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Aus für Einfamilienhäuser und Autos in Hamburg? „Passt nicht mehr“

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Von: Kevin Goonewardena

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Hamburgs Umweltsenator Jens Kerstan stellt Forderungen auf, die es in sich haben. Er will an des Deutschen liebstes Gut: Eigenheim und Auto.

Hamburg – Trotz Krisen, explodierender Kosten, Wohnungs- und Baugrundmangel belegen die Zahlen des Statistikamtes Nord, dass die Größe Hamburger Wohnungen (76,2 Quadratmeter / Schnitt) und der verbrauchte Platz pro Kopf (40,2 Quadratmeter / Schnitt) in Hamburg so hoch sind wie nie. Hamburgs Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) fordert nun mit Hinblick auf Klima- und Energiekrise eine Änderung des Lebensstils der Hamburger Bürgerinnen und Bürger.

Bereits kürzlich rief der Senator die Menschen zum Energiesparen auf. Zu den Vorschlägen des Umweltsenators zählt auch, dass sich die Menschen mit dem Gedanken anfreunden, sich in Zukunft mit weniger genutzter Fläche zu begnügen. Kerstan fordert deswegen ein mittelfristiges Umdenken – dazu gehört auch die Abkehr vom Eigenheim.

Name:Jens Kerstan
Geburtsdatum und -ort:18. Februar 1966 in Hamburg
In der Partei seit:1998
Aktuelles Amt:Umweltsenator (seit April 2015, Kabinett Scholz II)

Einfamilienhaus bauen in Hamburg verboten: Büros sollen zu Wohnungen werden

Im Interview mit dem Hamburger Abendblatt äußerte der Umweltsenator den Wunsch, dass künftig auf den Bau von Einfamilienhäusern in der Hansestadt verzichtet wird:

Wir sollten keine neuen Einzelhäuser mehr über die bereits bestehenden und geplanten hinaus bauen.

Jens Kerstan (Grüne), Umweltsenator Hamburg

Umweltsenator Kerstan, der Anfang des Jahres seine Krebsdiagnose publik machte, plädierte darüber hinaus für eine langfristige Abkehr von der bisherigen Stadtplanung, um die aktuellen und zukünftigen Krisen bewältigen zu können. Profitieren würde von den Maßnahmen, die Kerstan anregt, am Ende die Stadt und die Menschen gleichermaßen. Dazu gehört auch der Vorschlag Kerstans, ungenutzte innerstädtische Bürogebäude in Wohnbebauungen umzuwandeln.

Jens Kerstan, Eigenheim und ein VW Käfer
Jens Kerstan (Die Grünen), seit 2015 Umweltsenator in Hamburg, fordert nun unter anderem zum Verzicht auf das Eigenheim und Privat-Autos auf. © Wolfgang Maria Weber/Andreas Haas/Hanno Bode / Imago

In Frankfurt ist diese Praxis schon seit 15 Jahren ein Erfolgsmodell. Wurden bis ins Jahr 2007 lediglich rund 200 Büros jährlich in Wohnraum umgewandelt, stieg die Zahl ab 2008 auf mehr als das doppelte. Etwa 500 Wohnungen werden seitdem jährlich in Frankfurt auf diese Weise neu gewonnen, im Zeitraum von 2008 bis 2015 rund 3500 insgesamt, wie die FAZ berichtet.

Hamburg: Umwandlung statt bauen – „viele Bürobeschäftigte im Homeoffice“

Zwar ist man in Hamburg längst nicht so weit wie in der Mainmetropole Frankfurt, die Entwicklung auf dem Markt wird jedoch auch im Norden beobachtet. Dies geschieht nicht zuletzt aufgrund der aus der Corona-Pandemie in Hamburg resultierenden Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt, die unter anderem die Homeoffice-Regelungen betreffe.

„Schließlich arbeiten seit März 2020 viele Bürobeschäftigte zumindest teilweise im Homeoffice, und in vielen Unternehmen zeichnet sich ab, dass entsprechende Regelungen auch über das Ende der Pandemie hinaus stärker als zuvor genutzt werden“, äußerte sich Susanne Enz, Sprecherin der Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen, 2021 gegenüber dem Magazin Stern. Man sei deswegen auf die Frage nach dem Bedarf an Büroflächen sensibilisiert, führt Enz weiter aus und beobachte die Entwicklung genau.

Einfamilienhaus bauen in Hamburg verboten: Im Bezirk Hamburg-Nord Realität

Doch zurück zum Eigenheim: „Hamburgs Grüne verbieten Einfamilienhäuser – Traumhaus ade“ betitelte Der Spiegel im Februar 2021 eine Geschichte, drastischer äußerte sich Henneke Lütgerath, Vorsitzender des Hamburger Landesverbands Wirtschaftsrat. „In der Hansestadt Hamburg ist ein Traum linker Ideologen wahr geworden“, ätzt Lütgerath gegenüber der Tageszeitung Die Welt, die SPD und Grüne „verbieten – bislang nur in Hamburg – den Menschen den Traum vom Eigenheim“, so Lütgerath weiter.

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Was war passiert? Der Bezirk Hamburg-Nord hatte beschlossen, zukünftig keine Eigenheime mehr zu genehmigen. Dass es sich dabei weder um ganz Hamburg handelte, fiel genauso unter den Tisch, wie die Gründe für den Beschluss. Die sind keinesfalls nur in der Klima- oder Energiekrise zu finden, sondern haben viel mit dem knappen Flächenangebot und dem Umstand, den stetig mehr werdenden Hamburger und Hamburgerinnen Wohnraum anbieten zu können, zu tun. 2035 so Prognosen wird die Elbmetropole die Marke von zwei Millionen Einwohnern erreichen. Die zweitgrößte Stadt von Deutschland ist schon jetzt die sechstgrößte Stadt der Europäischen Union und die größte, die keine Hauptstadt eines Mitgliedslandes ist.

Der Traum vom Eigenheim: Wer will heute noch bauen?

Der Spiegel erwähnte gar beiläufig, dass Ex-Kanzler Helmut Schmidt in einem Reihenhaus in Langenhorn (Bezirk Nord) gewohnt habe – das liest sich in dem Zusammenhang so, als müsse dieser, wäre er noch am Leben, nun in den Plattenbau ziehen. Seit den 1960er Jahren ist der „Traum vom Eigenheim“ der phrasierte deutsche Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Story; das ultimative Lebensziel des Mittelstandes, ohne Verwirklichungen das Leben gar unvollendet scheint. Damals wurde das eigene Haus für die Arbeitergeneration erschwinglich. Doch die Zeiten haben sich geändert. Sie sind nicht mehr die gleichen, wie noch in der Groß- und Elterngeneration der heutigen 30-Plusser. Weiterlesen: Bauzinsen schießen in die Höhe: Was Sie jetzt beachten sollten.

Doch wer das Träumen verbietet, verbiete somit eigentlich nichts weniger als: das Leben selbst. Und, weil wer nicht wagt, bekanntlich auch nicht gewinnt, und gerade im kapitalistischen System das Ziel der Weg ist, also die Anstrengung, eben jenes zu erreichen – hier das Arbeiten und Sparen auf das Eigenheim hin – ist das erfolglose Abarbeiten an der Erfüllung des Traums dann am Ende des Lebens schon genug gewesen; denn schlimmer als der, der seine Träume nicht erreicht, ist bekanntlich der, der es nicht mal versucht. Und ganz nebenbei eine Klientel reich macht, die Welt liest, gelb wählt und Verbrenner fährt.

Grüne wollen Einfamlienhäuser verbieten: Kritik von FDP Hamburg

Und da in Deutschland vermeintlich die FDP für das Träumeerfüllen zuständig ist, meldete sich auch flugs Michael Kruse, Hamburger FDP-Chef, der sich momentan mit parteiinternen Querelen herumschlagen muss, auf Twitter zu Wort und forderte Kerstan auf „den Menschen ihren Traum“ zu lassen. Die allerdings scheinen zumindest nicht in Hamburg die gleichen Träume wie Kruse und Co. zu träumen: Von 123 Abgeordneten in der Hamburgischen Bürgerschaft, stellt die FDP deren 2. Fraktionsstatus: Fehlanzeige. Bei den 15 Wahlen seit dem Rekordergebnis von 10,9 Prozent 1974, erreichte die FDP einmal mehr als 7 Prozent (2015), fünfmal mehr als 5 Prozent. 8 Mal war die FDP nach einer Wahl gar nicht im Hamburger Parlament vertreten. Wähler und Wählerinnen-Wille vertreten, sieht ganz sicher anders aus.

CDU Hamburg: „Absurde Verbotsdiskussionen“ – Grüne sollen lieber wahre Probleme lösen

Auch der Chef der CDU-Fraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft, Dennis Thering, äußerte sich am Wochenende zu dem Vorstoß des grünen Umweltsenators. Die Vorschläge, keine Eigenheime in Hamburg mehr genehmigen zu lassen „zeigen einmal mehr, dass grüne Politik weiter auf Verbote und Bevormundung setzt“, so Thering. Die Grünen würden durch ihre Politik die Lebensrealität der Menschen in der Stadt komplett aus den Augen verlieren, sagte der CDU-Politiker gegenüber dem Abendblatt. Für die CDU sei klar, dass „dass sich junge Familien und alle anderen in Hamburg den Traum vom Einzelhaus mit eigenem Garten verwirklichen dürfen“. Statt irgendwelcher „absurder Verbotsdiskussionen“, sollten sich die Grünen um die wirklich wichtigen Probleme der Gegenwart kümmern, so die Empfehlung für den politischen Kontrahenten.

Bauen in Hamburg: Unter Rot-Grün ähnlich viele Neubauten wie unter CDU-Senat

Die Linke entlarvte bereits 2021 das Verbot von Eigenheimen als von Politik und Medien hochstilisierten Quatsch. Aus einer Antwort des Hamburger Senats auf eine Anfrage der Die Linke-Bürgerschaftsfraktion geht nämlich hervor, dass sich die Zahlen der neugebauten Eigenheime unter dem Rot-Grünen Senat gar nicht so sehr von denen unterscheiden, die in den vergangenen Jahren unter CDU-Führung in Hamburg entstanden. Unter den CDU-Bürgemeistern Ole von Beust und Christoph Ahlhaus wurden von 2001 und 2011 im Schnitt 1200 Eigenheime jährlich in der Hansestadt errichtet, berichtet die Hamburger Morgenpost über die Antwort auf die Anfrage. 1100 sind es bis ins Jahr 2019 unter dem heutigen SPD-Kanzler Olaf Scholz und Peter Tschentscher gewesen. Ein relevanter Unterschied ist das nicht. Das hält Scholz allerdings keineswegs davon ab, den Koalitionspartner bei etwaigen Vorstößen als Verbots-Partei abzukanzeln und damit gleichermaßen die ideologischen Ressentiments seiner politischen Gegner zu bedienen.

Die ganze aufgeregte Debatte verschweigt, dass ein Großteil der Hamburger:innen sich gar kein Einfamilienhaus leisten kann. 

Heike Sudmann, Die Linke

Mieten in Hamburg: Großteil kann sich Eigenheim gar nicht leisten

Und auch ein anderer Aspekt fällt bei der Diskussion stets unter den Tisch: Der Großteil der Hamburger und Hamburgerinnen, kann sich gar kein Eigenheim leisten. Dazu führt unter anderem der Umstand, dass die hohen Mieten es kaum möglich machen, Geld anzusparen. Denn die Mietsteigerung hat sich in Hamburg binnen zehn Jahren mehr als verdoppelt. Und auch jetzt droht rund 90.000 Hamburgern eine weitere Mieterhöhung, nämlich denen, die einen sogenannten Index-Mietvertrag besitzen. Lediglich 30 Prozent der Immobilien in Hamburg sind Eigenheime. Und auch die werden immer teurer. Ob die anderen 70 Prozent überhaupt „Den Traum vom Eigenheim“ träumen, ist nicht bekannt. Vermutlich würde eine Umverteilung von oben nach unten, daran etwas ändern. Doch für diese Träume ist die FDP dann doch nicht zuständig.

Appell von Umweltsenator Kerstan: Weniger Fleisch, Verzicht auf Privatwagen

Auch die anderen Ideen, die Kerstan, der auch vor der Reduzierung von Warmwasser bei anhaltender Energiekrise warnte, haben es in sich. Zwar esse er gerne gelegentlich Mettbrötchen, doch müssten alle weniger Fleisch essen. Kerstan plädiert weiter für „andere Formen der Mobilität, das Privatauto in der Stadt passt nicht mehr“. Doch auch wenn die Forderungen und Überlegungen des Umweltsenators für manch Deutschen wie die Aufforderung das Atmen einzustellen klingen mag, den größten Beitrag zur Bewältigung der Krise, müssen laut Kerstan nicht etwa die Privathaushalte leisten. „Die Umstellung von Energie, Produktion, Verkehr und Bauwirtschaft“ seien entscheidend. „Wenn es dort keine radikalen Veränderungen gibt, hilft auch private Verhaltensänderung nicht“, so der Hamburger Senator im Abendblatt.

TRANSPARENZHINWEIS: Dieser Artikel wurde nach Veröffentlichung um neue Informationen ergänzt

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