Hamburgs Öffnungsstrategie

Unterricht an Schulen: Einfach „wie Nasebohren“ – Corona-Selbsttest für Lehrer

  • Jens Kiffmeier
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Massentests in der Coronakrise als Heilmittel für Schulöffnungen in Hamburg: 60 Prozent der Schüler sollen zurück in den Schulbetrieb. Der Überblick für Eltern und Lehrer.

Hamburg – Wechselunterricht, Maskenpflicht und Massen-Selbsttests: Mit diesen Maßnahmen plant der Hamburger Senat eine vorsichtige Öffnung der Schulen im Corona-Lockdown. Trotz weiterhin hoher Infektionszahlen soll der Schulbetrieb nach den Ferien zum 15. März für rund 60 Prozent der Hamburger Schüler wieder aufgenommen werden.

Stadt in Deutschland:Hamburg
Fläche:755,2 km²
Bevölkerung:1,845 Millionen (30. Juni 2020)
Erster Bürgermeister:Peter Tschentscher (SPD)

Das teilte Schulsenator Ties Rabe (SPD) am Freitag mit. „Im Vergleich zu anderen Bundesländern schlagen wir einen vorsichtigen Weg ein“, sagte der SPD-Politiker. Aber mithilfe von neu zugelassenen Selbsttests könnte das Ansteckungsrisiko minimiert werden, so Rabe. Seinen Angaben konnte sich die Hansestadt Hamburg bei der Beschaffung genug Test-Kapazitäten sichern.

Der Plan sieht vor, dass Hamburg nach den am Wochenende beginnenden zweiwöchigen Ferien zum Schul-Unterricht zurückkehrt. Dies betrifft zunächst aber nur die Grundschüler der Klassen eins bis vier sowie die Abschlussklassen 9, 10 und 13 an den Stadtteilschulen sowie die Klassen 6, 10 und 12 an den Gymnasien. Sie starten mit Wechselunterricht, also in halbierter Klassenstärke.

Hamburgs Schulen: Lockdown-Ende dank neuer Selbsttests

Wegen des hohen Infektionsgeschehens soll die Schülerzahl vorerst reduziert bleiben. Ein Termin für eine mögliche Rückkehr der übrigen Schüler steht laut Rabe noch nicht fest. Den Angaben zufolge bleibt die Präsenzpflicht aber weiterhin ausgesetzt. Das heißt, dass die Eltern selber entscheiden können, ob sie ihre Kinder zum Wechselunterricht schicken oder ob sie per Fernunterricht zu Hause betreut werden sollen. Eine Notbetreuung soll aber für Ausnahmefälle aufrechterhalten werden.

Will mit Selbstests für Lehrer die Schulen öffnen: Bildungssenator Ties Rabe (SPD). (24hamburg.de-Montage)

Flankiert wird der Neustart an den Schulen durch ein strenges Hygienekonzept. So gelten die üblichen Abstands- und Belüftungsregeln. Außerdem müssen alle Lehrer und Schüler ab 14 Jahren medizinische Schutzmasken tragen, bei jüngeren Kindern reicht eine Mund-Nasen-Bedeckung aus Stoff. Lehrer sollen laut Rabe dabei ausreichend OP- oder FFP2-Masken kostenlos zur Verfügung gestellt bekommen. Zugleich verwies der Senator auf die Tatsache, dass die Schul-Beschäftigten zügig ein Impf-Angebot erhalten sollen.

Kernstück des Öffnungskonzeptes ist aber die Einführung von Massen-Schnelltests. Erst in dieser Woche hatte die Bundesregierung die Produkte von drei Herstellern zugelassen, darunter ist auch eine Hamburger Firma. Zweimal pro Woche sollen alle Lehrer auf eine mögliche Corona-Ansteckung getestet werden. Sollte die Methode funktionieren, dann sei es auch angedacht, die Tests auf die Schüler auszuweiten. Dies hänge aber auch davon ab, inwieweit Hamburg die Testkapazitäten aufstocken könne, stellte Rabe klar.

Corona-Schnelltest: Hamburg liefert sich harten Verteilungskampf

Bei der Beschaffung herrscht laut Rabe derzeit ein harter Verteilungskampf zwischen den Bundesländern, die nun alle schrittweise ihre Schulen wieder öffnen oder schon geöffnet haben. „Ich ringe gerade mit meinen Länderkollegen darum, wo welcher Lkw mit den Tests hinfährt“, berichtete Hamburgs Senator. Für die ersten 14 Tage nach Schulstart verfüge die Hansestadt bereits über ausreichend Tests für alle Beschäftigten, hieß es. Und auch im Anschluss habe man sich bereits ein „großes Potenzial reserviert“, so Rabe.

Das Verfahren ist so einfach wie Nasebohren.

Ties Rabe (SPD) über Corona-Selbststests

Grundsätzlich ist Rabe von der Wirksamkeit und dem Nutzen der Tests überzeugt. Zum einen hat seine Behörde Erfahrungen aus Österreich ausgewertet. Zum anderen stellte Rabe sich nach eigenem Bekunden auch selber „als Versuchskaninchen“ zur Verfügung. Bei den Schnelltests reicht es zunächst aus, wenn ein Abstrich im vorderen Nasen- oder Rachenbereich vorgenommen wird. „Ein Mediziner sagte zu mir“, berichtete Rabe, „dass das Verfahren so einfach ist wie Nasebohren.“ Allerdings sind die Schnelltests unzuverlässiger als ein medizinischer Test *. So muss ein positives Schnelltestergebnis zwingend noch einmal abgeklärt werden.

Schul-Öffnung: Hamburg vorsichtiger als andere Länder

Für den Hamburger Schulsenator sind die Massentests der Schlüssel zu einem erfolgreichen Schulneustart. Wenn sich das System in der Anfangsphase bewähre, so sagte Rabe, dann dürfe man mit Blick auf weitere Öffnungsschritte „vorsichtig optimistisch sein“. Dennoch gelte es das Infektionsgeschehen nicht unterschätzen. „Die Ausbreitung der Virusmutationen sollte uns allen ernsthafte Sorgen machen“, sagte Rabe.

Auch vor diesem Hintergrund fährt der Senat weiterhin einen strikten Lockdown-Kurs. Während in anderen Bundesländern Schulen, aber auch Gartencenter, Baumärkte oder Wildparks geöffnet werden, erlaubt die Hansestadt nur eine Ausnahme bei Friseuren und Schulen. Wegen der hohen Infektionszahlen wurde sogar noch einmal die Maskenpflicht für Jogger und auf Spielplätzen verschärft.

Die Lockerung bei den Schulen hält der Schulsenator aber für begründbar. Die Schließung der Schule über 20 Wochen hinterlasse bei den Kindern und Jugendlichen „tiefe Spuren“, sagte Rabe. So seien die Einrichtungen nicht nur ein Ort des Lernens, sondern auch der Reife und Interaktion. Bereits seit Wochen warnen Fachpolitiker, Psychologen und Kinderärzte vor den negativen Auswirkungen für die Schüler im anhaltenden Shutdown. Auch Rabe selber hatte im exklusiven 24hamburg.de-Interview kürzlich angemahnt, dass durch die Pandemie-Maßnahmen insbesondere Kinder aus bildungsfernen Schichten durch den digitalen Unterricht den Anschluss verlieren würden. * 24hamburg.de und merkur.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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