Machtkampf beendet

Grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock: – „Sie verändert die Welt“

  • Jens Kiffmeier
    vonJens Kiffmeier
    schließen

Annalena Baerbock ist die Kanzlerkandidatin der Grünen bei der Bundestagswahl 2021. Die 40-Jährige setzte sich am Montag gegen Robert Habeck durch.

Hamburg – Die Entscheidung ist gefallen: Annalena Baerbock soll die Kanzlerkandidatin der Grünen werden. Der Bundesvorstand nominierte die 40-jährige Parteivorsitzende als Spitzenkandidatin für die anstehende Bundestagswahl im kommenden September, wie die Partei am Montag bekannt gab. „Ich werde mich für einen klimagerechten Wohlstand einsetzen und stehe für einen politischen Neuanfang“, sagte Baerbock bei einem gemeinsamen Auftritt mit Co-Parteichef Robert Habeck.

Deutsche Politikerin:Annalena Charlotte Alma Baerbock (Grüne)
Geboren:15. Dezember 1980 (40 Jahre), in Hannover
Privat:verheiratet, zwei Kinder, wohnhaft in Potsdam
Aktuelle Ämter:Bundesvorsitzende und Bundestagsabgeordnete

Bei dem Votum des Bundesvorstandes handelt es sich formal um eine Empfehlung. Eine endgültige Entscheidung fällt auf einem Parteitag Anfang Juni. Eine Zustimmung gilt aber als sicher. Baerbock und Habeck, die beide im Vorfeld ihr Interesse an dem Spitzenposten bekundet hatten, führen die Partei seit 2018 gemeinsam. Beide hatten sich einen überaus fairen Machtkampf geliefert.

Kanzlerkandidatin der Grünen: Annalena Baerbock für Bundestagswahl nominiert

Mit der nun gefallenen Entscheidung wurden monatelange Spekulationen beendet. Baerbock und Habeck hatten die Kandidatur in aller Stille untereinander ausgemacht. Im Gegensatz zur Union, wo sich NRW-Ministerpräsident Armin Laschet und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) ein erbittertes Duell liefern, seien die Grünen der ruhende Pol in der politischen Landschaft, betonte Habeck. „Wir treten uns nicht die Beine weg“, sagte der frühere schleswig-holsteinische Umweltminister. Das sei das Geheimnis für den grünen Erfolg.

Sie führt die Grünen als Kanzlerkandidatin in die Bundestagswahl: Parteichefin Annalena Baerbock. (24hamburg.de-Montage)

Umfragen sehen die Grünen* derzeit mit 20 Prozent als zweitstärkste Kraft knapp hinter der Union. Deshalb hatte sich die Partei entschieden, zum ersten Mal in der Geschichte einen Kanzlerkandidaten zu benennen. Baerbock ist seit 1949 erst die zweite Frau nach Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die sich in Deutschland bei einer Bundestagswahl um das höchste Regierungsamt bewirbt. Keiner der bisherigen Kanzlerkandidaten war jünger.

Möglichen Zweifeln an ihrer Eignung als Kanzlerin trat die brandenburgische Bundestagsabgeordnete mit einer kämpferischen Antrittsrede entschieden entgegen. Sie stehe für ein neues Verständnis von Politik, in der „Wertschätzung, aber auch das Hören auf Kritik“ ihren Platz habe, sagte sie. Ja, sie habe noch nie ein Regierungsamt innegehabt. Aber sie stehe mit Demut und Respekt genauso vor der Aufgabe wie mit Entschlossenheit. Sätze wie „Das haben wir immer so gemacht“ werde es mit ihr nicht geben. „Wir wollen einen echten Neuanfang wagen“, rief sie.

Die Schaffung eines klimagerechten Wohlstandes nannte Baerbock als ihr zentrales Anliegen. „Das ist der Maßstab und die Aufgabe meiner Generation“, sagte die Parteichefin der Grünen. Dazu zähle die klimagerechte Förderung von Industrie und Mittelstand ebenso wie der Ausbau der Digitalisierung oder des Nahverkehrs oder die Transformation von alter und neuer Technologien. Als Beispiel für enormes Wachstumspotenzial nannte Baerbock dabei den Ausbau von Wasserstoff.

Annalena Baerbock gegen Robert Habeck: Bei den Grünen galt die Frau schon lange als Favorit

Bereits im Vorfeld hatte Baerbock zusammen mit Habeck ein neues Wahlprogramm* erarbeitet, das mit pragmatischen Ansätzen auf die Mitte der Gesellschaft zielt. Habeck selber, der laut Baerbock im Wahlkampf weiterhin als Co-Chef eine zentrale Rolle spielen und die Vorbereitung der Grünen auf die Regierung steuern soll, lobte die 40-Jährige in einem Schreiben an die Parteimitglieder als eine „energische, willensstarke Frau, mit einem klaren politischen Kompass“. Sie sei „hart in der Sache“ und sei „getrieben von dem Verlangen, die Welt zu verändern“.

Glückwünsche zur Nominierung gab es auch vom politischen Gegner. „Ich freue mich auf einen spannenden und fairen Wettstreit um das beste Konzept für die Zukunft unseres Landes“, twitterte Vizekanzler Olaf Scholz (SPD). Der ehemalige Erste Bürgermeister der Hansestadt Hamburg zieht selber als SPD-Kanzlerkandidat in das Rennen um die Merkel-Nachfolge – und buhlt dabei ziemlich offen auch um grüne Wähler.

Sie ist getrieben von dem Verlangen, die Welt zu ändern.

Robert Habeck über Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock

Die Bekanntgabe der grünen Personalie war mit Spannung erwartet worden. Dem Vernehmen nach soll die Entscheidung zwischen Habeck und Baerbock bereits vor Ostern im kleinen Kreis gefallen sein. „Wir haben uns nicht geschont“, gestand Habeck. Aber es gehe nicht nur um zwei Personen, sondern am Ende um die Abwägung aller Interessen und Chancen.

Bei den Parteianhängern galt Baerbock schon seit längerem als Favorit. War sie vor drei Jahren bei ihrer Wahl zur Bundesvorsitzenden einem größeren Publikum noch eher unbekannt, trat sie schnell aus dem Schatten vom Talkshow erprobten Habeck heraus – ohne dabei ausschließlich auf die Frauenquote zu setzen. Mittlerweile glänzt sie durch Fach- und Detailwissen in den meisten politischen Feldern. Genauso gut beherrscht sie aber auch die Abteilung Attacke.

Annalena Baerbock: Frau, Mutter, Kanzlerin? Das ist die Kanzlerkandidatin der Grünen

Baerbock, geboren und aufgewachsen in der Nähe von Hannover, lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern seit Jahren in Potsdam. Dass sie sich trotz Familie den Spitzenposten nicht streitig machen lassen würde, hat sie immer wieder betont. Auch am Montag wurde sie nach ihrer Antrittsrede mehrfach zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie als Mutter befragt.

Baerbock antwortet seit Jahren gleich: Sie habe sich bereits vor drei Jahren bewusst mit ihrem Mann für eine aktive Rolle in der Politik entschieden. Alles sei in der Familie besprochen. „Ich weiß, wo mein Herz hingehört und wo mein Zuhause ist“, stellte sie klar.

Unterstützt wurde sie von Habeck, der selber vierfacher Vater ist und sich nie diese Fragen gefallen lassen muss. Im Brief an die Partei schrieb er: „Annalena Baerbock bringt die Leidenschaft und – ich würde sagen – Opferbereitschaft mit, diesem Amt alles unterzuordnen.“ * 24hamburg.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Kay Niefeld/dpa/picture alliance

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare