„Mission Impossible“ am Millerntor

FC St. Pauli auf Drittliga-Kurs: Wer ist schuld?

  • Lars Zimmermann
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  • Johannes Rosenburg
    Johannes Rosenburg
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Analyse: FC St. Pauli beendet das Jahr 2020 auf dem 17. Tabellenplatz der zweiten Fußball-Liga. Kampf um Klassenerhalt im Bundesliga-Unterhaus.

Hamburg-St. Pauli – Wenigstens kann es nicht viel schlimmer kommen. Mehr Positives lässt sich derzeit über den FC St. Pauli (FCSP) nicht sagen. Gerade einmal acht Punkte aus zwölf Spielen, Platz 17, dazu etliche unterirdische Leistungen – die Mannschaft von Trainer Timo „Schulle“ Schultz steht nicht nur auf einem Abstiegsplatz, sie spielt auch wie ein Absteiger.

Fußballclub:FC St. Pauli
Trainer:Timo Schultz
Präsident:Oke Göttlich
Arena/Stadion:Millerntor-Stadion
Kapazität:29.546
Liga:2. Fußball-Bundesliga
Gründung:15. Mai 1910, Hamburg

Keine stabile Abwehr, keine Kreativität im Mittelfeld, keine Führungsspieler, keine torgefährlichen Stürmer – Timo Schultz weiß gar nicht, an welche Baustelle er zuerst herangehen soll. Dabei fing der vom Nachwuchs der Braun-Weißen zu den Profis aufgestiegene Schultz mit großen Hoffnungen an. Alle waren froh, dass Griesgram Jos Luhukay endlich nicht mehr auf der FCSP-Trainerbank sitzt, wie 24hamburg.de berichtete.

Die Anfangseuphorie ist jedoch längst verpufft. Noch scheint der gebürtige Ostfriese Timo Schultz nicht um seinen Job bangen zu müssen. Doch allzu viele Niederlagen wird er sich nicht mehr erlauben dürfen.

FC St. Pauli: Abstieg der Braun-Weißen in dritte Liga – aufgeschoben ist nicht aufgehoben

Wobei der Trainer nur mit dem arbeiten kann, was er hat. Und das ist nicht viel. Schon in der vergangenen Saison verhinderten die Kiezkicker mit Müh und Not den Abstieg. Für die Rettung sorgte ausgerechnet der auf dem Kiez nicht sonderlich beliebte HSV. Hätte St. Pauli nicht beide Stadtderbys gewonnen, würde das Team wohl schon jetzt in der dritten Liga spielen. Aber aufgeschoben ist zum Leidwesen der Mannschaft vom Millerntor nicht aufgehoben. Die Mannschaft ist nämlich noch schlechter als in der schon gruseligen Vorsaison.

Das Team des FC St. Pauli ist in der Megakrise und kurz vor dem Abstieg in die dritte Liga.

Die als Führungsspieler angedachten Robin Himmelmann (30), Daniel Buballa (15), Marvin Knoll (5), Christopher Avevor (6), Philipp Ziereis (4) und Guido Burgstaller (9) versagten oder standen gar nicht erst auf dem Platz – entweder aus Verletzungsgründen oder weil sie keine Leistung brachten. Wer die Entwicklung dieses Quintetts über einen längeren Zeitraum beobachtet hat, kann davon nicht überrascht sein. FCSP-Cheftrainer Timo Schultz und -Sportchef Andreas Bornemann planten sie dennoch als Leitfiguren ein. Naiv und fahrlässig.

Fatale Fehler in der FCSP-Kaderplanung durch Trainer Timo Schultz und Andreas Bornemann

Es ist keine Hierarchie zu erkennen und jeder wurschtelt vor sich hin. Talente wie Finn Ole Becker (20) und Rodrigo Zalazar (8) stagnieren, weil keiner da ist, der sie führt. Jeder hat mit sich selbst zu tun. Die Fehler in der Kaderplanung zeigen sich auch im Sturm. Mit Henk Veerman (einst 25) und Dimitrios Diamantakos (ehemals 18) sind die beiden besten Torschützen der vorherigen Spielzeit weg. So fehlt der Millerntor-Elf ein zuverlässiger Torjäger.

FC St. Pauli Neuzugang und Stürmer Simon Makienok (16) enttäuscht während Hinrunde: Makienok wirkt oft lustlos und demotiviert. Wird sich das in der Rückrunde ändern?

Für die Treffer sollten eigentlich Guido Burgstaller (9) und Simon Makienok (16) sorgen. Burgstaller fehlte aber verletzt und Makienok ist bisher eine Enttäuschung. Allerdings fiel der Däne auf seiner vorherigen Station in Dresden nicht gerade als Torjäger auf. Bei einem 30-Jährigen noch eine Leistungsexplosion zu erwarten, war daher ohnehin ziemlich mutig. Dass Burgstaller direkt nach seiner Verletzung im neuen Jahr durchstartet, ist nicht zu erwarten. Der Österreicher war schließlich sogar für seinen vorherigen Klub Schalke 04 zu schlecht.

Kommen demnächst neue Führungsspieler in den Kader der FC St. Pauli?

Neuzugänge sollen nun die Fehler im Sommer-Transferfenster beheben. Erster Neuer ist der Pole Adam Dźwigała (25). Der Innenverteidiger war vorher arbeitslos. In Corona-Zeiten auf die Schnelle neue Führungsspieler zu finden, die nicht zu viel kosten und sofort Leistung bringen, ist ein ambitionierter Plan. Sollte Bornemann den Kader tatsächlich verstärken, wäre das eine bemerkenswerte Leistung. Die lang verletzten Boys in Brown Guido Burgstaller (9) und Christopher Buchtmann (10) stehen wieder auf dem FCSP-Trainingsplatz an der Kollau – werden die beiden demnächst wieder bei Pflichtspielen dabei sein?

Unruhe im Verein wird immer größer – auch FCSP-Präsident Oke Göttlich wackelt

Zweifel sind angebracht. Schon jetzt stellt sich die Frage, ob Trainer Timo Schultz und Sportchef Andreas Bornemann am Millerntor Teil des Problems oder Teil der Lösung sind. Bei der digitalen Mitgliederversammlung des FC St. Pauli am Donnerstag, 17. Dezember 2020, wurde deshalb von einem Mitglied versucht einen Antrag auf Abberufung des Präsidiums wegen der schlechten sportlichen Leistungen zu stellen. Kiezclub-Präsident Oke Göttlich blieb und bezeichnete den drohenden Abstieg als Katastrophe, die es zu verhindern gilt. Ob Oke Göttlich nach einem Abstieg in die dritte Liga weiterhin Präsident des FC St. Pauli bleibt, ist unwahrscheinlich – im Herbst 2021 wählen die FCSP-Mitglieder ein neues Präsidium.

Steigt der FC St. Pauli in die dritte Liga ab? Vorentscheidung bis 9. Januar 2021

Eine erste Vorentscheidung über die Zukunft des Kiezclubs wird gleich in den ersten Wochen des Jahres 2021 fallen – deshalb gibt es auch eine besondere Aktion aus der Fanszene: Der Blog „Magischer FC“ macht einen direkten und dramatischen Aufruf an jedes Team-Mitglied, betont die Krisensituation und fordert Leistung von jedem einzelnen.

Greuther Fürth – FC St. PauliSonntag, 3. Januar 2021, 13:30 Uhr
Würzburger Kickers – FC St. PauliMittwoch, 6. Januar 2021, 18:30 Uhr
FC St. Pauli – Holstein-KielSamstag, 9. Januar 2021, 13:00 Uhr

Sollte also in den ersten drei Spielen gegen Fürth (auswärts am Sonntag, 3. Januar 2021, 13:30 Uhr), Würzburg (Nachspiel, auswärts am Mittwoch, 6. Januar 2021, 18:30 Uhr) und Holstein Kiel (am Samstag, 9. Januar 2021, 13:00 Uhr) kein Sieg gelingen, ist der Kampf um den Klassenerhalt schon eine „Mission Impossible“. Diese wird dann mit ziemlicher Sicherheit ein neuer Trainer und vielleicht auch ein neuer Sportchef angehen.

Rubriklistenbild: © Axel Heimken/dpa

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