Cannabis als Medizin

Hamburger Polizisten drücken Schmerz-Kiffer zu Boden – Richter gibt dem Opfer Recht

  • Enno Eidens
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Vier Polizisten drücken einen Mann zu Boden, auf der Wache muss er sich nackt ausziehen. Der Fall landet vor Gericht, ein Hamburger Richter stellt sich auf die Seite des Schmerz-Kiffers.

  • Cannabis-Patient wird von Hamburger Polizei* verhaftet.
  • Brutale Szenen: Vier Polizisten auf 63-Kilo-Mann.
  • Richter geht von falschem Verhalten der Polizei aus.

Hamburg/St. Georg Medizinisches Cannabis ist ein kompliziertes Thema in Deutschland. Erst seit dem Jahr 2017 ist es überhaupt möglich, dieses verschrieben zu bekommen. Doch als Cannabis-Patient Matthias K. mit einem Joint in Hamburg * von der Polizei festgehalten wird, kommt es zu brutalen Szenen. Der Fall ist nun vor Gericht.

PflanzeHanf
Wissenschaftlicher NameCannabis
Höhere KlassifizierungHanfgewächse
RangGattung
OrdnungRosenartige

Hamburger Polizisten drücken Cannabis-Patienten zu Boden – Richter gibt dem Opfer recht

Die Hamburger taz und Vice.com berichten von dem Vorfall, der sich bereits im September des Jahres 2018 ereignete und nun vor dem Amtsgericht St. Georg in Hamburg verhandelt wird. Am Dienstag, 7. Juli 2020 wurde Matthias K. dort vorgeladen. Ihm wird der tätliche Angriff auf Vollstreckungsbeamte sowie Körperverletzung vorgeworfen. Alles fing mit einem Joint an, den der unter chronischen Schmerzen leidende K. fast immer im Mund hat – anders kann er seine Krankheit nicht ertragen.

Matthias K. leidet an Fibromyalgie, einer chronischen Schmerzerkrankung. Haut, Gelenke und Muskel schmerzen durchweg, das Einschlafen fällt schwer. Wer Sport macht, kennt den Schmerz einer Zerrung oder eines Muskelkaters. Diesen Schmerz haben Betroffene der Krankheit ständig. Matthias K. darf medizinisches Cannabis kaufen, aktuell muss er es sogar noch selber bezahlen. Der Konsum sei notwendig „um überhaupt laufen und stehen zu können“, sagte K. vor dem Amtsgericht in St. Georg.

Davon weiß die Hamburger Polizei nichts, als K. mit einem Joint im Mund vom ZOB (Busbahnhof) zur S-Bahn am Hauptbahnhof läuft. Die Aufforderung stehenzubleiben ignorierte K. – er ging einfach weiter und sagte schlicht: „Ich darf das.“ Noch während er sein Cannabis-Rezept aus der Tasche holen wollte, wurde er von den Polizisten zu Boden geworfen. Vier Polizisten mussten Matthias K. am Boden festhalten. Der Mann wiegt 63 Kilogramm.

Medizinisches Cannabis und die Hamburger Polizei vertragen sich nicht. (24hamburg.de-Foto-Montage)

Matthias K. wehrt sich gegen Hamburger Polizei – Anklage wegen Körperverletzung

Dabei habe Matthias K. um sich getreten und geschlagen, sagte einer der Hamburger Polizisten aus. Dieser Polizist habe eine „leichte Verletzung am Nagelbett“ davongetragen. Matthias K. gab an, dass man ihm ein Knie in den Nacken gedrückt habe und kaum noch hätte atmen können. Diese Situation hielt eine knappe halbe Stunde an. Erst dann haben die Hamburger Polizisten in die Brieftasche von Matthias K. geguckt und das Cannabis-Rezept entdeckt.

Seinen Medizin-Joint nahmen die Hamburger Polizisten ihm auch ab, dafür bogen die Polizisten seinen Daumen so weit, dass Matthias K. sich einen Kapselriss zuzog. Das Geld in der Brieftasche wurde von der Polizei für Dealergeld gehalten, auf der Wache musste Matthias K. sich ausziehen. Nach einem Telefonat mit seiner Apothekerin durfte er gehen, bis dahin war er fünf Stunden auf der Wache. Das erinnert an die festgenommenen Minderjährigen am Hamburger Bahnhof (24hamburg.de berichtete), auch sie mussten lange in Zellen verharren und sich für die Polizei ausziehen. Tragischer endete ein Polizeieinsatz gegen einen Hamburger Influencer in Amsterdam. Dieser starb nach Schüssen.

Hamburger Richter mit harter Kritik an Einsatz der Polizei

Der zuständige Richter beruhigte Matthias K. und kritisiert die Hamburger Polizei. Weder für Körperverletzung noch für einen tätlichen Angriff wolle man ihn verurteilen. Nur der Widerstand gegen die Maßnahme der Polizei könnte ein Problem für K. werden. Dennoch sagte der Richter eindeutig: „Ich gehe davon aus, dass der Beamte unverhältnismäßig und damit rechtswidrig gehandelt hat.“ Nun müssen allerdings noch die anderen beteiligten Polizisten vorgeladen werden. Möglicherweise könnte dann sogar das Verfahren wegen Geringfügigkeit eingestellt werden.

Das ist kein Freispruch für Matthias K., aber der Richter hat zudem darüber gesprochen, dass der Staat das Verfahren bezahlen würde. Laut Anwalt von Matthias K. sei das ein „politisches Signal“, da so der Staatsanwaltschaft die Möglichkeit der Revision genommen wird. Aktuell gibt es, das ergab eine Anfrage der Linken Fraktion im Jahr 2018, noch kein standardisiertes Verfahren der Hamburger Polizei im Umgang mit Cannabis-Patienten.

In Deutschland wird häufig über eine mögliche Legalisierung oder Entkriminalisierung von Cannabis zu medizinischen oder rein genüsslichen Konsumzwecken diskutiert. Die Tageszeitung Münchner Merkur berichtete im Februar 2020 über die Cannabis-Legalisierungs-Pläne der SPD-Bundestagsfraktion*. Darauf gab es geteilte Reaktionen, die Unionsparteien (CDU und CSU) sind weiterhin stark dagegen.  * 24hamburg.de und merkur.de sind Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Rubriklistenbild: © Axel Heimken/Oliver Berg/dpa/picture alliance

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