Corona-Gipfel im Kanzleramt

Impfstoffmangel: Tschentscher attackiert Merkel und Spahn

  • Jens Kiffmeier
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Hamburg: Die Corona-Impfungen stocken wegen Impfstoffmangels. Bürgermeister Peter Tschentscher schießt scharf gegen Bundesregierung und Jens Spahn (CDU).

  • In Hamburg sind erst rund 2 Prozent der Bevölkerung gegen Corona geimpft.
  • Lieferengpässe und Zulassungsprobleme von Impfstoffen sorgen für Verzögerungen.
  • Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) fordert: Bund muss Impfkampagne beschleunigen.
  • Tschentscher von Jens Spahn (CDU) und Bundesgesundheitsministerium enttäuscht

Hamburg – Die Corona-Impfungen gehen in Hamburg nur schleppend voran: Für die Verzögerungen hat jetzt Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) die Bundesregierung verantwortlich gemacht. Die Versorgung der Länder mit ausreichendem Impfstoff seien eine „herbe Enttäuschung“, sagte der Ratshauschef mit ungewöhnlich scharfen Worten. Es habe eine klare Absprache gegeben, dass der Bund die Impfstoff-Beschaffung übernehme und die Länder die Impfungen organisierten. Doch das Bundesgesundheitsministerium habe offensichtlich seine Arbeit nicht richtig gemacht, wetterte Tschentscher. Während Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die Kritik zurückwies, erhielt Tschentscher viel Unterstützung von anderen Ministerpräsidenten.

Stadt in Deutschland:Hamburg
Fläche:755,2 km²
Bevölkerung:1,845 Millionen (30. Juni 2020)
Erster Bürgermeister:Peter Tschentscher (SPD)

Damit ist der Streit auf dem bevorstehenden Bund-Länder-Gipfel vorprogrammiert. Am kommenden Montag kommen die Ministerpräsidenten mit Spahn und Bundeskanzlerin Angela Merkel (beide CDU) zusammen, um das Impfchaos zu lichten. An dem Treffen nehmen auch Vertreter der Impfstoffhersteller und deren Verbänden teil. Neben offenen Fragen zu Liefermengen und Lieferproblemen sollen auch Neuzulassungen und die bisherige Impfstrategie beraten werden.

Impfung in Hamburg: Hersteller kämpfen mit Lieferproblemen

Derzeit sorgen vor allem die Lieferprobleme für Frust. Die Bundesregierung hatte zentral millionenfach Impfdosen bei den Herstellern vorbestellt und geordert. Mit den Impfstoffen der Firmen Biontech und Moderne stehen in Deutschland bereits zwei zugelassene Präparate zur Verfügung. Allerdings stellt der Auf- und Umbau von Produktionsanlagen für die Hersteller derzeit noch ein Problem dar, weswegen es beim Impfstoff-Nachschub zu Verzögerungen kommt*.

Streiten sich um die Impfquote: Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). (24hamburg.de-Montage)

Ein dritter Impfstoff von AstraZeneca ist ebenfalls auf dem Weg. Doch bei dem britischen Unternehmen gibt es zurzeit die größten Probleme. Eigentlich sollte die Zulassung an diesem Freitag durch die Europäische Union (EU) erfolgen. Doch im Vorfeld gab es bereits massiven Streit über Abnahme- und Liefermengen*. Außerdem wird die tatsächliche Wirksamkeit des Vakzins noch bezweifelt*. So wird der Impfstoff von der Ständigen Impfkommission (Stiko) in Deutschland nicht für Ältere empfohlen – sondern nur für Personen im Alter von 18 bis 64 Jahren. So liegen aus Sicht des Robert Koch-Instituts (RKI) für eine Beurteilung der Impfeffektivität ab 65 Jahren aktuell keine ausreichenden Daten vor.

Vor allem die SPD-geführten Länder machen jetzt Druck wegen der vielen ungelösten Fragen. Nachdem die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) den Bund-Länder-Gipfel eingefordert hatte, bezeichnete ihre Amtskollegin aus Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig (SPD), das Hin und Her der Bundesregierung als „sehr irritierend“. Und auch Tschentscher legte nach. Die Ankündigung von mehreren Impfdosen für Deutschland und der Aufbau der Impfzentren hätten große Erwartungen geweckt, kritisierte der Bürgermeister der Hansestadt Hamburg. Um die Probleme in den Griff zu bekommen, müssten jetzt alle Handlungsoptionen auf den Tisch. „Die Zeit drängt. Jeder Tag der Virusverbreitung und des Lockdowns ist ein großer Schaden für die Bildung, die Wirtschaft, die Kultur und unsere Gesundheit“, mahnte Tschentscher.

Impfzentrum in Messehallen: Erst zwei Prozent der Hamburger haben Dosis erhalten

In Hamburg ist das Infektionsgeschehen weiterhin hoch. Sorge bereitet den Behörden vor allem die Tatsache, dass mittlerweile auch die hochansteckenden Virusmutationen aus Großbritannien in der Stadt nachgewiesen worden sind. Um die Corona-Lage in den Griff zu bekommen, hat Hamburg ein zentrales Impfzentrum in den Messehallen aufgebaut, in dem täglich bis zu 7000 Impfungen vorgenommen werden können. Doch wegen der Lieferprobleme können dort derzeit kaum neuen Termine vergeben werden. Angesichts der Impfstoff-Knappheit konzentrieren sich die Gesundheitsämter nun darauf, den bereits geimpften Risikogruppen aus der ersten Runde die unbedingt erforderliche zweite Dosis zu verabreichen. Bis zum vergangenen Mittwoch waren erst zwei Prozent der Bevölkerung geimpft. In anderen Bundesländern ist die Quote nicht viel höher.

Inwieweit der geplante Corona-Gipfel aber die schleppenden Fortschritte beschleunigt, bleibt unklar. Bundesgesundheitsminister Spahn dämpfte schon einmal die Erwartungen an das Treffen im Vorfeld. „Auch ein Impfgipfel wird es nicht schaffen, dass etwas so Komplexes wie Impfstoffproduktion auf einmal in zwei Wochen zu hunderten oder zig Millionen stattfindet“, sagte er und wies damit die Kritik aus den Ländern zurück. Es gelte nun, gemeinsam auszuloten, wie man die Probleme lösen könnte. Diskutiert wird etwa eine Lockerung des Patentschutzes oder eine Verteilung der Impfstoffproduktion auf andere Hersteller und Zulieferer. *24hamburg.de und merkur.de sind Teil des Ippen-Digital-Netzwerkes.

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