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Feuerwerk Silvester Hamburg: „Verbot ergibt keinen Sinn“ laut Experten

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Es soll das zweite Silvester ohne Feuerwerk werden. Wissenschaftler und Pyrotechnik-Verbände gehen auf die Barrikaden. Drinnen feiern sei noch gefährlicher.

Hamburg – Silvester wird ohne Feuerwerk stattfinden. Das haben Bund und Länder am Donnerstag, 2. Dezember, beschlossen. Es folgte ein Aufschrei der Kritik. Nicht nur Privatpersonen, die sich dieses Jahr auf ein einigermaßen normales Silvester gefreut hätten, auch die Industrie für Feuerwerkskörper und einige Wissenschaftler verstehen das Verbot nicht.

Stadt in DeutschlandHamburg
Gegründet500 n. Chr.
Fläche755,2 km²
Bevölkerung1,904 Millionen (Stand Mai 2021, Sozialamt)
Erster BürgermeisterPeter Tschentscher

Das Verbot, das den Verkauf und somit auch die Anwendung von Feuerwerkskörpern verhindert, liegt wie auch im letzten Jahr in der noch immer andauernden Corona-Pandemie begründet. Das bundesweite Feuerwerks- und Versammlungsverbot soll einerseits verhindern, dass sich Menschen bei Silvesterpartys anstecken, andererseits dafür sorgen, dass die Krankenhäuser leer bleiben.

Kein Feuerwerk an Silvester: Verletzungen und Infektionen sollen minimiert werden

Wie schon in den Jahren zuvor sprach sich vor allem die Initiative Deutsche Umwelthilfe (DUH) für das „Böller-Verbot“ aus. Auch von der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Ärztevertretern und Tierschützern gab es Unterstützung – dieses wie letztes Jahr vor allem wegen Corona. In einer Pressekonferenz hatte die Initiative gesagt: „Nur so kann angesichts der anhaltenden Covid-19-Pandemie verhindert werden, dass Ärzte, Pflegekräfte und Krankenhäuser überlastet werden.“

Die Erfahrungen sprechen für das Verbot, das sich in eine Vielzahl von neuen Regeln und Corona-Verordnungen einreiht. Die Silvesternacht 2020/2021 war laut einer Pressemitteilung der Polizei Hamburg die ruhigsten seit Jahren. Zwar gab es 1.318 Einsätze der Polizei, viele der aufgenommenen Ordungswidrigkeiten waren Verstöße gegen die Corona-Auflagen. Hamburgs erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) begründet die Entscheidung ebenfalls damit, die Kliniken nicht noch weiter belasten zu wollen – sowohl durch Infektionen bei Silvesterfeiern als auch durch Verletzungen mit Feuerwerk.

Pyrotechnik-Branche vor dem Ruin: Können Kompensationen 95 Prozent Umsatz ersetzen?

Trotzdem gibt es scharfe Kritik an dem Verbot. Zum einen hatten sich die Menschen wieder auf etwas mehr Normalität am Silvesterabend gefreut, zu dem Feuerwerk traditionell dazugehört. Zum anderen droht wegen des erneuten Verbots die ganze Pyrotechnik-Branche bankrott zu gehen. Zwar wurde den betroffenen Unternehmen von Bund und Ländern laut dem Beschluss eine Kompensation durch Wirtschaftshilfen versprochen. Wie effektiv diese sein wird, wird sich aber zeigen.

Silvesterfeuerwerk über Hamburg neben Böllern
Silvesterfeuerwerk: die beliebten Böller sind in Hamburg dieses Jahr verboten. (24hamburg.de-Montage) © Axel Heimken/Paul Zinken/dpa

Der Bundesverband Pyrotechnik spricht von der Zerstörung der gesamten Feuerwerks-Industrie. Das Verbot treibe „eine ganze Branche in den Ruin“, wie Ingo Schubert vom Vorstand des Verbandes laut Focus erklärte. Der Verband der pyrotechnischen Industrie (VPI) wählte ähnliche Worte. Vorsitzender Thomas Schreiber betonte, dass das Verbot sehr wahrscheinlich der „Todesstoß für die gesamte Feuerwerksbranche in Deutschland“ sei.

Die Firma WECO zum Beispiel ist seit 73 Jahren in der Branche und in Deutschland und Europa mittlerweile Marktführer. Das Unternehmen aus Eitorf in NRW beschäftigt 400 Mitarbeiter an drei Standorten, stellt Klein-, Groß- sowie Bühnenfeuerwerk her und fertigt einen Großteil der verkauften Pyrotechnik selbst an. 95 Prozent des Umsatzes erzielt die Firma mit Silvesterfeuerwerk. Nach zwei Jahren Böller-Verbot steht Weco nun vor dem Bankrott.

Feuerwerksverbot sogar ein Gesundheitsrisiko: Draußen feiern wäre sicherer

Dabei ist laut Schreiber die Panik vor Silvesterfeierlichkeiten mit Feuerwerk völlig deplatziert. „Mit der Entscheidung gegen Feuerwerk haben Bund und Länder auf Basis von falsch gesetzter Panik riskiert, dass es jetzt endgültig aus sein könnte für unsere Branche.“ Das Problem sei nämlich gar nicht das Feuerwerk an Silvester, sondern vielmehr illegale Knallkörper in Verbindung mit Alkohol. Schubert spricht sogar von „reiner Symbolpolitik“, die eigentlich aber keine große Wirkung im Kampf gegen die Corona-Pandemie habe.

Zustimmungen bekommen die Feuerwerks-Verbände von der Wissenschaft. Aerosol-Experte Gerhard Scheuch erklärte im Gespräch mit der Bild Zeitung, dass das Verbot keinen Sinn mache. „Das ist Alarmismus. Und es ist gefährlich: Dann verstecken sich die Leute drinnen, machen das Fenster zu, damit keiner mitkriegt, dass sie feiern. Aber genau dort finden die Ansteckungen statt!“ Das gleiche Prinzip gilt laut den Experten auch bei Weihnachtsmärkten, solange sie ebenfalls unter freiem Himmel sind.

Auch der Virologe Hendrik Streeck aus Bonn sieht einen Vorteil darin, wenn mit Feuerwerk im Freien gefeiert wird, anstatt sich in stickige Innenräume zu begeben. „Von allen Aerosolforschern wissen wir, dass es sehr viel besser ist, sich draußen aufzuhalten, weil die Aerosole mit unserer Körperwärme nach oben steigen und wir eigentlich keine großen Übertragungsketten dort produzieren können.“

Verband für Pyrotechnik will klagen: Könnte es doch noch Böller an Silvester geben?

Mit diesem Hintergrund will der Bundesverband Pyrotechnik nun vielleicht Klage einreichen. Allerdings geht das erst, wenn das Verbot rechtskräftig ist. Je später das passiert, desto weniger Zeit hat der Verband, um rechtliche Schritte einzuleiten. 2020 wurde das Verbot erst am 18. Dezember bestätigt. Wenn es in diesem Jahr ebenfalls so spät sein sollte, hätte der Verband wenig Zeit, um gegen das Verbot vorzugehen.

„Die extreme Kurzfristigkeit erschwert es, den Rechtsweg zu beschreiten – selbst für Eilverfahren ist die Zeit sehr knapp bemessen“, sagt Schubert. Die Klagen aus dem letzten Jahr laufen zum Beispiel noch immer. Bei einer erfolgreichen Klage, könnte die Regierung noch einmal umschwenken und Feuerwerk doch - oder zumindest mit Einschränkungen - erlauben. Am Ende wird es wohl eine Frage der Zeit sein, die der Pyroverband noch für rechtliche Schritte haben wird. Dennoch scheint der Verband bis zur letzten Minute nicht aufgeben zu wollen. Ein bisschen Hoffnung auf ein Silvester mit Feuerwerk bleibt also noch bestehen. * 24hamburg.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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