Exklusives Interview

Elbphilharmonie-Intendant: „Bauprobleme schlimmer als Corona“

  • Thanh Nguyen
    vonThanh Nguyen
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Auch die Elbphilharmornie in Hamburg hat die Corona-Pandemie schwer getroffen. Im Interview spricht Intendant Christoph Lieben-Seutter über das letzte Jahr.

Hamburg - Seit rund drei Jahren prägt die Elbphilharmonie die Skyline der Hansestadt Hamburg. Nach den unsäglichen Problemen in der Bauphase war die Eröffnung Anfang 2017 ein Befreiungsschlag. Seitdem hat sich das Konzerthaus zu einem Stelldichein der ganz großen Künstler entwickelt - doch dann kam die Corona-Pandemie.

Nach den exklusiven Interviews mit dem Intendanten der Deichtorhallen sowie dem Sprecher von Stage-Entertainment stellte sich diesmal Christoph Lieben-Seutter, Intendant der Elbphilharmonie, den Fragen von 24hamburg.de.

Hamburger Wahrzeichen:Elbphilharmonie
Eröffnung:11. und 12. Januar 2017
Herzstück:Konzertsaal auf einer Höhe von 50 Metern mit 2.100 Plätzen
Ausstattung:3 Konzertsäle, ein Hotel, 45 Wohnungen sowie die Plaza
Standort:Hafen City mitten im Strom der Elbe auf 1.700 Stahlbetonpfählen
Herr Lieben-Seutter, wie ist die aktuelle Lage der Elbphilharmonie?
Wir konnten nur in zwei der letzten zwölf Monate Konzerte präsentieren. Das ist traurig, weil Konzerthäuser nun mal dazu da sind, dass viele Menschen ganz viel schöne Musik erleben.
Wie sieht es wirtschaftlich aus?
Unser Gesellschafter, die Freie und Hansestadt Hamburg, kümmert sich gut um uns. Die Defizite, die durch Corona anfallen, werden durch die Stadt aufgefangen. Vor allem bei der Elbphilharmonie & Laeiszhalle Betriebsgesellschaft, die ja ohne Covid kostendeckend operiert.
Die Stadt bekennt sich stark zu ihren Kulturbetrieben, wofür wir sehr dankbar sind. Das ist anderen Ländern anders, wo Häuser Personal oder Orchester ihre Musiker entlassen müssen.
Natürlich gibt es auch Kritikpunkte, beispielsweise hätte man sich schon früher ein System überlegen können, wie eine sichere Verifizierung von Corona-Tests flächendeckend möglich ist. Beim Friseur kann man auch mit einem Formular aus der Apotheke arbeiten oder direkt vor Ort testen. Bei Veranstaltungen mit hunderten oder tausenden Besuchern ist das nicht möglich.
Elbphilharmonie Christoph Lieben-Seutter: Bau schlimmer als Corona-Pandemie. (24hamburg-Montage)
Es gibt von den privaten Kulturhäusern durchaus Kritik bzw. es wird von Zwei-Klassen-Gesellschaft gesprochen: Auf der einen Seite die staatlich geförderten Betriebe und die, die privatwirtschaftlich betrieben werden. Verstehen Sie die Kritik?
Selbstverständlich ist eine Fortbestands-Garantie etwas Angenehmes, das gibt es in der freien Wirtschaft so nicht. Wir sind aber auch in Kurzarbeit und nehmen Novemberhilfe in Anspruch.
Dass die Stadt dafür sorgt, dass in ihrem Bereich niemand wegen Covid entlassen wird, ist sehr vorausschauend. So können wir mit voller Kraft weitermachen, sobald es wieder losgeht.
Wurde denn in der Zeit modernisiert und renoviert?
Die Elbphilharmonie ist ja noch neu, trotzdem fallen jährliche Wartungs- und Renovierungsarbeiten an. Da haben wir ein paar Dinge gemacht, für die wir sonst keine Zeit gehabt hätten.
Das größte Projekt war die Reinigung der Orgel im Großen Saal. Das ist sehr aufwendig, weil man die nahezu 5.000 Pfeifen alle einzeln in die Hand nehmen muss.
Eine Reinigung wäre im Normalfall noch nicht notwendig gewesen, aber kurz vor der Eröffnung der Elbphilharmonie 2017 wurde die fertig eingebaute Orgel durch Baustaub verunreinigt. So eine Reinigung braucht ein paar Wochen Arbeit im Saal ohne Konzertbetrieb, und dieses Zeitfenster hatten wir ursprünglich für den Sommer 2021 geplant. Durch die monatelange Schließung konnten wir die Reinigung jetzt vorziehen.
Hört man den Unterschied?
(lacht) Nicht wirklich. Viel Staub kann zwar schon die Tonhöhe beeinflussen, ist aber vor allem schädlich für die Mechanik und die Materialien. Es kann dann passieren, dass ein Ton steckenbleibt, ein sogenannter Heuler.
Orgelpfeifen der Elbphilharmonie
Glauben Sie 2021 noch an einen normalen Betrieb?
Wir planen aktuell so, dass wir mit einem Vorlauf von zwei, drei Wochen spielbereit wären. Das verlangt enorme Flexibilität und bedeutet, dass man jedes Projekt mehrfach umplanen muss.
Für den Sommer haben wir ein umfangreiches Programm fertig und die nächste Saison ist bis Sommer 22 durchgeplant. Wir rechnen also damit, in einigen Wochen wieder Konzerte veranstalten zu können, allerdings mit Einschränkungen, die uns wohl noch länger begleiten werden. Etwa was die Mindestabstände und damit die Anzahl der im Publikum erlaubten Personen betrifft. Auch die internationale Lage und die Quarantänebestimmungen in den Herkunftsländern der Orchester und Künstler können jederzeit zu Programmänderungen führen.
Ich hoffe, dass sich die Lage im Laufe des Jahres normalisiert, sodass wir im Frühjahr 2022 wieder vor vollem Haus spielen können. Das kann mit Impfungen und Tests auch schneller gehen, genauso gut können neue Mutanten die Lage aber auch verschlimmern. Wir richten uns auf verschiedene Szenarien ein und gewöhnen uns daran, flexibel zu bleiben.
Wie machen sie das mit den Künstlern – sind die alle auf Abruf?
Da nur an wenigen Orten Konzerte stattfinden, sind die Terminkalender der Künstler ebenfalls leer. Daher klappen auch kurzfristige Engagements. Orchester, Solisten, Dirigenten, die normalerweise auf drei Jahre ausgebucht sind, kann ich jetzt anrufen und fragen, ob sie nächste Woche Zeit haben. Mit etwas Glück klappt es dann auch.
Wie genau ist Ihr Hygienekonzept?
Wir halten uns penibel an alle aktuellen Vorgaben. Zuletzt waren das mindestens 1,5 Meter Abstand im Zuschauerraum und auf der Bühne sowie Maskenpflicht im ganzen Haus. Am Sitzplatz im Saal durfte man die Maske abnehmen. Dazu kommt die laufende intensive Reinigung aller Oberflächen.
Wenn wir wieder aufmachen dürfen, wird es zusätzlich eine Testpflicht für Publikum geben, auch für Mitarbeiter und Künstler. Mit regelmäßigen PCR-Tests kann man dann die Abstände auf der Bühne reduzieren, sodass auch wieder größere Orchesterbesetzungen möglich sind.
Großer Saal der Elbphilharmonie
Sie stehen seit rund 10 Jahren an der Spitze der Elbphilharmonie. War es das schwierigste Jahr?
Nein. Ich erinnere mich noch gut an die ganzen Bauprobleme, die jahrelangen Verzögerungen, den Baustopp oder die Untersuchungsausschüsse. Die damit verbundene Unsicherheit war für mich noch belastender.
Wir sind ein krisenerprobtes Management und können uns schnell auf neue Situationen einrichten. Daher war und ist die Pandemiesituation zwar sehr herausfordernd, zählt aber nicht zu meiner schlimmsten Zeit.

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Rubriklistenbild: © Elbphilharmonie / Maxim Schulz

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