Evangelische Kirche Deutschlands

Missbrauch in der Kirche: 785 Opfer wollen Wiedergutmachung – Evangelische Kirche muss aufarbeiten

  • Christian Domke Seidel
    vonChristian Domke Seidel
    schließen

Nur langsam und zögerlich klärt die evangelische Kirche ihre Missbrauchsvorwürfe auf. 785 Fälle liegen mittlerweile vor. Hamburgs Bischöfin Kirsten Fehrs erklärt den Prozess. 

  • Die Evangelische Kirche Deutschland arbeitet seit Jahren einen Missbrauchsskandal auf.
  • Jetzt zieht die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs Bilanz: 785 Fälle bislang.
  • Eine Studie soll die Dunkelziffer aufdecken.

Hamburg – Über elf Jahre ist es her, dass ein Missbrauchsskandal die Evangelische Kirche Deutschland erschütterte. Am 19. Januar 2010 erklärte Pater Klaus Mertes, Leiter des Canisius-Kollegs der Jesuiten in Berlin, dass Schüler in den 1970er und 80er Jahren missbraucht wurden. Viel zu zögerlich machte sich die evangelische Kirche an die Aufarbeitung dieses Dramas. Mittlerweile sind 785 Fälle bekannt. Im Interview mit der dpa versucht sich Hamburgs Bischöfin Kirsten Fehrs an einer Erklärung.

Religiöse Institution in HamburgBischofskanzlei Hamburg
AdresseShanghaiallee 12, 20457 Hamburg
Telefon040 36900210

Missbrauch in der evangelischen Kirche: 785 Opfer - Hamburgs Bischöfin Kirsten Fehrs im Interview

Nicht nur in der katholischen Kirche gab es Kindesmissbrauch. Im Januar 2010 erschütterte ein solcher Skandal auch die evangelische Kirche. Doch die Führung reagiert langsam und behäbig und musste dafür viel Kritik einstecken. Unter anderem von Opfern, wie es der Deutschlandfunk berichtet.

785 Missbrauchsfälle in der Evangelischen Kirche Deutschland: Hamburgs Bischöfin Kirsten Fehrs bezieht Stellung zur Aufklärungsarbeit. (24hamburg.de-Montage)

Der Kernvorwurf lautet, dass die Verbrechen bereits 2010 aufgedeckt wurden, aber erst 2018 auf die Agenda einer Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands kamen. Immerhin schaffte es die religiöse Gemeinschaft im Sommer 2019 eine Anlaufstelle für Missbrauchsopfer einzurichten. Hamburgs Bischöfin Kirsten Fehrs zieht nach einem Jahr im Interview mit der dpa Bilanz.

Hamburgs Bischöfin Kirsten Fehrs: Missbrauch in der evangelischen Kirche - Jahrelange Aufklärung bringt 785 Fälle ans Tageslicht

„Die Anlaufstelle ‚help‘ hat bis jetzt ungefähr 470 Anrufe erhalten, allerdings, wie sich herausstellte, nur zu einem Bruchteil von Menschen, deren Anliegen etwas mit der evangelischen Kirche zu tun hat. Unter den Anrufern waren 35 neue Fälle. Damit sind aus den Landeskirchen und der Diakonie derzeit insgesamt 785 Fälle in der evangelischen Kirche bekannt. Natürlich ist uns völlig klar, dass es ein Dunkelfeld gibt.“

Eine Studie soll das Ausmaß klären. Erarbeitet wird sie von Johannes-Wilhelm Rörig, Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung. Doch auch das wird wieder sehr viel Zeit in Anspruch nehmen.

Dunkelziffer erwartet: 785 Missbrauchsfälle in evangelischer Kirche - Hamburgs Bischöfin Kirsten Fehrs im Interview

„Die Studie untersucht nicht nur den Missbrauch durch Pfarrer, sondern es geht auch um Ehrenamtliche, Kirchenmusiker oder um Missbrauch in diakonischen Einrichtungen. Start der Studie ist im Oktober, in drei Jahren sollen Ergebnisse vorliegen“, erklärt Hamburgs Bischöfin Kirsten Fehrs im Interview mit der dpa.

Den Betroffenen hilft das direkt nicht weiter. Immerhin soll noch in diesem Sommer – elf Jahre nach Aufdeckung des Skandals – ein Betroffenenbeirat gegründet werden, um die Opfer bei der Aufarbeitung mit einbinden zu können, wie Kirsten Fehrs erklärt.

Hamburgs Bischöfin Kirsten Fehrs auf einer Pressekonferenz 2019: Schon damals ging es um die Aufklärung. Jetzt sollen nochmal eine dreijährige Studie folgen.

Hamburgs Bischöfin Kirsten Fehrs: „Pauschale Zahlungen plant die Kirche nicht“ - individuelle Entschädigung für die 785 Missbrauchsopfer

Auch an einer Entschädigung soll gearbeitet werden. Kirsten Fehrs: „Pauschale Zahlungen plant die Kirche nicht, sondern hält an ihrem System der individuellen Leistungen fest, die zumeist im Kontakt mit den betroffenen Menschen und nicht über ihre Köpfe hinweg festgelegt werden.“ Den Opfern gehe es nicht nur um Geld, sondern auch um Genugtuung: „Vielen betroffenen Menschen liegt aber auch an immaterieller Leistung, vor allem im Sinne eines Schuldbekenntnisses der Kirche. Das ist für viele oft genauso wichtig wie die Zahlung eines Geldbetrags.“ // Quelle: 24hamburg.de/Hamburg

Rubriklistenbild: © Axel Heimken/Daniel Bockwoldt/dpa/picture alliance

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare