Protest aus Notwehr  

An der Alster machte ein Pop-up-Radweg auf Nöte der Radfahrer in Coronazeiten aufmerksam

  • Christian Domke Seidel
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In Hamburg an der Alster protestierte der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) mit einem Pop-up-Radweg für mehr Platz im Straßenverkehr. Einerseits, um die Sicherheit in der Coronapandemie zu gewährleisten, andererseits um die Verkehrspolitik zu kritisieren. Mit deutlichen Worten. 

  • Temporäre Radwege können in der Coronavirus-Krise helfen, den Mindestabstand einzuhalten.
  • In Hamburg an der Alster machte der ADFC vor, wie das aussehen kann.
  • Die aktuelle Verkehrspolitik wird scharf kritisiert.

Hamburg - Während der Coronapandemie empfiehlt das Robert-Koch-Institut einen Mindestabstand von 1,5 Metern. Eine Maßnahme, die Radfahrer aus Platzmangel auf vielen Radwegen in Hamburg schlichtweg nicht umsetzen können. Ein Zustand, den Dirk Lau, Pressesprecher des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) in Hamburg, im Gespräch mit 24hamburg.de scharf kritisiert: „Die Stadt ignoriert das eben. Sie lässt die Radfahrer auch in der Coronapandemie einfach weiter auf viel zu wenig Platz fahren.“

Wer in Hamburg an der Alster radelt, muss streckenweise gute Nerven haben. Die Radwege sind aus Sicht des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) zu schmal.

Hamburg mit Pop-up-Radweg an der Alster

Um diesen Missstand anzuprangern, protestierte der ADFC kreativ und konstruktiv an der Alster. Vom Hotel Atlantic bis zur Schwanenwikbrücke knöpfte der Verein den Autofahrern eine Fahrspur ab. Eine Strecke von immerhin 750 Metern. Eine etwas andere Art der Demo, die natürlich bei der Stadt angemeldet war. So konnten die Radfahrer den geforderten Mindestabstand einhalten und auch die Fußgänger hatten nun ausreichend Platz. 

Am Sonntag, 3. Mai (zwölf Uhr mittags bis zehn Uhr abends) und Montag, 4. Mai (sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends) hatten Radler freie Fahrt. Und die nutzten sie. Eine Zählung am Montagmorgen zwischen 7:30 Uhr und 8:30 Uhr erfasste 769 Radfahrer. Einziges Manko aus Sicht des ADFC: es handelte sich lediglich um eine temporäre Lösung. Eben um einen Pop-up-Radweg.

Doch genau die könnten während der Coronapandemie eine Lösung sein, um Radfahrern und Fußgängern an neuralgischen Punkten im Hamburger Verkehr den benötigten Sicherheitsabstand zu bieten. Die  Stresemannstraße, die Kieler Straße, die Wandsbeker Chaussee und die Elbchaussee sind dabei aus Sicht des ADFC die dringlichsten Problemfälle. Aus dieser Sicht sei die Aktion ein voller Erfolg gewesen, resümiert Lau: „Sie zeigt, wie unterdimensioniert an dieser Stelle - wie auf vielen anderen Hauptstraßen in Hamburg - die von der Stadt angebotenen Radwege sind und welch katastrophale Bedingungen dort oft herrschen.“

Verkehrswende in Hamburg? Stimmen sie ab!

Weitere Maßnahmen dieser Art sind aktuell nicht geplant. Zum einen, weil der ADFC derzeit noch Geld sammelt, um die finanzielle Lücke zu schließen, die der Protest an der Alster hinterlassen hat. Um mit Hütchen die Fahrbahn abzutrennen, musste ein entsprechendes Bauunternehmen engagiert werden, das ähnliche Arbeiten beispielsweise auch auf Autobahnen übernimmt. Rund 1.500 Euro an Kosten fielen insgesamt an. 

Forderungen des ADFC an die Hamburger Regierung

Zum anderen möchte der ADFC abwarten, wie die Hamburger Regierung auf einen Antrag von „Die Linke“ bezüglich der Verkehrsplanung reagiert. Die Partei um die Vorsitzenden Olga Fritzsche und David Stoop will den Fahrrad-Club unterstützen. Der hat per offenem Brief vier Kernforderungen an die Verkehrspolitik formuliert: 

  • - Temporäre Fahrradwege auf mehrspurigen Straßen
  • - Ausgewählte Wohnstraßen für Fußgänger freigeben
  • - Tempo 30 überall dort, wo Radfahrer im Mischverkehr unterwegs sind
  • - Abschalten der Druckampeln bei gleichzeitigem Vorrang für Radfahrer und Fußgänger

Forderungen, die in erster Linie dazu gedacht sind, den Verkehr während der Coronapandemie sicherer zu machen. Die aber auch ein Testlauf für eine Verkehrswende samt neuer Radwege nach diese Zeit sein soll. „Wir fordern natürlich, dass es eine breite Fahrspur für Radfahrer auf allen Hauptstraßen/Magistralen gibt. Klimafreundlicher Verkehr ist keine temporäre Aufgabe, sondern muss dauerhaft vorrangig gefördert werden“, sagt Lau im Gespräch. Und der Protest geht weiter. Mit einer Online-Petition und einem Rad-Aktionstag.

Doch viel Hoffnung macht er sich nicht: „Ich befürchte leider, SPD und Grüne werden sich jetzt nicht trauen, unsere Forderung nach einer Spur fürs Rad an der Alster umzusetzen.“ Im Hinblick auf die aktuellen Koalitionsverhandlungen formulierte Lau auch einen klaren Anspruch an die kommende Hamburger Regierung: „Ich erwarte, dass smarte, also messbare und wirksame Sofortmaßnahmen ergriffen und nicht nur wieder schöne Worte verloren werden. Jetzt ist die Zeit, die Verkehrswende und eine gerechte, zukunftsfähige Neuaufteilung des Straßenraums vorzunehmen. Klotzen – und nicht wie bislang vor sich her kleckern, muss die Devise lauten. “ Und ausgerechnet beim Thema „Verkehrspolitik“ geraten sich Grüne und SPD in die Haare.

Bei seinem Protest im Rahmen der Coronamaßnahmen ist der ADFC auch nicht allein. Auch von der Reeperbahn kommen nach sieben Wochen des tatsächlichen Lockdowns mahnende Worte.

Christian Domke Seidel, 24hamburg.de

Rubriklistenbild: © Daniel Bockwoldt/picture alliance/dpa

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