Hamburger EU-Abgeordneter

Nach Rassismus-Skandal: Semsrotts Rückzug – Mitglieder trauern

  • Jens Kiffmeier
    vonJens Kiffmeier
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Rassistische Witze und keine Kritikfähigkeit: Darum trat Hamburgs EU-Abgeordneter Nico Semsrott aus„Die Partei“ aus – sehr zum Bedauern vieler Mitglieder.

  • Mit einer Erklärung bei Twitter ist Nico Semsrott aus der Satirepartei „Die Partei“ ausgetreten.
  • Der Grund: Ein rassistischer Witz von Parteigründer Martin Sonneborn.
  • Eine Entschuldigung kam zu spät: Semsrott macht nun alleine im EU-Parlament weiter.

Hamburg – Die Entschuldigung kam zu spät: Mit Bedauern hat Parteigründer Martin Sonneborn auf den Rückzug von Hamburgs Europa-Abgeordneten Nico Semsrott aus der Satirepartei „Die Partei“ reagiert. Es sei ihm nicht bewusst gewesen, dass sich jemand durch den Aufdruck eines satirisch gemeinten T-Shirts rassistisch diskriminiert fühlen könnte, erklärte der Parteivorsitzende und EU-Parlamentarier. Doch die öffentliche Stellungnahme brachte nichts mehr. Semsrott hält an seinem Entschluss am Rückzug fest. Bei vielen Mitgliedern löste der Schritt bei Twitter Zuspruch, aber auch Bedauern aus.

Politiker in Deutschland:Nico Semsrott
Geboren:11. März 1986 in Hamburg
Ämter:Europaparlamentarier seit 2019
Berufe: Kabarettist, Satiriker, Slam-Poet

Zuvor hatte der Satiriker Nico Semsrott seinen Parteiaustritt ebenfalls via Twitter verkündet. Der 34-Jährige, der in der Hansestadt Hamburg geboren und aufgewachsen ist, begründete dies damit, wie Parteichef Martin Sonneborn mit Rassismusvorwürfen umgehe. „Ich finde seine Reaktion auf Kritik falsch und inakzeptabel. Das ging mir in der Vergangenheit schon in anderen Fällen so“, heißt es in einer verbreiteten Erklärung.

Anlass für den Rücktritt aus „Die Partei“: Ein Witz auf einem T-Shirt

Hintergrund ist unter anderem ein mittlerweile gelöschter Tweet Sonneborns von vergangener Woche. Dort war der Parteivorsitzende mit einem T-Shirt zu sehen, dessen Schriftzug suggeriert, Asiaten könnten kein „R“ aussprechen. Die Reaktionen waren gewaltig.

Viele Nutzer reagierten scharf und beschwerten sich, dass man sich dadurch beleidigt fühlen könnte. Doch statt einzulenken, legte Sonneborn nach: Er verbreitete einen Tweet, der ein Cover der Satire-Zeitschrift Titanic zeigte, deren Chefredakteur er früher einmal war. Dazu schrieb er: „So, und jetzt bitte schön diskutieren, was Satire darf & soll, die Grenzen bitte nicht vergessen. Merke: der erste Zugriff („Wah! Rassismus!“) ist oft nicht der beste.“

Gehen jetzt getrennte Wege: Die EU-Parlamentarier Nico Semsrott (links) und Martin Sonneborn (Die Partei). (24hamburg.de-Montage)

Das war für Semsrott dann zu viel. Statt neues Sperrfeuer erwartete er vom Parteigründer eigentlich ein paar entschuldigende Worte – die trotz mehrmaliger Aufforderung aber nicht kamen. Daraufhin verkündete Semsrott seinen Rücktritt. Zu Begründung warf er Sonneborn einen „ignoranten Umgang mit Feedback“ vor. Wenn sich Menschen von seinen Postings rassistisch angegriffen fühlten, müsse er eigentlich gar nicht viel tun. Es reichten „Mitgefühl und der Respekt vor den Betroffenen, um das eigene Verhalten zu korrigieren“, twitterte Semsrott.

Twitter: Nico Semsrott erhält Anerkennung

Viele Nutzer und Parteimitglieder goutieren den Schritt des 34-Jährigen mittlerweile mit Applaus: „Nico #Semsrott erklärt seinen Austritt aus Die Partei, weil er den anti-asiatischen Rassismus von Martin #Sonneborn und seine völlig empathiefreien Reaktionen auf Kritik nicht länger mittragen kann. Danke für diese stabile Haltung!“, schrieb etwa ein User. „Respekt für Nico Semsrotts Statement. Wir fühlen mit ihm“, meinte ein anderer. Und wiederum ein anderer twitterte: Semsrott habe die richtigen Konsequenzen gezogen, aber „bei Sonneborn sei leider Hopfen und Malz völlig verloren“.

Das Twitter-Gewitter ging am Ende am gescholtenen Parteigründer nicht spurlos vorbei. Nach tagelangen Dauerbeschuss gab er nach. „Wenn ein Witz zu rassistischer Verletzung führt, statt Reflexionsanstöße zu geben oder zumindest ein befreiendes Lachen nach sich zu ziehen, dann ist es ein misslungener Witz. Es tut mir leid, dass Menschen durch die Reproduktion dieser Stereotype verletzt wurden“, teilte er der Deutschen Presseagentur (dpa) mit. Er habe mit dem T-Shirt satirisch auf die Polemiken des US-Präsidenten* reagieren wollen.

Einen vollständigen Rückzug will Semsrott aber nicht machen. Zusammen mit Sonneborn wurde der Hamburger 2019 ins Europaparlament gewählt. Während der Parteichef lieber fraktionslos blieb, schloss sich Semsrott der grünen EU-Fraktion an. Daran soll sich nun nichts ändern. Trotz seines Parteiaustritts werde er sein EU-Mandat behalten und in Brüssel weiterarbeiten, stellte der Satiriker klar. *24hamburg.de und merkur.de sind Teil des Ippen-Digital-Netzwerkes

Rubriklistenbild: © Phillipp von Ditfurth/dpa

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