Interview mit Kitchen Guerilla-Chef

Gastronom Koral Elci: Kitchen Guerilla – Teilen als Philosophie

  • Leonard von Steuber
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Koral Elci ist wohl einer der beeindruckendsten Gastronomen Norddeutschlands. Im Interview mit 24Hamburg redet er über Teilen, Lockdown und die Soliküche.

Hamburg – Die Kitchen Guerilla hat sich in Hamburg im letzten Jahr so sehr sozial engagiert wie wohl kaum jemand anders. Fast 20.000 Mahlzeiten wurden für die knapp 2000 Obdachlosen in Hamburg gekocht, das Ziel sind 1000 Portionen in der Woche. Obwohl das Hauptquartier der Kitchen Guerilla nur etwa zwei Kilometer von der 24hamburg-Redaktion entfernt liegt, haben wir uns coronakonform im Videocall zum Interview mit dem solidarische Küchen-Boss getroffen.

Firma:Kitchen Guerilla
Geschäftsführer:Koral Elci, Onur Elci
Aktivitäten:Kantinenbetreuung, Eventgastronomie, Digitalkontent
Gründung:2009
Agenda:Gesundes Essen populär machen

In unserer Interview-Reihe haben wir bereits viele Hamburger Sehenswürdigkeiten wie das Planetarium, die Deichtorhallen und das Miniaturwunderland gefragt, was sie so während Corona gemacht haben. Nun ist ein Gastronom an der Reihe, ein anderer als Tim Mälzer. Koral Elci erzählt von seiner genialen Idee, wie er in der Krise anderen Menschen helfen kann.

Gastronom Koral Elci im Interview: Über Kitchen Guerialla, Teilen und Corona-Ideen

Was macht ein Koch, wenn er nicht kochen darf? Wenn er so kreativ wie Koral Elci ist, dann fällt ihm sicher etwas ein. So hat der kulinarische Alleskönner kurzerhand die SoliKüche gegründet. Hier wird Essen an Bedürftige verteilt. Mehr dazu erzählt er im Interview.

 24hamburg: Koral, erzähl doch einfach mal so, was ist Kitchen Guerilla für ein Unternehmen und was macht ihr?
Koral: Wir bezeichnen uns selbst am ehesten als kulinarische Agentur, weil wir wahnsinnig viel auf einmal machen. Neben dem Kochen an sich haben wir mittlerweile redaktionellen Content, PR und auch selbst entwickelte Produkte im Programm. Kurz gesagt – uns wird nicht langweilig. Seit der Pandemie haben wir einfach geschaut, wie wir kreativ bleiben und neue Projekte an den Start bringen können, wie auch die Soliküche.
24hamburg: Apropos Pandemie. Es hat sich sicherlich einiges geändert. Was ist letzten
März bei euch weggefallen und was habt ihr dann gemacht?
Koral: Im Prinzip alles – das bedeutet für uns tatsächlich seit März 2020 Shutdown, weil wir kein Restaurant mit Takeaway-Möglichkeit führen. Auch lässt ja jeder vernünftige Arbeitgeber seine Mitarbeiter im Homeoffice arbeiten, weshalb auch die Kantinen, die wir bespielt haben, fast alle zu sind.
Wir konnten einfach nicht mehr kochen, für keinen von unseren bisherigen Kunden. Die einzige Möglichkeit war deshalb dann, zu schauen, wer sonst so grade Hunger hat. Und vor allem Obdachlose und Pflegekräfte mit geschlossenen Kantinen sind uns da ins Auge gefallen. Wir haben dann angefangen, virtuelle Mahlzeiten auf unserer Seite zu verkaufen, die wir dann an Bedürftige ausgeben konnten.
Es ist nicht einfach, festzustellen: „Okay, das ist nicht nur irgendeine kleine Epidemie irgendwo in China, das alles ist jetzt und hier.“ Und bis letztes Jahr haben wir uns über die Maske tragenden Asiaten lustig gemacht.
24Hamburg: Was ist denn der finanzielle Aspekt? Für mich klingt es nicht so, als wäre das Konzept Soliküche besonders lukrativ. Immerhin sind dir mit Beginn des Lockdowns viele Einnahmen weggebrochen, wie kommt man dann noch auf die Idee für ein soziales Engagement, auf die Idee, etwas Gutes zu tun?
Die Idee für unser Konzept Soliküche war eigentlich sehr pragmatisch. Wir konnten keinen Verein gründen, also haben wir die Mahlzeiten einfach virtuell verkauft. Zum einen habe ich gesehen, wie es Menschen ohne Zuhause oder Perspektive immer schlechter ging, und zum anderen war das die einzige Möglichkeit um meine Mitarbeiter in Kurzarbeit im Laden behalten zu können. Problematisch war dann aber, dass wir durch die Aktion so hohen Umsatz hatten, dass wir nicht von der Überbrückungshilfe I oder dem Gastro-Hilfspaket profitieren konnten. Sowas tut dann natürlich weh, wenn man eigentlich zwar Umsatz, aber keinen Gewinn gemacht hat.
Sowas ist dann natürlich echt ätzend, wenn der Staat einem sagt „Ja, jetzt habt ihr Umsätze gemacht, Pech gehabt“ obwohl man im Prinzip keinen Gewinn gemacht hat. Trotzdem haben wir insgesamt schon 18.000 Portionen für Bedürftige gekocht, und wollen irgendwann wöchentlich 1000 Portionen schaffen.
24hamburg: Das ist mal eine Zahl.
Koral: Naja, das Problem wird ja ohne Corona nicht gerade kleiner. 
 24hamburg: Das stimmt. Aber ihr kocht ja auch nicht nur für Bedürftige auf der Straße, oder?
Koral: Ja. Parallel zu dem anderen Projekt haben wir auch noch die Initiative „Kochen für Helden“. Ein Freund von uns aus Berlin hat das Projekt gestartet und wir in Hamburg sind mit eingestiegen. Am Ende waren wir über 10 Restaurants, die für die Menschen in den Funktionsberufen kochen.
Das Ganze war einfach eine Geste, ein Dankeschön. So viele Menschen in diesen Berufen haben zu Anfang der Pandemie bei der Arbeit nichts zu essen bekommen, die letzte Alternative war dann Pizza und Co. Ich meine, Pizza ist super, aber das ist natürlich alles andere als optimal.
24hamburg: Woher nimmst du die Kraft dafür?
Natürlich gibt es regelmäßig Momente, in denen ich völlig fertig bin. Es ist einfach viel auf einmal. Ich möchte auch nach Mallorca fliegen, aber das, was ich mache, ist für mich einfach wichtiger.
24hamburg: Es war grade so ein bisschen rauszuhören, dass du als Gastronom nicht besonders glücklich mit der Unterstützung seitens des Staats bist. Was hätte er deiner Meinung nach mehr tun können?
Der Staat hat auf seine Art versucht zu helfen. Kurzarbeitergeld zum Beispiel ist eine gute Sache, die meisten anderen Länder könnten sich das so lange gar nicht leisten. Was unsere Branche betrifft, war der Staat aber ziemlich überfordert. Für Manche war die Überbrückungshilfe das Richtige. Wir konnten als Mischgewerbe aber nicht davon profitieren. Der Staat schickt Mitarbeiter ins Homeoffice, geschlossene Firmenkantinen werden dann aber nicht subventioniert, und das ist nur einer von vielen Denkfehlern. Krisenmanagement ist einfach nicht unsere Stärke, dafür ist unsere Bürokratie auch zu stark ausgebildet.
Koral und Onur Elci bilden die Führungsriege der Kitchen Guerilla. (24hamburg.de-Montage)
24hamburg: Um das Gespräch in eine etwas erfreulichere Richtung zu lenken: Ihr habt dieses Jahr zwei Preise bekommen. Den Genussmichel und den Rolling Pin Award als bester Gastronom. Warum glaubst du, habt grade ihr gewonnen?
Der Rolling Pin war für unser Engagement für die Gastronomie. Wir haben in unserer Notsituation einen offenen Brief an den Hamburger Bürgermeister geschrieben, und auch eine relativ erfolgreiche Petition ans Wirtschaftsministerium gestartet. Der Genussmichel ist uns sogar in einer ganz neuen Kategorie, „Soziales Engagement“, verliehen worden, weil wir mit unserer Soliküche letztes Jahr so herausgestochen sind. So eine Anerkennung freut einen natürlich wahnsinnig.
24hamburg: Kannst du in ein paar Sätzen beschreiben, warum ihr das macht?
Teilen ist einfach Teil unserer Philosophie. Essen ist mehr als leckere Gerichte, es ist immer auch Teilen und Zusammensein, ohne Grenzen, Hautfarbe oder Religion. Wir haben vor Jahren mit Veranstaltungen am runden Tisch angefangen, mit einer großen Runde und rumgereichten Tellern. Die Soliküche ist quasi nicht mehr als die logische Fortsetzung davon.
 24hamburg: Hast du zum Ende noch irgendetwas, das du loswerden möchtest?
Trotz aller Kritik, die Unterstützung vom Staat hat uns teils sehr geholfen. Dafür möchte ich mich bedanken. Auch bei unseren Großkunden wie Facebook, die uns trotz geschlossenen Kantinen weiter bezahlt haben, damit wir die Soliküche finanziell stemmen können.

Kitchen Guerilla bezeichnet sich mobile Kocheinheit und Kreativagentur für Essen und Trinken. Sie wollen nicht einfach nur Catering machen, sondern sorgen für ein ganzes Erlebnis inklusive Veranstaltungskonzept. Ihre Kunden reichen dabei von Firmen über Privatfeiern bis hin zu künstlerischen Performances. * 24hamburg.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Koral Elci

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