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Flüchtlinge aus der Ukraine: 2015 darf sich gerne wiederholen!

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Von: Kevin Goonewardena

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Die Solidarität mit den Menschen aus der Ukraine ist groß. 2015 folgten auf die Willkommens-Kultur Lübcke, Halle, Hanau. Dieses Mal muss die Euphorie bleiben. Ein Appel.

Hamburg – Die Bilder, die wir derzeit aus Hamburg sehen, gleichen denen der Flüchtlingskrise 2015 verblüffend. Ankommende Flüchtlinge werden am Hauptbahnhof empfangen, eine zentrale Ankunftsstelle wurde eingerichtet, der Hamburger Senat öffnet die Messehallen für Geflüchtete aus der Ukraine und stadtweit werden Spenden gesammelt, um den Menschen zu helfen.

Die Solidarität ist groß, Politik und Zivilgesellschaft ziehen an einem Strang. Noch. Denn die Euphorie wird kaum halten, wenn wir uns nicht darauf besinnen, dass wir in erster Linie alle Menschen sind. Dazu gehört es, die viel zitierten christlichen Werte zu achten und die egozentrische Natur des Kapitalismus zu überwinden. Wir werden einstecken und aushalten müssen – und uns vorbereiten, auf Deutschlands hässliche rassistische Fratze.

Name:Freie und Hansestadt Hamburg
Fläche:ar
Bevölkerung:rund 1,9 Millionen
Regierungsoberhaupt:Peter Tschentscher (Erster Bürgermeister)

Bild des Deutschen im Ausland: „Ein deutscher Witz ist nichts zum Lachen“

Locker, witzig, humorvoll, unverkrampft zu sein, aber auch Gastfreundschaft sind nicht gerade die Begriffe, die mit den Deutschen verbunden werden. Selbst dann, wenn die Nazi-Keule nicht herausgeholt wird, gelten Deutsche im Ausland als unsympathisch. Etwa als unfreundlich, arrogant, belehrend. Als Menschen, deren Leben von der deutschen Regelwut bestimmt, von Ämtern und Behörden reguliert wird. Und die zum Lachen noch nicht mal in den Keller gehen müssen, denn „Ein deutscher Witz ist nichts zum Lachen“, so soll es Mark Twain einst gesagt haben.

Ukraine-Krieg: Wir können auch anders – lasst uns 2015 wiederholen!

Doch wir können auch anders: In der Not zeigt sich der Deutsche hilfsbereit, offen, aufopferungsvoll. 2015 etwa, als Dank der Flüchtlingskrise ein Ruck durch die Welt ging. Merkels „Wir schaffen das!“ gab das Motto vor. Ein Satz, der längst Geschichte schrieb. Doch von der Willkommenskultur war schnell nur noch wenig übrig. Ein Jahr nach der großen Euphorie war genau diese Euphorie bereits verpufft, die Hilfsbereitschaft blieb zwar groß. Doch die Skepsis gegenüber Einwanderern bestimmte auch in den folgenden Jahren den öffentlichen Diskurs.

2017 zog die AFD erstmals in den Deutschen Bundestag ein. Aus dem Stand wurde die Partei drittstärkste Kraft, landete vor der FDP und den Grünen. Es geschahen der Mord an Walter Lübcke, die Anschläge von Halle und Hanau, der Amoklauf von München. NSU 2.0, rechte Chatgruppen innerhalb von Sicherheitsbehörden, Drohungen gegen Politiker, Fackelaufmärsche während der Coronavirus-Krise. All das geschah in dieser Zeit. Bis jetzt.

Ukraine-Flüchtlinge: Experten sagen größte Flüchtlingsbewegung seit 2. Weltkrieg voraus!

Nun steht Europa eine neue Flüchtlingswelle bevor. Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR hat alleine in den ersten zehn Tagen mehr als 2 Millionen Flüchtlinge aus der Ukraine gezählt, die Experten sprechen von der am schnellsten wachsenden Flüchtlingsbewegung seit dem Zweiten Weltkrieg. Rund

Demonstranten für die Aufnahme von Menschen aus Afghanistan in Berlin
Ukraine-Krieg: Fehler, die bei der Aufnahme der Geflüchteten aus Afghanistan im Jahr 2015 gemacht wurden, sollen sich dieses Jahr nicht wiederholen. © Christoph Soeder/dpa

50.000 Flüchtlinge aus der Ukraine sollen sich bereits in Deutschland befinden, wie viele es tatsächlich sind und vor allem wie viele es werden, ist kaum zu sagen. Deutschland will die Flüchtlingskrise bewältigen, doch ob es klappt, das hängt auch von uns ab. Noch heißen wir die Menschen aus der Ukraine mit offenen Armen willkommen. Das ist nicht nur richtig so, als ist schlicht alternativlos. Und soll auch so bleiben.

Ukraine-Flüchtlinge: Lasst es uns von Anfang an richtig machen!

Wir sind belehrend? Dann lasst uns diese negative Konnotation positiv füllen. Lasst uns nicht nur sagen, wie es richtig geht – sondern richtig machen. Das fängt schon bei der Ankunft der Flüchtlinge an. Dass sich die anfängliche Euphorie und die enorme Hilfsbereitschaft, mit der wir hier in Deutschland aktuell den Flüchtlingen aus der Ukraine gegenüber treten, nicht über Jahre auf dem gleichen Niveau halten kann, ist klar. Muss sie auch gar nicht.

Ukraine-Flüchtlinge: Nicht nur unsere Empathie ist gefragt!

Wenn unsere Hilfe mehrheitlich geprägt ist von Empathie, von der Wertschätzung des Lebens und Anerkennung einer gleichbedeutenden Wichtigkeit; wenn wir die Geschichte dieser Menschen und damit ihrem Leid mit Demut begegnen können, dann sind wir ein Stück näher an dem Gelingen dieser großen Herausforderung.

Dafür dürfen wir uns selbst nicht wichtiger nehmen, als wir sind. Wir müssen uns von der kapitalistischen Logik befreien, in der das Ergebnis einer Kosten-Nutzen-Rechnung den Wert eines Menschen bestimmt. Finanzielle Motive dürfen niemals über ein Menschenleben gestellt werden.

Ukraine-Flüchtlinge: Wir müssen Sorgen und Ängste der Bürger ernst nehmen!

Dass ein Mensch und damit auch ein Flüchtling Kosten verursacht, die bezahlt werden müssen, ist und bleibt eine unumstößliche Tatsache. Das muss thematisiert werden, von der Politik, aber auch von uns Medien. Die Sorgen und Ängste der Bürger und Bürgerinnen ernst zu nehmen und Lösungen für bestehende oder aufkommende Probleme zu finden, ist eine Herausforderung, der sich Politik, Medien, aber auch die Zivilgesellschaft von Anfang an stellen müssen.

Für manch einen wird die Frage nach den Kosten für die Flüchtlingskrise, zusammen mit etwa den Nachfolgeschäden der Coronavirus-Pandemie und den Auswirkungen der Inflation zu existentiellen Ängsten führen. Auch die steigenden Preise von Erdgas und -öl, deren endgültiges Rekordhoch mit 2,37 Euro je Liter wie in Niedersachsen noch lange nicht erreicht sein dürfte, der Preisanstieg bei Weizen und anderen Lebensmitteln werden diese Ängste verschärfen.

Ukraine-Flüchtlinge: Wir Medien sind gefragt – einseitige Berichterstattung vermeiden!

Wir werden uns auf Berichte zum Thema Ausländerkriminalität einstellen müssen. Niemandem ist mit einem bewusst oder unbewusst verzerrten Bild der Situation zum Zwecke eines öffentlichen Feelgood-Bildes geholfen. Einseitige Berichterstattung, wie etwa in 2015 und in späteren Studien kritisiert, wird sich am Ende rächen. Dabei geht es nicht um Verschweigen von Tatsachen, sondern um die richtige Einordnung selbiger – und den Kampf gegen Un- und Halbwahrheiten.

Ukraine-Flüchtlinge: Wir dürfen rechten Minderheiten nicht das Narrativ überlassen!

Auch diese werden wieder gestreut werden und auch diese vorhersehbare Entwicklung sollte Politik, sollten Medien und sollten wir als Zivilgesellschaft vorbereitet entgegentreten. Dabei muss es unser Anspruch sein, die Mehrheitsgesellschaft zu stärken und die öffentliche Sichtbarkeit eben jener Stärke zu gewährleisten.

Das Narrativ darf niemals von einer rechten Minderheit bestimmt werden, schon gar nicht in einer Krise. Wir müssen jetzt alle an einem Strang ziehen, aber nicht jeden abholen. Doch sollten wir als die, die hier die Mehrheit stellen, nicht nur den öffentlichen Diskurs bestimmen, sondern die rechten Minderheiten und Ränder ganz genau im Auge behalten.

Ukraine-Flüchtlinge: Wir müssen Narzissmus und Nazismus entgegentreten!

Wenn sich Deutschlands hässliche rassistische Fratze zeigt, müssen wir alle mit unseren Möglichkeiten und aller Härte gegen diese Umtriebe vorgehen. Aber wir sollten diesen Leuten weder die Aufmerksamkeit, die sie gerne hätten geben, noch den Gefallen tun, uns als Mehrheit spalten zu lassen.

Egal, ob es sich um von Narzissmus getriebene Mitläufer, deren vermeintliche Sorge um Volk und Vaterland und daraus resultierendes Engagement nur dem Zweck dient, das eigene kümmerliche Leben aufzuwerten und mit einer Pseudo-Relevanz auszustatten handelt. Oder den ideologisch rechts zu verordnenden Unbelehrbaren, der sich schon seit Jahren seiner verabscheuenden Weltanschauung hingibt. *24hamburg.de, kreiszeitung.de, merkur.de, fr.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

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