Überforderter Senator

Schulen im Lockdown: Macht Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher Schulen zur Chefsache?

  • Jens Kiffmeier
    vonJens Kiffmeier
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Serverpannen, Unterrichtsausfälle im Corona-Lockdown: Die Probleme beim Homeschooling setzen Schulsenator Ties Rabe unter Druck. Ist er der Aufgabe gewachsen?  

  • Im Lockdown ist die Präsenzpflicht für Schüler in Hamburg bis zum 31. Januar aufgehoben.
  • Mehrere Pannen beim digitalen Unterricht frustrieren Eltern und Kinder.
  • Die wachsende Kritik an Schulsenator Ties Rabe beantwortet der Senat mit mehr Personal.

Hamburg – Erst waren die Eltern sauer, dann die Opposition: Wegen anhaltender Probleme bei der Erteilung von digitalem Unterricht während des Corona-Lockdowns wird der Unmut über Schulsenator Ties Rabe (SPD) in der Hansestadt Hamburg immer lauter. Insbesondere die CDU- und Linksfraktion kritisierten jetzt heftig das Krisenmanagement des Sozialdemokraten und warfen ihm Unfähigkeit vor. Im Vergleich zu anderen Bundesländern habe Rabe die Hamburger Schulen nicht schnell genug auf den Distanzunterricht vorbereitet, sagte Unionsfraktionschef Dennis Thering und forderte Hamburgs Ersten Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) zum Handeln auf: „Übernehmen Sie das Thema und machen es zur Chefsache.“

Stadt in Deutschland:Hamburg
Fläche:755,2 km²
Bevölkerung:1,845 Millionen (30. Juni 2020)
Erster Bürgermeister:Peter Tschentscher (SPD)

Seit Wochen schon steht Rabe unter Druck. In Hamburg gilt bis zum 31. Januar ein harter Lockdown mit strengen Kontaktverboten. Zur Eindämmung der Pandemie wurde der Präsenzunterricht bis Ende des Monats ausgesetzt, vielleicht auch darüber hinaus noch. Das bedeutet, dass Eltern entscheiden, ob sie ihre Kinder zur Schule gehen lassen oder sie zu Hause via Videoschalte unterrichtet werden sollen.

Homeschooling in Hamburg: Die Kritikliste am Senator ist lang

Dieses Vorgehen stößt aber bei Lehrern zunehmend auf Unverständnis. So kritisierte die Bildungsgewerkschaft GEW unlängst, dass die Schulen beim Meistern dieses Spagats alleine gelassen würden. In einem Brandbrief forderten sie die Schließung der Bildungseinrichtungen und einen vollständigen digitalen Unterricht. Laut der GEW sind die Lehrer dabei an ihren Belastungsgrenzen angekommen. Aber statt auf die Sorgen und Nöte einzugehen, beschönige Rabe die Situation an den Schulen und verfälsche das wahre Infektionsgeschehen, hieß es.

Müssen die Corona-Krise bewältigen: Schulsenator Ties Rabe (links) und Bürgermeister Peter Tschentscher (beide SPD). (24hamburg.de-Montage) 

Unter anderem hatte der Schulsenator das Offenhalten der Lehranstalten mit einer Studie begründet, wonach die Corona-Ansteckungsgefahr unter Schülern geringer sei als allgemein angenommen. Die Studie war in die Beratungen der Ministerpräsidenten bei ihrem Corona-Gipfel eingeflossen. Später wurden aber Zweifel an den Ergebnissen laut, da nur ein Zeitraum zwischen Sommer und Herbst untersucht worden war, als das Infektionsgeschehen ohnehin sehr niedrig wahr. Rabes Behauptung also, die Schulen seien sichere Orte und könnten deswegen offen bleiben, sei „mittlerweile von der Realität eingeholt“, kritisierte nun auch CDU-Fraktionschef Thering.

Aus Sicht der Opposition hat Rabe vor diesem Hintergrund zu lange am normalen Schulalltag und der Präsenzpflicht festgehalten. Dadurch sei aber die notwendige Umstellung auf den digitalen Unterricht verzögert worden. Wie schlecht Hamburg beim Thema Fernunterricht aufgestellt ist, zeigte sich nun auch vor ein paar Tagen. Ein Serverausfall sorgte für viele schwarze Bildschirme zuhause bei den Schülern – was wiederum viele Eltern auf die Barrikaden brachte.

Trotz Pannen im Lockdown: Senat stockt Personal in Schulbehörde auf

Rabe selber weist die Kritik entschieden zurück, insbesondere bei der Digitalisierung sei Hamburg gut aufgestellt, ließ er mitteilen. Seinen Angaben zufolge gab es beim Internetausbau, der Beschaffung von Laptops und Tablets sowie Lernprogrammen innerhalb von nur neun Monaten eine „Leistungsverdreifachung“, wie er sagte. Zudem kündigte er an, dass bis 2023 zudem rund 200 Millionen Euro in die Digitalisierung fließen sollen.

Seine SPD-Fraktion nahm den gebeutelten Senator deshalb auch in Schutz. Die Schulbehörde habe „entschieden“ und „massiv“ auf die unvermittelten Entwicklungen reagiert. Ein normaler Alltag sei in der Corona-Pandemie nicht möglich und vieles sei nicht immer vorherzusehen, warnte SPD-Bildungsexperte Kazim Abaci. Und auch die brandenburgische Bildungsministerin und aktuelle Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, Britta Ernst (SPD), warb um Verständnis für die handelnden Amtsträger. Nicht alle Versäumnisse der vergangenen Jahre könne man nun in ein paar Monaten aufholen, sagte die Ehefrau von Vizekanzler Olaf Scholz (SPD).

Inwieweit der Senator beim Ersten Bürgermeister für seinen Kurs Rückendeckung erhält, bleibt abzuwarten. Bislang lässt Tschentscher seinen Senator gewähren. Öffentliche Kommentare zu Rabes Arbeit hat sich der Rathauschef verkniffen. Grundsätzlich fährt der Sozialdemokrat einen harten Corona-Kurs. Mit Blick auf die Familien war er aber beim Thema Schulschließung aber immer eher zurückhaltend.

Ganz im Regen stehen lassen wird er seinen Ressortchef also wohl nicht. Das zeigt sich auch in der Tatsache, dass er ihm auf eine andere Art und Weise Rückendeckung zukommen lassen will: Wegen vielfältiger neuer Aufgaben und stark wachsender Schülerzahlen in den kommenden Jahren soll das Personaltableau in der Schulbehörde nach der derzeitigen Finanzplanung um 1500 Stellen aufgestockt werden. *24hamburg.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerkes.

Rubriklistenbild: © Christian Charisius/dpa & Daniel Reinhard/dpa & Sina Schuldt/dpa

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