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„Dekatastrophisieren“: UKE-Professor rät zu gelassenerem Umgang mit Corona

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Von: Kevin Goonewardena

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Die Berichterstattung über Corona hat Einfluss auf Ängste und die Corona-Symptome selbst. UKE-Professor Bernd Löwe klärt auf und fordert einen anderen Umgang mit der Pandemie.

Hamburg – Seit zwei Jahren hält die globale Corona-Pandemie die Welt in Atem. Werden die gesundheitlichen Auswirkungen der Coronakrise diskutiert, geht es jedoch meist um Konsequenzen, die eine Infektion mit dem Coronavirus auf Körper und Psyche hat. Die Effekte, die beispielsweise Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen, Lockdowns oder Quarantäne auf die Menschen haben, wurden und werden nur am Rande diskutiert und schienen überhaupt nicht in die Maßnahmen-Diskussionen einzufließen.

Name:Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
Gegründet:1889
Anzahl Betten:rund 1700
Anzahl Mitarbeitende:rund 14.100
Anzahl Patienten und Patientinnen im Jahr (2020):448.932 (davon 360.781 ambulant)

Dabei gibt es längst verschiedene Untersuchungen zu seelischen Auswirkungen der Coronavirus-Krise. So berichteten etwa die Tageszeitung Die Welt und der NDR davon, dass fast jedes dritte Kind laut der Caritas psychische Auffälligkeiten zeigen würde, die mit der Pandemie und den dazugehörigen Maßnahmen zusammen hängen. Auffälligkeiten, die sich in Suchtverhalten, Essstörungen oder der extrem gestiegenen Anzahl von Selbstmordversuchen bei Kindern und Jugendlichen äußern. So sieht auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) dieses Themenfeld als eine der größten Herausforderungen der Pandemie an.

Wie die Berichterstattung in Deutschland die Angst vor Corona beeinflusst

Die Berichterstattung hat, ohne dass dies durch die Medien beabsichtigt ist, auch ihren Anteil an der durch das Virus entstandenen Angst und diese selbst auf die tatsächlichen oder vermeintlichen Symptome einer Covid-19-Erkrankung. Professor Dr. Bernd Löwe, vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, erklärt gegenüber der Zeitung Hamburger Abendblatt, wozu das führen kann.

Ein depressiver Mann mit Corona-Schutzmaske vor dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
UKE: die Corona-Pandemie beeinflusst nicht nur die körperliche, sondern auch die geistige Gesundheit. (24hamburg.de-Montage) © Bodo Marks/dpa/imago

Long Covid sei zwar sehr komplex und das Virus an den Symptomen beteiligt, „aber die Psyche spielt ebenfalls eine große Rolle.“ Das läge daran, dass die Öffentlichkeit extrem auf „Covid-19 und Long Covid fokussiert“ sei. Das sorge für eine geschärfte Aufmerksamkeit, die den dazugehörigen Symptomen entgegengebracht wird und müsse „gar nicht schlecht sein“, so der UKE-Mediziner gegenüber der Zeitung.

Führt Berichterstattung über Long Covid zu schlimmeren Fällen?

Es sei zwar zu einfach gesagt, dass die Berichterstattung zu mehr schlimmen Verläufen einer Coronavirus-Infektion führt, doch habe eben jene dennoch einen Einfluss auf Patienten, aber auch auf die Menschen, die sich noch nicht mit dem Virus infiziert hätten. Wenig verwunderlich ist da also, dass „ZDF Heute“ unter Berufung auf unter anderem die Techniker Krankenkasse und die Kaufmännische Krankenkasse berichtet, dass seit dem Frühjahr die „Zahl der Hilfesuchenden mit psychischen Leiden steigt.“

Wozu die Fokusierung auf Covid-19 und Long Covid führen kann

„[...] Manchmal bekommt man den Eindruck, dass es außer Covid-19 keine anderen Erkrankungen mehr gibt. So driften andere Symptome anderer Erkrankungen aus dem Fokus der Aufmerksamkeit – etwa bei Herzerkrankungen, Schlaganfällen, Hautkrebs und psychischen Störungen“, erläutert Professor Löwe die Nachteile der erhöhten Medienberichterstattung zu dem Themenkomplex Corona, die mit dafür sorge, dass die Menschen ihre ganze Aufmerksamkeit nur den Corona-Symptomen widmen beziehungsweise Hinweise auf andere Erkrankungen in Richtung einer Infektion mit dem Corona-Virus umdeuten würden.

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Studie: Glaube an Covid-19 erkrankt zu sein hat stärkeren Einfluss als Erkrankung selbst

Auch wenn andere europäische Länder, etwa Dänemark, trotz niedriger Impfquote auch Schweden*, England, wo Premier Boris Johnson bereits vor Wochen das Ende aller Corona-Regeln angekündigt hat*, oder die Schweiz ihre Maßnahmen lockern beziehungsweise ganz aufheben würden, seien die physischen Auswirkungen der Berichterstattung europaweit zu sehen und hätten nichts mit einer „German Angst“ zu tun, so der Mediziner.

Es gibt beispielsweise eine Studie aus Frankreich, die nachweist, dass der Glaube, an Covid-19 erkrankt gewesen zu sein, die „langfristigen Körperbeschwerden stärker beeinflusst als die tatsächliche Infektion mit dem Virus“, erzählt Löwe. In dem deutschen Nachbarland, so berichtet es das Fachblatt Ärztezeitung in seiner Online-Ausgabe, habe sich nach der ersten Ausgangssperre im Frühjahr 2020 die Zahl der jungen Menschen verdoppelt, bei denen depressi­ve Leiden diagnostiziert wurden. In der Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen seien mehr als 20 Prozent von solchen Krankheitsbildern betroffen gewesen, schreibt das Ärzteblatt.

Was die Politik jetzt tun sollte: „Corona gehört nicht jeden Tag auf die Titelseite“

„[...] Wir müssen immer wieder erklären und „dekatastrophisieren“: Bergamo wird so jetzt nicht mehr passieren – wir haben die Impfungen und eine ungefährlichere Variante des Virus“, sagt Löwe im Abendblatt.

Geboten sei jetzt, so Professor Löwe, dass die Politik „rational informiere[n] und die vielen anderen wichtigen Themen stärker in den Mittelpunkt“ rückt. Dazu zählten auch „Fragen wie der Umwelt- oder Klimaschutz“, Themen, die in der Pandemie in den Hintergrund geraten seien: „Corona gehört nicht jeden Tag auf die Titelseite.“

Der Mediziner empfiehlt, sich auf drei Gruppen zu konzentrieren: Auf die Corona-Patienten, die stationär versorgt werden müssen, die Long-Covid-Fälle und jene Menschen „die gar nicht infiziert waren, aber unter der Pandemie leiden und erkrankt sind, etwa junge Studierende“. Eine hohe Corona-Belastung bei Studierenden* ist auch das Ergebnis einer bundesweiten Befragung unter mehr als 7500 Studenten und Studentinnen, die bis Mitte Januar 2022 stattgefunden hat und der zufolge mehr als 60 Prozent „das laufende Semester bisher psychisch nicht gut absolvieren konnten.“ *24hamburg.de, fr.de und merkur.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

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