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Forderung von Katharina Fegebank: Hamburg soll Crashtest-Dummys gendern

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Hamburgs zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank fordert geschlechtsneutrale Mobilität. Dazu gehören für die Grüne auch weibliche Crashtest-Dummys.

Hamburg – Gender-Sprache und gender-neutrale Veränderungen von Dingen aus unserem Lebensalltag spalten die Gesellschaft: Die deutsche Frauenministerin möchte das Gendersternchen ganz verbieten, anderen geht die sprachliche Gender-Neutralität zum Beispiel bei Berufsbezeichnungen noch lange nicht weit genug. Zu Ihnen gehört Katharina Fegebank. Hamburgs Vize-Bürgermeisterin und Grünen-Politikerin will noch einen Schritt weitergehen: Nun sollen auch Crashtest-Dummys gegendert werden.

Durchschnittliche Tagesstrecke als AutofahrerMänner: 29 km, Frauen: 14 km (Quelle: MiD 2017)
Durchschnittliche Tagesstrecke als BeifahrerMänner: 6 km, Frauen: 10 km
Durchschnittliche Tagesstrecke in den ÖPNVMänner: 8 km, Frauen: 7 km
Durchschnittliche Tagesstrecke gesamtMänner: 46 km, Frauen: 33 km

Katharina Fegebank will weibliche Crashtest-Dummys in Hamburg: „gendergerechte Mobilität“

Damit ist nicht etwa die Bezeichnung „Dummy:innen“ gemeint, sondern ein ernsteres Thema, für das sich Fegebank nun auch beim Verkehrskongress ITS einsetze. Erst kürzlich hat sie durchgesetzt, dass in Hamburgs Behörden offiziell gegendert wird – nun fordert sie „gendergerechte Mobilität“. Gemeint ist damit ein Fortschritt in der Unfallforschung und der Autoherstellung. Crashtest-Dummys, wie sie aktuell überwiegend verwendet werden, genügen in ihren Augen nicht der sicherheitsgebenden Testung von Autos. Frauen seien in diesem Feld deutlich benachteiligt. Das findet offenbar auch ein Zusammenschluss von Hamburgs SPD, FDP und Linke, der unlängst gendersensible Verkehrsschilder gefordert hat: In Hamburg soll es demnach weibliche Verkehrsschilder geben, die statt der bekannten Männchen Frauen zeigen.

Hamburg soll Crahtest-Dummys gendern: Schluss mit dem gefährlichen „Mann als Maß aller Dinge“

Auf Anfrage der BILD-Zeitung teilte Fegebanks Gleichstellungsbehörde mit: „In vielerlei Hinsicht ist der Mann für die Industrie noch immer das Maß aller Dinge. Das gilt für das Design von Autositzen, die für viele Frauen nicht gut geformt sind, unter anderem, weil ihre Beine und Arme meist kürzer sind. Genauso wie für unangenehme Sicherheitsgurte, die einigen in die Brust schneiden können, bis hin zu Airbags, die auf größere Menschen vermessen seien.“

Tatsächlich ist es aber nicht nur eine Frage der Bequemlichkeit, sondern auch der Sicherheit. Die Unfallforschung der Versicherer (UDV) teilte bereits 2019 ähnliche Erkenntnisse. Der Durchschnitts-Dummy wiegt etwa 78 Kilo und misst 1,75 m. Das liegt weit über der Durchschnittsgröße deutscher Frauen von 1,63 m und einem Durchschnittsgewicht von etwa 70 Kilo.

Crash-Test-Dummies im Auto neben Katharina Fegebank im weißen Kreis.
Hamburgs zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank will nun auch Crash-Test-Dummies gendern. (24hamburg.de-montage) © picture alliance/dpa/Daniel Bockwoldt & picture alliance/dpa/General Motors/Handout

Laut einem Forschungsbericht der UDV von 2016 müssen Frauen und generell kleine Personen oft den Fahrersitz weit nach vorn schieben, um die Pedale zu erreichen. Das sei erstens unbequem und zweitens gefährlich, denn durch den geringen Abstand könnten bei einem Unfall schwere Verletzungen an Beinen und Becken eintreten. „Zum Schutz kleiner Autofahrerinnen und Autofahrer sollte die Ergonomie im Auto deutlich verbessert werden“, sagte Siegfried Brockmann, Leiter der UDV, bereits damals. Er schlug verstellbare Pedale und Lenkräder als Lösung vor. Weniger gut stehen andere PKW-Neueurungen da: Wegen Brandgefahr dürfen die ersten E-Autos nur noch mit 15 Metern Abstand parken – das betrifft sogar Polizei-Autos: In Hamburg rief General Motors jetzt Streifenwagen zurück.

Männliche Crashtest-Dummys gefährlich: Frauen häufiger im Auto verletzt – Unfallsimulationen decken ihr Risiko nicht ab

Auch Katharina Fegebank fordert nun eine Mobilität, die die unterschiedlichen Bedürfnisse von Frauen, Männern, Alten und Jungen und Menschen mit Behinderung im Blick habe. „Der Prototyp „Verkehrsteilnehmer männlich, mit dem Auto zur Arbeit und zurück,“ muss ergänzt werden. Beispielsweise um Frauen, die viel mehr ÖPNV, den der HVV in Hamburg bald deutlich teurer macht, fahren und auch ganz andere Wege zurücklegen, weil sie mehr in Teilzeit arbeiten und sich um Kinder und Co. kümmern“, sagt die Politikerin.

Laut dem Ergebnisbericht „Mobilität in Deutschland“ des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) von 2018 sind Frauen tatsächlich im Durchschnitt nur 14 Kilometer am Tag mit dem Auto unterwegs, während Männer etwa 29 Kilometer am Tag fahren. Dennoch ist fast die Hälfte aller lebensbedrohlich verletzten Fahrer bei Autounfällen weiblich.

Lesen Sie hier, wie Hamburg auch bei Straßenschildern gendern will.

Eine Million für einen Crashtest-Dummy: Auch darum Tests meist nur mit männlichem Durchschnitt-Dummy

Auf Grund von Fegebanks Forderungen nach weiblichen Crashtest-Dummys fragte die BILD-Zeitung bei VW nach und ein Sprecher betonte: „Autos von Volkswagen werden generell auch von und mit Frauen entwickelt. Sicherheit und Komfort gibt es für alle Insassen – passgenau abgestimmt auf alle Geschlechter und Körpergrößen.“

Corina Klug, Forscherin für Trauma-Biomechanik an der TU Graz, weiß ebenfalls, dass es bereits Dummys in allen möglichen Formen und Größen gibt. Das Problem ist der Einsatz dieser Puppen. Gegenüber bento.de sagte sie 2019, dass weiterhin der Norm-Dummy von 1,75 m verwendet wird, der viele Autofahrer oder Mitfahrer wie Kinder, große Männer und die meisten Frauen nicht repräsentieren könne. „Vereinzelt werden auch Tests mit einem weiblichen Dummy durchgeführt, das ist allerdings ein 5-Perzentil-Dummy. Das heißt: Nur 5 Prozent der Frauen sind kleiner. Er ist also sehr klein und sehr leicht und wird nicht bei allen Tests vorgeschrieben.“

Ein möglicher Grund dafür: Crash-Tests sind teuer. Dummys können laut Klug bis zu einer Million Dollar kosten und mehr Tests mit verschiedenen Dummys bedeuten automatisch auch mehr kaputte Testwagen und erhöhte Kosten. Ob Katharina Fegebanks Proteste fürs Dummy-Gendern dagegenhalten können, wird sich zeigen. * 24hamburg.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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