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„Dreckiges, ehrliches Lachen“: Was haben Schlabberfotos mit Depressionen zu tun?

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Von: Steffen Maas

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Mit Schlabberfotos Aufmerksamkeit auf das Thema Depressionen lenken, das will Daniel Budimann nicht nur mit einer Ausstellung bei der Photopia 2022. Ein offenes Gespräch.

Hamburg – Muskeln lockern, Gesicht entspannen, und vor der Kamera losschlabbern: Sieht lustig aus, es ist aber nicht sofort ersichtlich, wie die Brüder Daniel und Ian Budimann ausgerechnet mithilfe von albernen Fotos mehr Aufmerksamkeit auf das Tabu-Thema mentale Gesundheit lenken wollen. Doch im Gespräch mit 24hamburg.de erzählt ein Teil des Hamburger Brüderpaares, wie lange sie die „Schlabberfotos“ schon als Idee mit sich herumtragen und wie sich entwickelt hat: Daniel Budimann über ein Projekt aus der Kindheit, das durch eigene, schlimme Erfahrungen an Unschuld verloren, aber dafür immens an Bedeutung gewonnen hat.

Name:Daniel Ridwan Budimann
Spitzname:Budi
Geboren:25. Mai 1983 in Flensburg
Bekannt aus:GIGA Games, Game One (TV), Rocket Beans (Twitch/YouTube)

Schlabberfotos in der Kindheit: „Aus tiefstem Herzen totgelacht“

„Puh, das ist locker schon 25 Jahre her … eher 30“, erinnert sich Daniel Budimann an die Zeit, als er mit seiner großen Schwester und seinem großen Bruder Zuhause mit der kleinen Kamera mit dem Blitz herumrannte und losknipste, „da sind definitiv die ersten Schlabberfotos entstanden.“ Im Nachhinein, sinniert der heute 39-Jährige im kurzen Gespräch mit 24hamburg.de, sei das lustige Herumspielen mit dem Fotoapparat auch eine Art erste Lektion zum Thema „Selbstwahrnehmung“ gewesen – sich mal selbst völlig außer Rand und Band auf dem Fotopapier zu sehen. Aber damals? „Wir haben uns einfach nur aus tiefstem Herzen totgelacht.“

Moderator und Videospiel-Liebhaber – das ist Daniel Budimann

Seit fast 20 Jahren hat Daniel Budimann professionelle Erfahrung mit der Arbeit mit der Kamera. Dabei fand sich der in Flensburg geborene Wahl-Hamburger jedoch eigentlich immer auf der anderen Seite der Linse wider: Seine Liebe zu Videospielen konnte er als Moderator über die Jahre in mehreren Formaten an die Zuschauer weitergeben.

2003 startete er mit der Fernsehsendung „GIGA Games“, ehe er nach drei Jahren zum bekannte Musiksender MTV wechselte, und dort das Format „Game One“ nicht nur moderierte, sondern auch produzierte. Ende 2014 flackerte die letzte Episode über den Bildschirm, zuvor gewann man 2011 für „Game One“ den Publikumspreis des „Grimme Online Award“.

Spätestens seitdem galt die Aufmerksamkeit von „Budi“ ganz der bereits 2011 gegründeten Medienproduktionsfirma „Rocket Beans“. Zusammen mit den Mitbegründern Simon Krätschmer, Etienne Gardé, Nils Bomhoff und Arno Heinisch konzentrierte man sich zunächst auf die Erstellung von YouTube-Videos, ehe die Raketen-Bohnen Anfang 2015 zu einem Web-TV-Sender ausgebaut wurden. Auf Twitch und YouTube wird seitdem täglich gestreamt und den Zuschauern ein buntes Programm rund um Computerspiele, Popkultur und Nerd-Lifestyle geboten.

Im Februar 2017 ergatterten „Budi“ und seine Kollegen dafür sogar den Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie „beste Moderation Unterhaltung“. Ende 2019 zog sich Daniel Budimann aus gesundheitlichen Gründen aus dem Produktionsalltag von „Rocket Beans“ zurück.

Wie das halt mit Sachen ist, die man tief im Herzen trägt, bleiben sie bei uns. Selbst alberne Fotos, auf denen man der Kamera einfach mal ein anderes Gesicht zeigt. Immer wieder beschäftigte die Idee Daniel und seinen großen Bruder Ian deshalb, über die Jahre wurden immer wieder Freunde für Schlabberfotos vor die Kamera gezerrt. Das Ergebnis? „So ein unangenehm dreckiges, ehrliches Lachen“, freut sich Daniel jedes Mal über den Moment, in dem die Leute ihre eigenen Gesichter außer Kontrolle sehen. „Wie fremd man sich selbst sehen kann und dann diese eigentlich klassische Fremdscham für sich selbst empfindet. Selbstscham? Ich weiß es nicht“, lacht Budi laut auf, „aber es hat uns absolut fasziniert.“

Schlabberfotos auf der Photopia 2022: Ausstellung und Fotobox fürs selber schlabbern

Ein Vierteljahrhundert nach den kindlichen Spielereien im Hause Budimann stellen Ian und Daniel ihre Schlabberfotos bei der großen Foto-Messe „Photopia 2022“ in den Messehallen Hamburg aus. Etwas professioneller als mit der damaligen Polaroid-Kamera haben sie Menschen und Gesichter in Szene gesetzt. Unterstützung gab es dabei von befreundeten Fotografen, geschlabbert wurde in Hamburg, Berlin und Essen.

Die künstlerische Führung und die Kuration übernahm Bruder Ian – „der ist auch deutlich stärker an der Kamera als ich“, lacht Daniel. Das vorläufige Endprodukt: 15 Fotos im A1-Format hängen von Donnerstag, 13. Oktober, bis Sonntag, 16. Oktober, in drei Containern verteilt. Aber klar, geknipst und geschlabbert wird auch: am eigenen Messestand mit Fotobox.

Daniel Budimann Schlabberfoto Photopia 2022 Ausstellung
Einfach mal abschlabbern: In diesem Fall lässt Daniel Budimann, ein Teil des kreativen Bruderpaares, mal selbst die Maske vor der Kamera fallen. Sie sind auf der Photopia 2022 nicht nur mit einer Ausstellung vertreten, sondern bieten mit der „Schlabberbooth“ interessierten Besuchern auch die Möglichkeit, selbst mal abzuschlabbern. © Daniel Budimann

Für die „budibros“, wie sich die Brüder auf YouTube und Twitch nennen, sind die Schlabberfotos aber nicht nur Kunst zum Aufhängen geworden. Schicksalsschläge gaben der unschuldigen Herzensangelegenheit ein anderes Gesicht und verwandelten sie in eine Möglichkeit, viel mehr mitzuteilen, zu erzählen. „Diese Geschichte mit der Selbstwahrnehmung. Durch unsere eigenen Depressionen, dunklen Zeiten und schwierigen Jahre hat das alles viel, viel mehr Bedeutung bekommen“, erzählt Daniel offen.

Daniel Budimann: Klinik, Therapie und der Blick hinter die Fassade

Denn: Sich eine Fassade aufbauen, eine Maske aufsetzen, um sich im täglichen sozialen Getümmel der Gesellschaft durchzuboxen, das kennen Betroffene von psychischen Erkrankungen nur zu gut. Die Maske setzt man für andere Leute auf, auch, weil es so unmöglich erscheint, einem anderen Menschen ehrlich zu erklären, was tief in einem vorgeht. Doch auch für sich selbst – um dazuzugehören, sich anzupassen an seine Mitmenschen, die von außen betrachtet eben alle einfach funktionieren. Und irgendwann wissen Erkrankte selbst nicht mehr: Wer bin ich eigentlich hinter der Maske?

Moderator Daniel Budimann Schlabberfotos Photopia 2022 Hamburg
Andere Optik, andere Selbstwahrnehmung: Daniel Budimann möchte mit den Schlabberfotos hinter die Fassade der Menschen gucken. Dieses „Loslassen“ vor der Kamera hat für ihn einen großen Bezug zu Dauerthemen für psychisch Erkrankte – weswegen er und sein Bruder hoffen, mit den Fotos und der Ausstellung mehr Aufmerksamkeit auf das Thema lenken zu können. (24hamburg.de-Montage) © YouTube/budis basement

Im Fall von Daniel Budimann gaben Therapie und Klinikaufenthalte den Fokus zurück. Eine Besinnung zurück auf die Selbstwahrnehmung. Ein harter Weg und Prozess, von dem er zumindest einen Funken in den Menschen sieht, die er für Schlabberfotos begeistern kann und mit denen er dann den kurzen Blick hinter die Maske mit dem Drücken des Auslösers festhalten kann. „Du wirst allein durchs Fotografieren mit zwei super wichtigen Sachen konfrontiert“, erklärt der Familienvater, „denn zum einen hast du plötzlich mit diesem Foto ein ganz anderes Ich vor dir, eins ohne Kontrolle. Und zum anderen schließt sich meistens direkt die Frage an: Will ich, dass andere Leute mich so sehen? Wie sehen sie mich überhaupt?“

Das ist unsere Art, Depressionen greifbar zu machen.

Daniel Budimann über die Schlabberfotos, die er uns sein Bruder bei der Photopia 2022 ausstellen

Für Budi bedeutet Schlabbern Freiheit. „Loslassen“, nennt er es: „In dem Moment geht es nicht darum, wer ich sein kann, oder sein muss. Nur, wer ich sein möchte.“ Man merkt ihm an, wie wichtig es ihm ist, das Undefinierbare, das in seinem Innenleben abgeht, doch irgendwie abbilden, irgendwie vermitteln zu können:

Schlabberfotos für mehr Aufmerksamkeit: Tabu-Thema psychische Erkankungen

Darauf sind Daniel und Ian Budimann stolz. Zurecht. Sie freuen sich, dass andere Betroffene ihren Ansatz sehen und sofort verstehen – was unfassbar wertvoll ist für Menschen, die oft täglich gegen das eigentlich Unverständliche kämpfen. Doch genauso wichtig ist ihnen, dass Angehörige oder Leute, die mit psychischen Erkrankungen keine Berührungspunkte haben, auch verstehen. „Das Ziel ist es, den Leuten zu helfen, einen anderen Zugang zu dieser Thematik zu bekommen“, unterstreicht Daniel, der mit seinem Bruder damit einen weiteren Beitrag dazu leisten will, dass noch mehr über das Tabu-Thema gesprochen wird.

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Deshalb die Ausstellung. Deshalb eine Spendenaktion. Und auch für Medienprofi Budi stellt die Photopia die Möglichkeit dar, selbst nochmal die Hüllen fallen zu lassen. Nicht im Gesicht, wie bei den Schlabberfotos. Sondern seelisch. Jahrelang stand er vor der Kamera, dann irgendwann der plötzliche Rückzug. Wirklich erklärt hat er die Zwangspause nie. Vielleicht, weil er nie die Worte dafür fand, was in ihm vorging. Mit den Schlabberfotos hat er jetzt einen anderen Weg gefunden. „Ich freue mich echt richtig darauf, meine Erfahrungen mit den Leuten zu teilen.“

*Unterstützt werden Daniel und Ian Budimann bei ihrer Aktion von der Deutschen Depressionsliga e.V. und der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, denen auch alle Spenden zugutekommen. Infomaterial der Organisationen wird zudem am Stand in der Halle A1 auslegen. Wer als Betroffener oder Angehöriger in Hamburg Anlaufstellen oder Hilfe sucht, dem steht der Therapieführer der Stadt zur Verfügung. Wer ganz akut mit seiner Krankheit zu kämpfen hat, kann sich rund um die Uhr bei der Telefonseelsorge unter den bundesweiten Telefonnummern (0800) 111 0 111 oder (0800) 111 0 222 melden.

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