Corona-Beschlüsse

Zoff um Homeschooling: Tschentscher macht Eltern und Lehrer wütend

  • Jens Kiffmeier
    vonJens Kiffmeier
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Die Schulen bleiben dicht. Darauf haben sich Bund und Länder beim Corona-Gipfel geeinigt. Großen Unmut gibt es bei Lehrern und Eltern über die Lockdown-Regeln.

  • Beschluss von Bund und Ländern: Die Präsenzpflicht in den Schulen bleibt bis zum 14. Februar ausgesetzt.
  • Beim Corona-Gipfel sorgte das Schulthema für großen Zoff.
  • Auch in Hamburg mehren sich die kritischen Stimmen am Vorgehen.

Hamburg – Es war ein zähes Ringen, doch am Ende stand die Entscheidung: Der Corona-Lockdown wird bis zum 14. Februar verlängert und die Schulen bleiben dicht. In der Hansestadt Hamburg führt diese Ankündigung der Ministerpräsidenten nach den Beratungen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu wachsendem Verdruss bei Lehrern und Eltern. So warnte die Elternkammer der Hansestadt vor unaufholbaren Nachteilen für die Schüler bei einem länger anhaltenden Lockdown. „Im Fernunterricht wird nur ein kleiner Teil von dem gelehrt, was eigentlich im Präsenzunterricht erbracht werden würde“, kritisierte der Kammer-Vorsitzende Marc Keynejad im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa). In dem Corona-Jahr entstünden Lerndefizite, die den Eltern mittlerweile „große Sorgen“ machten, fügte er hinzu.

Stadt in Deutschland:Hamburg
Fläche:755,2 km²
Bevölkerung:1,845 Millionen (30. Juni 2020)
Erster Bürgermeister:Peter Tschentscher (SPD)

Am Dienstag waren die Ministerpräsidenten der Länder mit Merkel im Kanzleramt zusammengekommen, um Auswege aus der aktuellen Corona-Krise zu suchen. Angesichts eines ungebrochenen Infektionsgeschehens waren sich alle Beteiligten einig, dass die bisher nur bis Ende Januar geltenden Regeln um zwei weitere Wochen verlängert werden müssen. Neben einer strengeren Maskenpflicht und einer Ausweitung der Homeoffice-Möglichkeiten beschlossen die Regierungschefs auch die weitere Aussetzung der Präsenzpflicht an den Schulen, das heißt, dass die Eltern entscheiden, ob sie ihr Kind in die Schulen bringen oder zuhause betreuen. Der Unterricht soll aber im Wesentlichen als digitaler Fernunterricht stattfinden.

Corona in Hamburg: Schulthema sorgt für erhitzte Gemüter

Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) begrüßte die erzielte Vereinbarung. Insbesondere die Ausbreitung von neuen Virusvarianten würden in den kommenden Wochen eine enorme Gefahr bergen, die ohnehin schon hohen Corona-Zahlen unkontrollierbar in die Höhe zu treiben. Deshalb sei es wichtig, die Ansteckungsgefahren zu minimieren. Dazu zähle auch die Senkung der Schülerzahlen im Präsenzunterricht. „Wir müssen darauf hinwirken, dass mehr Kinder zu Hause bleiben“, stellte Tschentscher klar.

Kämpft gegen Corona-Ausbreitung in den Schulen: Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD). (24hamburg.de-Montage)

Über die konkrete Umsetzung des Gipfel-Beschlusses muss noch der Hamburger Senat entscheiden. Am Mittwoch war deswegen eine Sondersitzung geplant. Bislang verfolgte Hamburg bei den Schulen aber immer eine gemäßigte Linie. Einstellung der Präsenzpflicht ja, aber keine vollständige Schließung. Eine Notbetreuung wurde stets aufrechterhalten. Es sei klar, dass es Lebenssituationen gebe, in denen berufstätige Eltern ihre Kinder betreuen lassen müssten, sagte Tschentscher. In Zukunft müsse sich die Betreuung aber auf „Fälle beschränken, die darauf angewiesen sind.“

Bei der Bund-Länder-Konferenz hatte dieser Tagesordnungspunkt für einen Riesen-Streit gesorgt. Insbesondere Merkel drängte bei der Schließung von Schulen und Kitas auf einen äußerst restriktiven Kurs. Doch vor allem die SPD-geführten Bundesländer, dazu zählt auch Hamburg, hielten dagegen. Die stundenlange Diskussion erhitze dabei ordentlich die Gemüter und gipfelte schließlich in einem Wutanfall der Kanzlerin. „Ich lasse mir am Ende nicht vorwerfen, dass ich Kinder quäle*“, wird Merkel von Teilnehmern aus der Runde zitiert. Erst nach einer Unterbrechung der Sitzung fanden alle Beteiligten zu später Stunde einen Kompromiss, wonach die Länder weitgehend frei bestimmen können, wie sie verfahren wollen – zum Missfallen von Merkel.

Keine Schulschließung: Opposition kritisiert Tschentscher

Am Mittwoch deutete sich bereits an, dass die Länder unterschiedliche Wege gehen. Während in Nordrhein-Westfalen oder Sachsen der Präsenzunterricht grundsätzlich untersagt ist, zeigten sich Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz oder Hessen offener für einen Mittelweg.

In Hamburg indes stößt die Debatte durchaus auf Unverständnis. Allen voran die Bildungsgewerkschaft GEW kritisierte unlängst den Spagat zwischen Präsenz- und Digitalunterricht. Bei der Umsetzung würde der Senat die Schulen und Lehrer vollkommen alleine lassen. Viele Lehrkräfte seien bereits an der Belastungsgrenze angekommen, hieß es in einem kürzlich veröffentlichten Brandbrief. Nur durch eine vollständige Schließung der Schulen und einem kompletten Umstieg auf digitalen Unterricht ließe sich die Lockdown-Situation halbwegs bewältigen.

Unterstützung bekam die Lehrergewerkschaft von der Opposition in der Hamburger Bürgerschaft. Tschentscher und Schulsenator Ties Rabe (SPD) ließen die Lehrer „total alleine“, kritisierte die Schulexpertin der Union, Brigit Stöver. Es sei klar, dass die Situation für Familien schwer sei, aber Schüler sollten nur noch aus „trifftigen Grund“ zur Schule gebracht werden. Leider, so fügte die CDU-Politikerin hinzu, erwecke der Senat den Eindruck, dass die Lehranstalten offen für alle seien. *24hamburg.de und merkur.de sind Teil des Ippen-Digital-Netzwerkes

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