„Organisierte Verantwortungslosigkeit“

Experten: Spahns Aufhebung der Priorisierung unrealistisch

  • Leonie Zimmermann
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Ab Juni kann jeder Deutsche einen Termin für die Corona-Impfung ausmachen – sagt Jens Spahn. Für die Aussage hagelt es Kritik – vor allem von Medizinern. 

Hamburg – Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat Großes vor: Bereits am 7. Juni 2021 will er die Priorisierung für die Corona-Impfung* deutschlandweit aufheben. Während seine Ankündigung bei vielen Impfwilligen wohl für Freudensprünge gesorgt hat, sehen viele Hausärzte und Experten die Pläne des CDU-Politikers kritisch. Und das aus gutem Grund: Aktuell reicht der Impfstoff gegen das Coronavirus in Deutschland nicht einmal für die Risikogruppen, die an der Reihe sind. Das Ganze wirft die Frage auf: Wie realistisch ist Spahns Traum vom Impf-Angebot für Jedermann?

Verfügbare Impfstoffe: Biontech/Pfizer, Moderna, Astrazeneca, Johnson&Johnson
Verabreiche Impfdosen gesamt: 41,5 Millionen
Erstimpfungen in Deutschland: 11,9 Prozent der Gesamtbevölkerung
Vollständig geimpft in Deutschland: 38,1 Prozent der Gesamtbevölkerung

Freigabe der Impf-Priorisierung: Patientenschützer nennt Spahns Pläne „organisierte Verantwortungslosigkeit“

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz hält den Vorstoß für mehr als unrealistisch. Vorstand Eugen Brysch bezeichnete den Schritt bei einer Stellungnahme als „staatlich organisierte Verantwortungslosigkeit“, die in einem „Windhundrennen“ um die verfügbaren Impfstoffe enden würde. „Das geht voll zulasten nicht nur der Impfwilligen, der Arztpraxen und der Impfzentren*, sondern auch der vernünftigen Grundversorgung, die wir dringend brauchen“, sagte Brysch. Was er damit meint: Die Organisation der Impfungen nimmt bei größerem Andrang mehr Zeit in Anspruch, weshalb andere wichtige Dinge hintenangestellt werden.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will die Impf-Priorisierung aufheben.

Aus diesem Grund hat Bremen bereits angekündigt, die Impf-Priorisierung auch über den 7. Juni 2021 hinaus weiter durchzusetzen. Das liegt laut dem Bremer Gesundheitsressort vor allem daran, dass nicht ausreichend Impfstoff vorhanden ist. Hans-Michael Mühlenfeld, Vorsitzender des Bremer Hausärzteverbands, hat für Spahns Vorschlag vor allem kritische Worte übrig: „Jetzt ist der Run schon groß und er wird noch größer werden. Das ist das Verantwortungslose an der Geschichte.“

Ende der Priorisierung: Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher stellt Bedingungen

Hamburgs Gesundheitssenatorin Melanie Leonhard (SPD) warnt unterdessen vor überhöhten Erwartungen an die Öffnung der Corona-Impfungen für alle. Es sei absehbar, dass zum Zeitpunkt der Impf-Freigabe „noch immer eine Knappheit an Impfstoff herrscht“, sagte die SPD-Politikerin der Deutschen Presse-Agentur. Auch Peter Tschentscher (SPD), Erster Bürgermeister der Hansestadt Hamburg, betrachtet das Ende der Priorisierung nur als realistisch, wenn auch genügend Impfstoff vorhanden ist. 

Sollte das nicht der Fall sein, malt Leonhard ein chaotisches Bild der Zukunft: „Wir könnten in eine Situation kommen, in der wir ohne Priorisierung dastehen – und ohne Impfstoff.“ Ob das aber am Ende auch so eintritt, bleibt abzuwarten. Eines scheint aber schon jetzt sicher: Es wird dauern, bis wirklich jeder Deutsche ein Impfangebot bekommen kann. Bis das der Fall ist, wird es laut Leonhard „schwierige Verteilungsfragen“ geben.

Und SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hat auch schon eine Idee, wie man das verhindern kann: „Jetzt kommt es darauf an, die vielen noch nicht Geimpften Risikoträger zu erreichen“, sagte er der „Rheinischen Post“. Der Ministerpräsident von Niedersachsen, Stephan Weil (SPD), sagte im Interview mit dem NDR dazu: „Es sind jetzt so viele Menschen in der Priorisierung, dass es immer schwieriger wird, vernünftig abzugrenzen.“ Die Impf-Öffnung für alle hält Weil deshalb für sinnvoll. Vor allem, weil für Juni eine große Menge an Impfstoff angekündigt worden sei. Weil rechnet damit, dass spätestens im Juli ausreichend Impfstoff für alle im Land sei. 

Gesundheitsministerium plant 40 Millionen Corona-Impfungen bis Ende Juni

Zugegeben: Die Prognosen geben wirklich Grund zur Hoffnung: Nach den Plänen des Bundesgesundheitsministeriums sollen bis Ende Mai bereits 40 Prozent der Bevölkerung mindestens die erste Corona-Spritze erhalten haben. Bis zum 7. Juni 2021 sollen dafür insgesamt noch 15 Millionen Dosen in Hausarztpraxen und Impfzentren verabreicht werden. 

Ab dem 7. Juni 2021 sollen pro Woche dann etwas mehr als sechs Millionen Impfdosen an Impfzentren und Hausarztpraxen deutschlandweit ausgeteilt werden. Bis Ende Juni sollen insgesamt 40 Millionen Dosen an Impfwillige gehen. Aktuellen Prognosen zufolge sind dann etwa 30 Millionen Deutsche durchgeimpft und rund 20 Millionen Deutsche haben bereits ihre erste Corona-Impfung* bekommen – das entspricht 60 Prozent der Bevölkerung. Soweit zumindest die Theorie. 

Impf-Plan von Spahn: Kritik vom Hausärzteverband – Wer Hoffnungen weckt, der muss auch liefern

Für Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, sind diese Prognosen allerdings die Basis für die ambitionierten Pläne des Bundesgesundheitsministers. Er sei zuversichtlich, dass das Ende der Impf-Priorisierung die Arbeit der Hausärzte einfacher mache, solange ausreichend Impfstoff zur Verfügung stehe, sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. 

Ulrich Weigeldt, Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes, findet da schon deutlicherer Worte: „Wer bei den Menschen Hoffnungen weckt und mit vollmundigen Stichtags-Ankündigungen die Illusion nährt, ab dem 7. Juni könne jede und jeder im Land plötzlich von einem Tag auf den anderen geimpft werden, der muss vor allem auch liefern – und zwar Impfstoff in nennenswertem Umfang.“

Warum die Vorfreude auf eine Corona-Impfung vor dem Sommerurlaub noch zu früh ist

Ob das letztendlich aber auch gelingen wird, bleibt abzuwarten. Die große Vorfreude auf eine baldige Impfung noch vor dem Sommerurlaub sollten sich die meisten Deutschen allerdings aufsparen, bis sie ihre Einladung ins Impfzentrum wirklich in den (virtuellen) Händen halten.

Bis dahin heißt es weiter: Auf Sicht fahren und die Möglichkeiten wahrnehmen, die sich bieten. Und auch Spahn selbst mahnt die Bevölkerung zur Geduld: Das Ende der Impf-Priorisierung „heißt nicht, dass wir dann alle binnen weniger Tage impfen können. Ich muss weiterhin auch da um Geduld bitten.“ Die Impfkampagne dauere – je nach individueller Situation in den einzelnen Bundesländern – noch bis zum Ende des Sommers. * 24hamburg.de, kreiszeitung.de und merkur.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Kay Nietfeld & Ola Spata/dpa

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