Hamburger Ärzte empört

Krankschreibungen: Corona-Erfolge in Gefahr

Es ist eine Hand zu sehen, die Probenröhrchen hält. Auf der durchsichtigen Verpackung steht mit Filzstift Corona geschrieben.
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Hamburger Ärzte sind empört über die Rücknahme der telefonischen Krankschreibung in Coronazeiten.
  • János Aladár Fehérváry
    vonJános Aladár Fehérváry
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Wer an einem Atemwegsinfekt leidet, muss für ein Attest wieder in eine Praxis. Aufgrund des Coronavirus konnten sich Patienten bisher per Telefon krankschreiben lassen. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hatte die Ausnahmeregelung am Freitag wieder gekippt.

  • Krankschreibung per Telefon nicht mehr möglich.
  • Coronapatienten müssen in die Hausarztpraxen kommen.
  • Hamburger Mediziner sehen Erfolge in Gefahr.

Hamburg Ärzte sind entsetzt darüber, dass Patienten mit Erkrankungen der oberen Atemwege ab Montag, den 20. April 2020, wieder in die Arztpraxen zur Anamnese kommen müssen. „Dies gefährdet die bisherigen Erfolge in der Eindämmung der Coronapandemie“, sagt Frank Stüven, Vorsitzender des Hausärzteverbandes Hamburg und niedergelassener Allgemeinmediziner in Nettelnburg im Hamburger Abendblatt.

Coronavirus in Hamburg: Hausärzte warnen vor Praxen


„Die bisherige Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung hat uns geholfen, infektiöse von nicht-infektiösen Patienten zu trennen. Das wird durch die verfrühte Rollerückwärts nun wieder schwierig. Als Folge werden sich unsere Mehrfacherkrankten noch weniger in die Praxen trauen, obwohl es nötig ist“, so Stüven. Diese Meinung vertreten bundesweit alle 17 Landesverbände des Hausärzteverbandes.

Zudem haben die Praxen immer noch nicht genug Schutzkleidung, sodass die neue Regelung außerdem die Gesundheit der Praxismitarbeiter und -mitarbeiterinnen unnötig gefährdet, heißt es in einer Mitteilung des Hausärzteverband Hamburg.

Stopp der Ausnahme gefährdet Corona-Erfolge

Einen Missbrauch der telefonischen Regelung sieht Stüven nicht. Gerade Hausärzte kennen ihre Patienten sehr gut und könnten einschätzen, ob jemand die Situation ausnutzen will. „Wenn ich jemanden sehen muss, um die Schwere seiner Erkrankung zu erkennen, bestelle ich die Patienten in die Praxis ein“. Hausärzte seien der Schutzwall um die Krankenhäuser, um diese vor Überlastung zu schützen, sechs von sieben Coronapatienten werden ambulant behandelt.

Mehr Coronapatienten in den Praxen erwartet

Jetzt müssten auch Patienten mit Verdacht auf Covid-19, die zu Hause in Quarantäne auf ihre Testergebnisse warten, wieder in die Praxen kommen, heißt es bei der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hatte die Ausnahmeregelung, nach der eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung für Versicherte mit Erkrankungen der oberen Atemwege auch telefonisch nach ärztlicher Anamnese festgestellt werden konnte, wieder gestoppt. Diese Ausnahme hatte der G-BA am Freitag gegen die Stimmen der Ärzte beendet.

„Insbesondere Coronapatienten müssen jetzt in die schutzmäßig nicht richtig ausgestatteten Praxen kommen. Das ist seuchenhygienischer Unsinn und auf Druck der Arbeitgeber wohl zustande gekommen“, sagt Matthias Riedl, ärztlicher Direktor und Geschäftsführer der medicum Hamburg MVZ GmbH dem Hamburger Abendblatt. „Es bedeutet aber auch, dass man Praxen zu Super-Spreadern macht. Wir müssen jetzt die Organisation wieder umstellen und die Mitarbeiter informieren und beruhigen. Die haben zunehmend mehr Angst sich anzustecken.“

Ärztekammerpräsident fordert Ausnahme bis Mai

Mit völligem Unverständnis reagiert Pedram Emami, Präsident der Ärztekammer Hamburg, auf die Entscheidung des Gemeinsamen Bundesauschusses (G-BA), die Attest-Bescheinigung per Telefon ab sofort zu stoppen. „Ärzte in Klinik und Praxis gelten als besonders gefährdet, sich mit dem Coronavirus zu infizieren. Die Entscheidung, dass Patienten mit Erkrankungen der oberen Atemwege wieder in die Praxis kommen müssen, nur um sich eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung abzuholen, ist in dieser Situation – und vor dem Hintergrund der Knappheit von Schutzausrüstung – völlig kontraproduktiv. Ärzte sowie medizinische Fachangestellte diesem hohen Risiko auszusetzen, gefährdet nicht nur sie selbst, sondern alle Patienten und nicht zuletzt die gesamte Bevölkerung.“ Warum dieses unnötige Risiko eingegangen werden müsse, erschließe sich ihm nicht. Emami fordert die Politik auf, dafür Sorge zu tragen, dass die Regelung zur AU-Bescheinigung per Telefon sofort wieder – zunächst bis mindestens Anfang Mai – eingesetzt wird.

kostenpflichtige Krankschreibung bei Coronaverdacht

Die Bergedorfer Hausärztin Dr. Silke Lüder ist empört. „Wir als Praxisärzte werden gerade täglich völlig an der Nase herumgeführt, gestern noch diese Anweisung, heute wieder das Gegenteil. Die (unbekannt) Covid-Infizierten, von denen es real in den nächsten Wochen natürlich wieder mehr geben wird, sitzen dann Seit an Seit in den Wartezimmern mit unseren Krebspatienten. Wir können die Patienten „separieren“ aber das nur, wenn nur ganz wenige in die Praxis kommen. Inzwischen wird es aber schon wieder voller.“

Lüder kritisierte außerdem die Praxis einer Hamburger Firma, die Krankschreibungen im Internet gegen Bezahlung anbiete, ohne die Patienten überhaupt anzusehen. Die Firma werbe jetzt sogar mit kostenpflichtigen AU-Bescheinigungen bei Coronaverdacht.

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