hamburg haben wieder für einige Schüler geöffnet – der Schulsenator fordert einen Unterrichtstag mehr pro Woche.
  • Lehrer äußern scharfe Skepsis und schreiben einen Protestbrief an Schulbehörde.
  • Schulen in Dänemark zeigen: So kann Unterricht während der Coronavirus-Krise dennoch funktionieren.

Update vom 5. Mai, 11:15 Uhr: Wie das Hamburger Abendblatt berichtet, haben zahlreiche Lehrer ihre Unzufriedenheit über die Schulöffnungen in Coronavirus-Zeiten geäußert. Gymnasialschulleiter sollen jetzt einen Beschwerdebrief an Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) verfasst haben. Darin kritisieren sie das Vorgehen der Schulbehörde stark.

Viele Lehrer und Schulen seien mit der derzeitigen Situation schier überfordert: „Die teilweise widersprüchlichen, kurzfristigen und gleichzeitig akribisch gestalteten politischen und behördlichen Steuerungsimpulse überfordern gegenwärtig alle schulischen Akteure“, schreiben die Schulleiter. Weiter heißt es: „Wir befürchten, dass diese hohe Motivation aufgrund einer tiefgreifenden Verunsicherung durch praxisferne und überfordernde Rahmensetzungen für den Präsenzunterricht sinken könnte. Bei allen behördlichen Maßnahmen ist zu bedenken, dass die Kollegien am Rande ihrer Kräfte arbeiten“.

Die Schulbehörde weist die Kritik unterdessen von sich und bezeichnet die Beschwerden des Schulleiterverbands als „überzogen und nicht nachvollziehbar“. „Die Behauptungen entsprechen in Vielem nicht dem, was uns Schulleitungen in vielfachen regelmäßigen Schaltkonferenzen mitteilen“ so Behördensprecher Peter Albrecht. Hamburgs Schulsenator Ties Rabe erklärte gegenüber dem Hamburger Abendblatt, dass Hamburg sich an die bundesweiten Beschlüsse halten werde und bei den Coronavirus-Maßnahmen in der Schulpolitik keine Ausnahmen eingehen werde.

Hamburger Schul-Unterricht im Coronavirus-Chaos? „Grob fahrlässig!“

Erstmeldung vom 29. April, 12:28 Uhr: Hamburg – Seit Montag, 27. April haben die Schulen in Hamburg für einige Klassen wieder geöffnet, bald ziehen weitere Klassenstufen nach. Eine Rückkehr zum regulären Schulbetrieb bis zu den Sommerferien sei laut Hamburgs Schulsenator Ties Rabe nicht denkbar - allerdings fordert er nun einen Tag mehr Unterricht für die Schüler pro Woche. Doch wie sieht die Realität aus? Sind die Schulen für diesen Schulbetrieb in Coronaviruszeiten überhaupt gut genug aufgestellt oder handelt es sich um bloßes Wunschdenken der Politik?

Schulen in Hamburg haben seit Montag wieder teilweise für einige Schüler geöffnet. Nicht alle sind davon begeistert.

Hamburg in Coronavirus-Krise: Schulöffnungen – das ist der Stand

Seit dem 27. April wurden Hamburgs Schulen für einige ausgewählte Klassenstufen wieder geöffnet, ab dem 4. Mai sind weitere Schulöffnungen in Hamburg geplant. Die Schulbehörde Hamburg informiert auf ihrer Website über Maßnahmen und Sicherheitsvorkehrungen, unter denen der Schulunterricht derzeit stattfindet: Demnach werden Klassen in kleine Lerngruppen mit höchstens 15 Schülerinnen und Schülern aufgeteilt. Die eine Hälfte der Lerngruppen würde in der Schule unterrichtet , die andere Hälfte als Fernunterricht zu Hause. Weiterhin sollen WC-Anlagen sollen zwei Mal am Tag gereinigt werden, Seifenspender und Desinfektionsmittel stetig wieder aufgefüllt werden. Zeitversetzte Pausen oder getrennte Aufenthaltsbereiche sollen - so die Schulbehörde - die Infektionsgefahr verringern.

Seit 27. April
StadtteilschulenKlassenstufen Neun, Zehn und 13
GymnasienKlassenstufen Zehn und Zwölf
Regionale Bildungs- und BeratungszentrenKlassenstufen Neun und Zehn
Berufsbildende Schulen Abschlussklassen bekommen erste Präsenzangebote
Ab 4. Mai
GrundschuleKlassenstufe Vier
GymnasienKlassenstufen Sechs bis Elf
Stadtteilschulen Klassenstufe Zwölf

Hamburger Schulsenator Ties Rabe fordert: Ein Tag Schule pro Woche

Einen geregelten, normalen Schulbetrieb wird es in diesem Schuljahr allerdings nicht mehr geben - so verkündeten es Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher und Schulsenator Ties Rabe auf einer Pressekonferenz am Dienstagmittag. Es sollen zwar alle Kinder und Jugendlichen noch vor den Sommerferien wieder in die Schule gehen, allerdings nur tage- oder wochenweise. „Jede Schülerin und jeder Schüler soll bis zu dem Beginn der Sommerferien tage- oder wochenweise die Schule besuchen können“, heißt es in einem Rahmenkonzept der Kultusministerkonferenz für das Gespräch der Ministerpräsidenten mit Angela Merkel.

Schulunterricht in Hamburg während der Coronavirus-Krise: So sieht es wirklich aus

Erst kürzlich berichtete 24hamburg.de über die wachsende Unzufriedenheit bei Hamburger Schülern, die trotz Coronavirus ihre Abiturprüfungen schreiben sollen. Wie sieht die Lage an Hamburger Schulen mittlerweile aus? Der Norddeutsche Rundfunk (NDR) besuchte die Ida Ehre Schule in Hamburg , die seit Montag unter strengen Hygieneregulierungen wieder einige Schüler unterrichtet. Die Schulleiterin Nicole Boutez sieht ihre Schule dank ergriffener Sicherheitsmaßnahmen zwar erst einmal als gut gerüstet.

Weniger begeistert von den Schulöffnungen in Hamburg sind allerdings die Lehrergewerkschaften - Anja Bensinger-Stolze vom Landesverband Hamburg der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kritisiert das Vorgehen der Politik stark: „Der Betrieb in halben Klassen, mit doch recht engen Räumen, wo sich die Schüler doch begegnen werden – das ist aus unserer Sicht im Moment grob fahrlässig. Da wird die Gesundheit der Beschäftigen und der Lehrkräfte aufs Spiel gesetzt“. Da muss auch Schulleiterin Boutez zustimmen: „Das ist so“.

Bensinger-Stolze bemängelt weiterhin, dass der von der Schulbehörde vorgeschriebene Hygieneplan kaum einzuhalten sei: „Wir bekommen jetzt schon - seit dieser Woche sind die Schulen ja schon voller – die Rückmeldungen: Die Abstandsregelungen können nicht eingehalten werden, es gibt nicht genügend Desinfektionsmittel.“ Klar ist vor allem eins: Die weiteren Schulöffnungen werden für alle Beteiligten nur mit sehr viel Zusatzaufwand zu bewältigen sein. Das gilt auch für Inklusion in Zeiten der Coronavirus-Krise: Eltern von Kindern in Hamburger Schulen kritisieren Maßnahmen, bei denen Schüler mit Behinderung hinter Glaswände gesperrt werden.*

„Das ist grob fahrlässig!“, sagt Anja Bensinger-Stolze von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft kritisiert die Schulöffnungen in Hamburg.

Beispiel Dänemark: So kann Schulunterricht während der Coronavirus-Krise gelingen

In Dänemark haben Kitas und Schulen bereits seit dem 15. April unter strengen Auflagen wieder geöffnet. Diese sehen vor: Es darf in Schulen nicht weniger als vier Quadratmeter Fläche pro Kind geben. Außerdem muss an Tischen zwei Meter Abstand voneinander gehalten werden, draußen dürfen die Kinder höchstens in Fünfergruppen spielen. Sie dürfen kein Essen und keine Süßigkeiten teilen. Die Hände müssen sie sich mindestens alle zwei Stunden waschen. Spielzeuge, Toiletten, Tische, Griffe und Schalter müssen zwei Mal am Tag gereinigt und desinfiziert werden, so berichtet es die Tagesschau.

Bisher scheint die Umsetzung gut zu klappen. Der NDR besuchte eine Grundschule im dänischen Tondern und stieß auf positives Feedback. Der Grundschullehrer Jan Kutsch sieht bisher in seinem Unterricht wenig Probleme: „Während des Unterrichts sind da keine Probleme. Die Kinder heben den Finger hoch, wenn sie was sagen wollen, sie kommen nicht direkt zu mir, es werden keine Stifte untereinander getauscht. Also es funktioniert richtig, richtig gut“. Ob und wie gut die weiteren Schulöffnungen in Hamburg ab dem 4. Mai gelingen, das wird sich erst noch zeigen müssen.

dpa/lml

Quelle: 24hamburg.de

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Rubriklistenbild: © Daniel Reinhardt/picuture alliance/dpa

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