Das stinkt gewaltig

Rätselhaftes Fischsterben in Elbe: Experten liefern erstaunliche Erklärung

  • Laura-Marie Löwen
    vonLaura-Marie Löwen
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Tote Heringe, Aale, Stinte und Finte wurden in den letzten Tagen tonnenweise in der Elbmündung angespült. Umweltverbände finden: Das stinkt gewaltig. Es gibt bereits erste Erkenntnisse, was hinter dem Fischsterben im Norden stecken könnte.

Update vom 27. Juni 2020, um 20:10 Uhr: Hamburg/Cuxhaven/Husum – Nachdem in der vergangenen Woche Tausende tote Fische an der Nordseeküste und in der Elbmündung entdeckt wurden, gibt es nun erste Hinweise für mögliche Gründe des Fischsterbens. Wie die Naturschutzinitiative „Schutzstation Wattenmeer“ am Freitag bekannt gab, könnte der Hintergrund „Nahrungsmangel durch Veränderungen des Nordseeplanktons nach dem sehr warmen Winter sein“.

Außerdem könnte Schlick, der durch die Baggerarbeiten der Elbvertiefung aufgewirbelt wird, die Kiemen der Fische blockieren und ihre Atmung einschränken. Ganz andere Gründe stecken hinter dem Fischsterben in Hamburgs Teichen und Gewässern, und dem Fischsterben in der Ostsee*, 24hamburg.de berichtete.

Strom in EuropaElbe
Länge1.112 km
Abfluss711 m³/s
QuelleRiesengebirge
MundNordsee
StädteDresden, Ústí nad Labem, Pardubitz, Hohenelbe
BrückenElbtunnel, Blaues Wunder, Augustusbrücke

Die Fischforscherin Katja Heubel vom Forschungs- und Technologiezentrum Westküste (FTZ) der Universität Kiel informiert, dass viele junge und geschwächte Fische gefangen wurden, „die relativ schlecht genährt wirken und deutlich von Parasiten befallen sind. Offenbar sind junge Heringe und Sprotten ungewöhnlich zahlreich vorhanden, aber in schlechter Verfassung“.

Der Biologe Rainer Borcherding liefert gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa) einen weiteren Erklärungsansatz für die vielen toten Fische im Norden. Er hält natürliche Gründe für möglich: „Die etwa 6 Monate alten Jungfische sind vermutlich von der Nordsee kommend letzte Woche hier eingetroffen und zum ersten Mal in flaches Wasser geraten“. Weiter meint er: „Die Schwärme brauchten einige Tage, um zu lernen, dass sie im Wattenmeer bei Ebbe stranden können. Kranke, dumme und glücklose Fische sind gestrandet, die anderen haben die Flachwasser-Navigation jetzt im Griff".

An der Nordseeküste sind in den vergangenen Tagen an mehreren Orten viele tote (Jung-)Fische angeschwemmt worden. (24hamburg.de-Montage)

Ekel-Elbe: Hamburgs fauler Fluss ist ein Fisch-Massengrab

Erstmeldung vom 24. Juni 2020, 18:49 Uhr: Wer an diesen Tagen bei Hamburgs hochsommerlichen Temperaturen (24hamburg.de) an Gebieten nahe der Elbe unterwegs ist oder an den Nordseestränden entspannt, dem sind möglicherweise schon ein paar tote Fische ins Auge gestochen. Doch es sind weitaus mehr als nur „ein paar“ - Umweltverbände sprechen von „Tausenden“, ja sogar „Tonnen“ toter Fische.

Fischsterben in der Elbe: Tonnenweise tote Fische an der Nordseeküste angespült

Bei den toten Fischen, die in der Elbmündung und der Deutschen Bucht angespült werden, handelt es sich vorwiegend um junge Heringe, Stinte, Finten und Aaleberichtet der Norddeutsche Rundfunk (NDR). Auch Störe und Schweinswale hätte man zwischen Otterndorf und Cuxhaven entdeckt. Die Initiative „Wattenmeer Schutz Cuxhaven" postet auf ihrer Facebook-Seite teils erschreckende Bilder von toten Fischschwärmen an den Nordseestränden.

Elbvertiefung Ursache für Fischsterben? NABU, BUND und Greenpeace schlagen Alarm

Die Ursachen für das Fischsterben an der deutschen Nordseeküste sind noch nicht geklärt. Patrick Tiede vom Umweltministerium in Kiel sagte am Mittwoch gegenüber der deutschen Presse-Agentur (dpa): „Zurzeit werden im Husumer Hafen und am Büsumer Hafen Proben von lebenden Fischen genommen, um sie auf verschiedene Parameter zu untersuchen“. Gemeinsam mit den verantwortlichen Behörden wolle man nun die Gründe schnellstmöglich erforschen.

Umweltverbände wie der NABU, BUND und WWF drängen ebenfalls auf Antworten. Sie vermuten aber, dass das Fischsterben eine Folge der Elbvertiefung sei, doch „auch andere Ursachen wie der Eintrag von Giftstoffen“ seien denkbar. Manfred Braasch vom BUND Hamburg erklärte gegenüber dem NDR, dass man bei vielen der toten Fische mechanische Verletzungen feststellen kann - verantwortlich dafür könnten die Bagger sein, die bei den Arbeiten für die Elbvertiefung eingesetzt werden.

NABU, BUND und WWF haben sich zu dem Bündnis „Lebendige Tideelbe“ zusammengeschlossen. In einer gemeinsamen Meldung gaben sie bekannt, dass sie bereits mit einer Strafanzeige gegen Unbekannt reagiert hätten: „Die bislang angespülten Fische sind möglicherweise nur die Spitze des Eisberges. Die Verbände haben deshalb Strafanzeige erstattet und die Wasserschutzpolizei aufgefordert, in alle Richtungen zu ermitteln.“

„Die für den Gewässerschutz zuständigen Behörden in Niedersachsen und Schleswig-Holstein wären jetzt gut beraten, bis zum Vorliegen polizeilicher Erkenntnisse alle Baggerarbeiten stoppen“, heißt es weiter. Nach Informationen des NDR hätten nun die Wasserschutzpolizei Hamburg und Cuxhaven Ermittlungen aufgenommen.

Die Elbvertiefung ist möglicherweise Grund für ein massives Fischsterben. (24hamburg.de-Montage)

Elbvertiefung: Umstrittenes Millionenprojekt läuft in Hamburg auf Hochtouren

Die Baggerarbeiten für die Elbvertiefung zwischen Cuxhaven und Hamburg-Altenwerder laufen - trotz Coronavirus-Krise – zurzeit auf Hochtouren. Hintergrund der Elbvertierung ist die Absicht, den Hamburger Hafen besser für neue, größere Containerschiffe erreichbar zu machen. „Die Fahrrinnenanpassung ist das Schlüsselprojekt, wenn wir in der Weltliga der Häfen mitspielen wollen“, erklärt Jens Meier, Chef der Hafenbehörde HPA. Hamburg investiert für die verschiedene Maßnahmen zur Anpassung der Fahrrinne rund 286 Millionen Euro; davon sind 92 Millionen Euro bereits verbaut - das vermeldet die dpa.

Umstritten ist das Projekt schon lange - Umweltverbände wie der NABU sind um das Überleben sämtlicher Tier- und Pflanzenarten besorgt. Die Baggerungen führten zu Sauerstoffarmut im Hafen, welche den Erhalt einzigartigen Fisch- und Pflanzenbestände gefährde. „Eine nur an der Elbe zu findende Pflanzenart ist zum Beispiel der von europäischem Recht besonders geschützte Schierlingswasserfenchel“, erklärt der NABU. Bisher konnten die Umweltverbände das Mega-Projekt in der Elbe nicht stoppen. * 24hamburg.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes

Rubriklistenbild: © Rainer Schulz/Schutzstation Wattenmeer/dpa

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