Streit um Corona-Ursprung

Wuhan-Theorie: Uni Hamburg entschuldigt sich für China-Studie

  • Jens Kiffmeier
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Alles Unsinn? Mit seiner Corona-Studie sorgte ein Hamburger Professor für Ärger. Der Uni warf er mangelnde Unterstützung vor. Diese distanziert sich weiter.

  • Hamburger Professor Roland Wiesendanger legt Studie zum Ursprung des Coronavirus vor.
  • Seine heftig umstrittene These: Ein Laborunfall hat die Pandemie entfacht.
  • Nach heftiger Kritik distanziert sich die Uni von der Arbeit

Update vom 3. März 2021, 18.10 Uhr: Hamburg – Lange hielt sich die Universität Hamburg zurück, doch nun bricht sie ihr Schweigen: Zwei Wochen nach der Veröffentlichung einer umstrittenen Untersuchung zum Ursprung des Coronavirus hat sich Uni-Präsident Dieter Lenzen von der Arbeit distanziert. In einer internen Videobotschaft an die Beschäftigten der Hochschule bat er teilweise für das Vorgehen sogar um Verzeihung, berichtet die Deutsche Presse-Agentur (dpa).

Sorgt mit einer Corona-Studie für Aufsehen: Hamburgs Physik-Professor Roland Wiesendanger. (24hamburg.de-Montage)

Zuvor hatte der Neurowissenschaftler Roland Wiesendanger eine Analyse vorgelegt, wonach der Ursprung des Coronavirus auf einen Laborunfall im chinesischen Wuhan zurückzuführen sei. Die Arbeit war von der Pressestelle der Uni als „Studie“ veröffentlicht worden und hatte wie berichtet für einen internationalen Aufschrei und viel Kritik gesorgt.

Nun machte die Uni einen Rückzieher. „Nichts lag ferner, als Kolleginnen und Kollegen dadurch zu provozieren, dass ein Diskussionspapier auf derselben Ebene bewertet würde wie eine Studie zu experimentellen oder empirischen Forschungsergebnissen, die in mühevoller und aufwendiger Anstrengung erzielt wurden“, sagte Lenzen. Sollte ein solcher Eindruck entstanden sein, fügte der Uni-Präsident hinzu, dann bitte er um „Nachsicht“.

Irre Wuhan-Theorie: Skandal-Professor schießt gegen Uni

Erstmeldung vom 23. Februar, 12.10 Uhr: Hamburg – Die umstrittene Hamburger Studie zum Coronavirus-Ursprung sorgt weiter für Furore: Nachdem im Netz und der internationalen Fachwelt ein Sturm der Entrüstung entbrannt ist, liegt der Studienautor jetzt im Clinch mit der Universität Hamburg. So beklagt Professor Roland Wiesendanger mangelnde Unterstützung seitens seines Arbeitgebers. So habe ihn Uni-Präsident Dieter Lenzen bei der Veröffentlichung der Arbeit und deren Bekanntmachung über offizielle Kanäle der Hochschule „ausdrücklich motiviert“, stellte Wiesendanger in einem Gespräch mit dem „Hamburger Abendblatt“ klar. Umso unverständlicher sei es, dass er die Vorgänge nun nicht kommentieren wolle, rügte der Professor.

Stadt in Deutschland:Hamburg
Fläche:755,2 km²
Bevölkerung:1,845 Millionen (30. Juni 2020)
Erster Bürgermeister:Peter Tschentscher (SPD)

Tatsächlich hat Lenzen bislang jegliche öffentliche Stellungnahme zu der umstrittenen Arbeit von Wiesendanger abgelehnt. Der angesehene Nanowissenschaftler hatte Ende der vergangenen Woche ein Papier über die Pressestelle der Uni veröffentlichen lassen. Darin stellt er die These auf, dass der Ursprung der Corona-Pandemie auf einen Laborunfall im chinesischen Wuhan zurückgeht. Sowohl die Zahl als auch die Qualität der Indizien sprechen aus Sicht von Wiesendanger für diese Theorie, die er in sechs Punkten begründete. Für seine Arbeit hatte er zuvor ein Jahr lang verschiedene Quellen ausgewertet.

Corona-Studie: Aus der Fachwelt hagelt es Kritik

Die Studie steht im Widerspruch zu Erkenntnissen der Weltgesundheitsorganisation* (WHO), die bereits zuvor mit einem Expertenteam dieser Theorie nachgegangen und am Ende aber zu einem anderen Ergebnis gekommen war. Es sei völlig unklar, wie das Virus auf den Menschen überspringen konnte, hieß es in dem Abschlussbericht. Aber die Laborunfall-These, die auch vielen Verschwörungstheoretikern* und Querdenkern viel Stoff liefert, sei „eher unwahrscheinlich“.

Wiesendanger ist kein Virologe. Sein Fachgebiet ist die Nanowissenschaft – und in diesem Gebiet gilt er als international renommierter, preisgekrönter Experte. Im Fall der Corona-Studie ließ Wiesendanger seine Arbeit aber entgegen wissenschaftlicher Gepflogenheiten nicht von unabhängigen Gutachtern bewerten, sondern lud das Papier auf einem Research-Netzwerk für Wissenschaftler hoch. Doch auch ohne unabhängige Begutachtung verbreitete die Universität-Pressestelle die Arbeit anschließend über ihre Homepage.

Wiesendanger: „Habe mir monatelang Gedanken gemacht“

Kritik an diesem Vorgehen wies Wiesendanger nun zurück. Sein Papier sei „ganz klar keine wissenschaftliche Publikation“, stellte der Professor nun im Abendblatt-Interview klar. Das habe er im Übrigen nie behauptet. Aber eine Universität und ihre Pressestelle habe auch immer die Relevanz einer Arbeit zu bewerten. Und in diesem Fall verdiene die Publikation eine internationale Diskussion. Und nur darum gehe es, so Wiesendanger. „Ich habe mir monatelang Gedanken darüber gemacht, wie die Form des Dokuments aussehen muss, damit ich Millionen Menschen weltweit erreiche.“

Zumindest dieses Ziel hat der Professor erreicht. Eigenen Angaben zufolge erreichen ihn seit der Veröffentlichung Interview-Anfragen aus aller Welt. Auch internationale Wissenschaftler suchten Kontakt zu ihm. Gerade vor diesem Hintergrund würde sich der umstrittene Studienautor in Deutschland eine unaufgeregtere Diskussion und mehr Unterstützung seitens der Uni Hamburg wünschen. Doch die hält sich ebenso zurück, wie viele andere Fachleute auch.

Sowohl Uni-Präsident Lenzen als auch bekannte Hamburger Virologen vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) oder beim Bernhard-Nocht-Institut ließen sich bislang nicht zu einer Bewertung der Studie hinreißen. Und auch Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank (Grüne) ging wie berichtet schnell auf Distanz zu den Ergebnissen. Lediglich die Fakultät für Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften (MIN) äußerte sich und sprach der Arbeit das Wort „Studie“ ab. Die Vorgehensweise löse intern ein wenig Befremden aus, hieß es. Das war dann auch nicht das, was Wiesendanger hören wollte. *24hamburg.de, merkur.de und fr.de sind Teil des Ippen-Digital-Netzwerkes

Rubriklistenbild: © Karl Josef Hildenbrand/dpa/picture alliance & Xinhua/dpa/picture alliance

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