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Deutsch sprechen, sonst Geldstrafe! Wirbel um Regel an Hamburger Gymnasium

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Von: Kevin Goonewardena

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Beim Verstoß gegen Sprachregeln an einem Gymnasium in Hamburg mussten Schüler eine Geldstrafe zahlen. Wie es dazu kam.

Hamburg – Diese Aktion sorgt für Gesprächsstoffs – und zwar bundesweit! An einem Gymnasium in Hamburg mussten bis vor kurzem all diejenigen unter der Schülerschaft zehn Cent in eine Kasse zahlen, die aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse während des Unterrichts zu einer anderen Sprache als der Deutschen griffen. Das berichtet unter anderem das Magazin Focus. Diese Maßnahme hätten sich die Schüler nicht nur selbst ausgedacht, sie habe sich „absolut bewährt“, wie eine Lehrerin dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ noch im Frühjahr sagte.

Mittlerweile sei die Aktion am Hammer Louise-Weiß-Gymnasium beendet worden, schreibt der Focus weiter und beruft sich dabei auf die Hamburger Schulbehörde. Dass die kuriose Aktion überhaupt zustande kam, hat einen ernsten Hintergrund.

Name:Freie und Hansestadt Hamburg
Bevölkerung:1, 7 Millionen
Anteil von Menschen mit ausländischen Wurzeln:710.579 (Ende 2021)
Anteil von Menschen mit ausländischen Wurzeln in Prozent:37,4 Prozent an der Bevölkerung

Gymnasium in Hamburg: Geldstrafe, wenn kein Deutsch gesprochen wird

Das Louise-Weiß-Gymnasium verfolgt den Ansatz, dass geflüchtete Kinder erst einmal gutes Deutsch zu sprechen lernen, bevor sie von einer der zwei sogenannten „internationalen Vorbereitungsklassen“ (IVK) in die Regelstufe wechseln. Das Sprechen in der Muttersprache ist weder an der Schule, noch in einer der IVKs grundsätzlich verboten. Doch irgendwann, so erzählt es Peter Albrecht, Sprecher der Schulbehörde von Senator Ties Rabe (SPD), dem Focus, habe der Austausch in der Muttersprache „teilweise so stark überhandgenommen, dass ein guter Deutschunterricht nicht mehr möglich war.“ Daraufhin seien die Schüler selbst kreativ geworden und hätten sich die Maßnahme ausgedacht. 10 Cent musste fortan in eine Kasse durch die Schüler und Schülerinnen gezahlt werden, die während des Kurses kein Deutsch gesprochen haben.

Jens Spahn und die englischsprachigen Bedienungen: Fehlgeschlagene Integration?

Zweifelsohne ist das Erlernen der Landessprache ein wichtiger Bestandteil für den erfolgreichen Abschluss des Integrationsprozesses – oder? In einer multikulturellen Gesellschaft sollte die Festlegung auf eine Sprache eigentlich keine Rolle mehr spielen. Für Jens Spahn und andere mag es zwar ärgerlich sein, dass in „manchen Berliner Restaurants die Bedienung nur Englisch spricht“, davon ableiten, dass diese und andere hier lebende Menschen, die kein Deutsch sprechen, weniger integriert sein, lässt sich nicht.

Lehrerin, Kinder und ein Deutsch-Lernbuch
Besser Deutsch lernen: Wer an einer Hamburger Schule kein Deutsch sprach, musste 10 Cent in eine Kasse einzahlen. Die kuriose Aktion hatte sich die Schülerschaft selbst ausgedacht. © Sämmer / Imago

Integration in Deutschland: Weniger privilegierte Gruppen gefährden Einreise und Aufenthaltstitel

Hierzulande mit zweierlei Maß gemessen: Irene Götz, Professorin für Europäische Ethnologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, etwa kritisiert im Jahr 2016 in einem Gastbeitrag für den Spiegel das Nicht- oder nicht zufriedenstellende (fortwährende) Erlernen der Deutschen Sprache ein „Integrationshindernis“ für weniger privilegierte Gruppen unter den Zuwanderern darstellt. Kommen bestimmte Gruppen Immigranten nicht der Aufforderung Deutsch zu lernen nach, hat das die Gefährdung des Aufenthaltstitels oder die erstmalige Einreise selbst zur folge.

Integration in Deutschland: Zweierlei Maß bei den Sprachkenntnissen

Während bei bestimmten Staatsangehörige durch Zwang und Strafe das Erlernen der deutschen Sprache bewirkt werden soll; gilt ein vorab oder nach der Einreise erbrachter Sprachnachweis nicht für „Staatsangehöriger Australiens, Israels, Japans, Kanadas, der Republik Korea, Neuseelands, der Vereinigten Staaten von Amerika oder des Vereinigten Königreichs Großbritannien und Nordirland, heißt es auf der Seite make-it-in-germany.com, einer Webpräsenz mit der die Bundesregierung um Fachkräfte aus dem Ausland wirbt.

Mit Sprachkenntnissen fühlt sich Familie in Deutschland am wohlsten

Dennoch würde „Ihre Familie [wird] sich in Deutschland aber bestimmt am wohlsten fühlen, wenn alle etwas Deutsch sprechen“, heißt es dort maximal naiv formuliert weiter. Vielleicht aber auch nicht. Das Setzen auf Freiwilligkeit hat im politischen Deutschland nicht erst seit Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner Tradition. Während manche Immigranten also die Wahl haben, ob sie die “Sprache der Dichter und Denker“ erlernen, werden andere zu ihrem vermeintlichen Glück gezwungen. Ob ein Araber sich genauso gut wie ein US-Amerikaner auf Englisch verständigen kann, spielt keine Rolle, ebenso wenig wie nicht kontrolliert wird, ob der in Deutschland sesshaft gewordene Israeli nach 10 Jahren die hiesigen Landessprache beherrscht oder nicht. Gleich 15 Jahre mogelte sich gar der Badener Joachim L durch‘s Berufsleben - L., der nie einen Hehl daraus gemacht hat, dass er alles außer Hochdeutsch konnte, brachte es ohne Sprachnachweis bis in die Riege von Kanzlerin Angela Merkel und Pabst Benedikt XVI.

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Aktion an Gymnasium in Hamburg beendet: Bescheidener Erfolg – Geld reicht nicht für Eis-Essen

Zurück nach Hamburg: Die Aktion am Hammer Louise-Weiß-Gymnasium sei mittlerweile beendet, schreibt der Focus. Ob durch die Schulleitung, die Schulbehörde oder die Schüler und Schülerinnen selbst ist nicht bekannt. Auch der pädagogische Erfolg der Maßnahme lässt sich nur schwer beziffern. Ein Hinweis könnten die kolportierte Höhe der Einnahmen geben, die dank der Sprachverstöße in der Gemeinschaftskasse gelandet sind: Drei Euro seien so laut des Magazins für gemeinsames Eis-Essen zum Start der Ferien zusammen gekommen. „Damit es für ein Eis für alle reicht“, so die nicht namentlich genannte Lehrerin, müssten die Schüler nun noch etwas Geld dazugeben.

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