1. 24hamburg
  2. Hamburg

„Körperverletzung“: Zerkarien in Hamburger Freibad – Besucher rasten aus

Erstellt:

Von: Steffen Maas

Kommentare

Nach einem Besuch im Naturbad Kiwittsmoor klagen zahlreiche Gäste über schmerzhafte Ausschläge. Der untröstliche Betreiber widerspricht dem Vorwurf, die Besucher seien nicht informiert worden.

Hamburg – „Gesundheitsgefährdend“, „unverantwortlich“, „fassungslos“: Die sonst so positiven Bewertungen des Naturbads Kiwittsmoor in Hamburg sind seit einem Tag durchzogen von wütenden und enttäuschten Gästen. Im Wasser des Bades tummelten sich am Wochenende offenbar zahlreiche winzige Larven von Saugwürmern, die sogenannten Zerkarien. Deren Bisse lösen bei Menschen starke Hautausschläge aus, die die Betroffenen in Form von juckenden Pusteln bis zu 18 Tage quälen können.

Name:Badedermatitis
Auslöser:Zerkarien (Larve der Saugwürmer)
Symptome:Rötungen, Jucken, Bildung von Quaddeln und Papeln; Schwindel, Fieber und Schock selten bei starken allergischen Reaktionen
Verlauf:Juckreiz in den ersten Tagen, Hautveränderungen bis 18 Tage danach

Naturbad Kiwittsmoor: Zerkarien sorgen für starken Juckreiz

Die Rezensionen auf der Bewertungsplattform Google malen dabei alle ein düsteres Bild von ihrem Aufenthalt am Samstag, 18. Juni 2022, an dem das herrliche Wetter ins Freibad lockte: Starker Juckreiz schon beim Baden oder kurz danach, überfüllte Duschen mit weinenden Kindern, verzweifelte Eltern. „Noch sieben Stunden später leiden die Kinder unter dem Juckreiz und Quaddeln“, schreibt eine Besucherin des Naturbad Kiwittsmoor bei Google.

Was sind Zerkarien?

Als Zerkarien bezeichnet man die Larven von kleinen Saugwürmern. In einem ersten Stadium nutzen sie Wasserschnecken als Wirte, ehe sie im zweiten Stadium nach Wasservögeln suchen. Dabei kann es dann zum Kontakt mit Menschen kommen, bei dem sie als Fehlwirt die Oberfläche der Haut anvisieren.

Dieser Kontakt mit der Haut löst die sogenannte Badedermatitis aus, die sich beim Menschen – je nach Sensibilisierungsgrad– mit Jucken, einem juckenden Ausschlag und der Bildung von roten Flecken und Quaddeln äußert.

Die Badedermatitis ist nach 10 bis 18 Tagen überwunden, wenn die Hautveränderungen vollständig verschwunden sind. Bei der Behandlung helfen juckreizstillende und entzündungshemmende Salben und kalte Umschläge.

Manche Gäste forderten die sofortige Schließung des Bades und berichten sogar über anschließende Besuche in der Notaufnahme. Und dazwischen findet sich immer wieder der Vorwurf, dass der Betreiber von der Gefahr gewusst hätte – ohne die Besucher zu informieren. „Bisher waren wir gerne Gäste, aber das rücksichtslose Verhalten grenzt an Körperverletzung“, ist bei den Rezensionen zu lesen.

Saugwürmer im Naturbad Kiwittsmoor: Betreiber weist Vorwürfe zurück

Dem widerspricht Dirk Pommerening, 1. Vorsitzender des Hamburger Turnerbundes, der Pächter und Betreiber des Naturbades ist. „Es hängen zwei große Schilder am Eingang, die auf diese Gefahr hinweisen“, erklärt er. An der Kasse würden zudem Zettel ausliegen, die vor einer allergischen Reaktion auf die Zerkarienbisse warnen. Denn nicht jeder Mensch leidet gleich unter dem Larvenangriff, durch Allergien oder erhöhte Sensibilität kann es zu den schmerzhaften Ausschlägen kommen.

Saugwürmer, auch Zerkarien genannt lösen einen fiesen Ausschlag und Quaddeln aus.
Saugwürmer im Naturbad Kiwittsmoor: Eltern reagieren wütend. (24hamburg.de-Montage) © Lars Berg/imago & privat

„Wir hatten am Samstag ungefähr 1300 Badegäste und ich selbst war auch einige Stunden im Wasser, der Großteil der Gäste war nicht beeinträchtigt“, erinnert sich Pommerening. Doch mit Relativierungen und dem großen „Aber“ will der 1. Vorsitzende eigentlich gar nicht anfangen.

Kein Schönreden nach Zerkarien-Befall im Naturbad Kiwittsmoor: „Jedem hier ist das sehr, sehr unangenehm“

„Ich habe absolut kein Interesse daran, das Ganze schönzureden“, stellt er klar. „Wenn sowas auch nur einem Gast passiert, ist das schon einer zu viel, das muss man klar sagen.“ Er verstehe die Wut der betroffenen Gäste vollkommen und habe am Samstag bereits versucht, sein Bedauern persönlich vor Ort auszudrücken. „Das ganze Team ist mit Herzblut dabei und jedem ist das sehr, sehr unangenehm und es trifft uns sehr, wenn Gäste beim Besuch in irgendeiner Form Schaden nehmen“, bedauert er.

Wahnsinnig viel Schuld trifft die Verantwortlichen bei dieser Thematik wohl wirklich nicht. So gibt es keine Möglichkeit, das Wasser täglich auf die Zerkarien zu untersuchen oder zu testen und der Befall tritt im Normalfall sehr plötzlich auf. Maßnahmen mit der chemischen Keule sind im Naturbad im Wasserschutzgebiet, wie der Name schon verrät, ausgeschlossen. Und alle Vorkehrungen, die möglich sind, werden von den Kiwittsmoor-Verantwortlichen bereits unternommen.

Naturbad hatte Sonntag und Montag geschlossen

„Wir reinigen das Becken, wir verjagen die Wasservögel, die der Larve als Wirt dienen, wir holen mit Kescher ständig alles raus und wir pumpen regelmäßig das Wasser ab“, zählt Dirk Pommerening auf. „Das, was wir tun können, tun wir.“ Nach dem Horror-Tag am Samstag hatte das Bad am Sonntag und Montag geschlossen. Neues Wasser und eine Aufsicht, die dafür sorgt, dass für die Larven keine Enten als Wirte zur Verfügung stehen, sollen den Befall umkehren. Nach 48 bis 60 Stunden ohne Wirt stirbt die Zerkarie.

24hamburg.de Newsletter

Im Newsletter von 24hamburg.de stellt unsere Redaktion Inhalte aus Hamburg, Norddeutschland und über den HSV zusammen. Täglich um 8:30 Uhr landen sechs aktuelle Artikel in Ihrem Mail-Postfach – die Anmeldung ist kostenlos, eine Abmeldung per Klick am Ende jeder verschickten Newsletter-Ausgabe unkompliziert möglich.

Pommerening würde dann die frische Badesaison 2022 gerne angenehmer fortführen: „Wir hoffen sehr, dass es sich danach beruhigt.“ Im letzten Jahr hatte man nur einmal mit dem Thema Zerkarien zu tun gehabt und nicht mit so drastischen Auswirkungen wie jetzt. Der Turnerbund-Vorsitzende erzählt, dass er schon das Gespräch mit einem Biologen gesucht habe, um das Problem besser zu verstehen und mögliche langfristige Lösungen zu finden. Er versichert: „Wir nehmen das Thema sehr ernst.“

Stadtverwaltung fügt Online-Warnhinweis hinzu

Die Stadt Hamburg reagiert derweil kurzfristig: Auf Anfrage von 24hamburg.de teilt die Pressesprecherin Renate Pinzke im Namen der Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft (BUKEA) mit, dass man den Turnerbund gebeten habe, die Hinweise auf die Zerkarien-Gefahr zu verbessern. Auf der stadteigenen Homepage finden sich für alle, die sich über das Naturbad erkundigen wollen, zudem nun weitere Informationen zu den Saugwurm-Larven.

Ein aktueller Hinweis auf Zerkarien auf der Homepage der Stadt Hamburg.
Die Stadt Hamburg verweist auf ihrer Homepage jetzt auch auf die Zerkariengefahr. © Hamburg.de

Bei der Frage nach der Gefahr für andere Gewässer Hamburgs verweist Pinzke auf die Lieblingsbedingungen der Parasiten: „Ab Wassertemperaturen von 20 Grad Celsius kann es in naturnahen Gewässern mit Wasservögeln zum Auftreten von Zerkarien kommen“, so die Pressesprecherin, die ein Beispiel hinzufügt: „Vor allem im Naturbad Stadtparksee hatten wir in den letzten Jahren häufig Meldungen über Zerkarien.“

Drei Tipps zum Umgang mit Zerkarien

Bezüglich der Erkennung und Bekämpfung der Saugwürmer unterstreicht Renate Pinzke die Aussagen von Dirk Pommerening: Es gebe keine Möglichkeit, das Ausschwärmen der Zerkarien vorherzusagen und auch bei „Wasserqualitäts-Untersuchungen werden Zerkarien nicht bestimmt“. Zudem gebe es kein aktives Vorgehen zur Bekämpfung.

Drei wichtige Hinweise will die BUKEA den möglichen Badegästen noch an die Hand geben: Man solle sich zum einen nicht „unnötig lange“ in Flachwasserbereichen mit Ufervegetation aufhalten und zum anderen nach dem Verlassen des Wassers zügig die nasse Badebekleidung ablegen und sich kräftig mit einem Handtuch abtrocknen. Außerdem wird darum gebeten, keine Wasservögel zu füttern, da eine unnatürlich hohe Population das Risiko eines Zerkarienbefalls verstärkt.

Auch interessant

Kommentare