Termine geschwänzt!

Hamburger Praxis impft Fußgänger spontan gegen Corona

  • Matthias Udwardi
    VonMatthias Udwardi
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Weil immer mehr Deutsche ihre Impftermine schwänzen, reagiert eine Hamburger Praxis mit unkonventionellen Methoden. Passanten werden auf der Straße angesprochen und kurzfristig geimpft.

Hamburg – Mit dem Wegfall vieler Restriktionen nimmt die Angst vor Corona weiterhin ab. Dadurch entstehen aber auch Probleme, wie sich nun herausstellt. Viele Deutsche nehmen ihren zweiten Impftermin nicht wahr und machen stattdessen lieber Urlaub. Doch die vorbereiteten Wirkstoffe müssen schnellstmöglich verimpft werden. Um sie nicht wegwerfen zu müssen, impft eine Praxis in Hamburg nun spontan Passanten von der Straße.

Stadt:Hamburg
Fläche:755,2 km²
Gegründet:500 n. Chr.
Bevölkerung:1,841 Millionen (2019)
Bürgermeister:Peter Tschentscher

Die Hamburger Internistin Freya Vila Jurk versucht alles, um die Impfdosen zu retten. Zuerst wurden die Wartelisten abgearbeitet, danach die Geschäfte in der Umgebung. Nachdem diese versorgt waren, sprachen Mitarbeiter Fußgänger vor der Praxis an. Ein junger Mann freute sich über den Spontantermin. Natürlich wird die Impfung dokumentiert. Einen Sticker für den Impfpass bekommt man spätestens beim zweiten Impftermin.

Hamburg zeigt vor, wie man verschmähte Impfdosen retten kann

Nicht nur das Fernweh ist ein Grund dafür, dass Impftermine nicht wahrgenommen werden. Viele haben sich schon vor Wochen in mehreren Arztlisten eingetragen, um den schnellstmöglichen Termin zu bekommen. Nach der ersten Impfung werden die anderen Listen ignoriert oder schlichtweg vergessen. Doch für die Praxen stellt diese Nachlässigkeit ein großes Problem dar. Auch das Nürnberger Land hat noch viele übrige Impfdosen und freie Termine*.

Spontane Coronaimpfung für Fußgänger vor Hamburger Praxis. (24hamburg.de-Montage)

Das Beispiel Hamburg zeigt aber vor, wie man künftig damit umgehen kann. Vila Jurk freut sich über die positive Reaktion der Befragten. „Die meisten Menschen, auf die wir zugehen, nehmen die übrigen Impfungen gern an“, erkärt die Ärztin der MOPO. Außerdem ziehen andere Impfwillige oft nach, nachdem sie mitkriegen, dass alles reibungslos abläuft. Vila Jurk spricht sich daher für den deutschlandweiten Einsatz mobiler Teams an solchen Knotenpunkten aus.

Mobile Impfzentren: die Meinungen gehen auseinander

Laut der Sozialbehörde sind in Hamburg bereits mobile Impfteams in Jobcentern, Bürgerhäusern und religiösen Einrichtungen geplant. Dennis Thering, Oppositionsführer der CDU in Hamburg unterstützt eine schnellere Impfaktion*. Mobile Teams könnten auch in Shoppingcentern die impfbereite Bevölkerung besser erreichen. Zusätzlich bieten alle Impfzentren in der Stadt Hamburg nun auch Impfungen ohne Termin für Handwerker an.

Die Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) ist jedoch anderer Meinung. Sie unterstützt zwar die Zusammenarbeit mit Jobcentern und Bürgerhäusern, wo die Klientel hinreichend bekannt sei. Wahllos Passanten in Einkaufszentren zu fragen hält sie aber nicht für sinnvoll. Dazu stützt sie sich auf Beobachtungen aus anderen Ländern, die zeigen, dass diese Personen ihre Zweittermine nur bedingt wahrnehmen würden. „Und dann ist nichts gewonnen.“, erklärt die Politikerin dem Hamburger Abendblatt.

Vielfältige Gründe für die fallende Nachfrage nach Impfstoffen

Seitdem die Ständige Impfkommission (StiKo) Kreuzimpfungen empfiehlt*, sinkt das Interesse vor allem an AstraZeneca zusehends. All jene, die bei der ersten Impfung noch AstraZeneca bekamen, sollen bei der zweiten Impfung auf Biontech umsteigen. Seitdem ist der Wirkstoff nicht nur in der Hamburger Praxis ein Ladenhüter. Etwa achtzig Dosen sind übrig, die im Herbst auslaufen. Doch keiner will sie haben. Sozialsenatorin Leonhard befürchtet, dass viele Impfstoffe zurückgeschickt werden müssen.

Außerdem sind viele Deutsche immer noch zurückhaltend oder skeptisch gegenüber einer Coronaimpfung. Doch Leonhard hofft weiterhin auf eine erhöhte Impfbereitschaft*in den kommenden Wochen und Monaten. Ein Bußgeld für Impfverweigerer hält sie dennoch nicht für sinnvoll. „Wer sich die Impfung woanders besorgt hat, weil er in den Urlaub wollte, der lässt sich vermutlich auch von 25 Euro nicht abschrecken.“, so die Ministerin. *24hamburg.de und merkur.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Rene Traut/dpa & Markus Scholz/dpa

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