Debatte um „Turbo-Virus“

Coronavirus: Impfung gegen Mutation wirksam? Virologin Addo klärt auf

  • Jens Kiffmeier
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Die Corona-Mutationen sind in Hamburg angekommen. Sind die Impfungen gegen diese Virusvarianten wirksam? Experten warnen vor Panikmache – Marylyn Addo spricht.

  • Nach Einschätzung der Bundesregierung gehen 20 Prozent der Corona-Fälle bereits auf Mutationen zurück.
  • SPD-Gesundheitsminister Karl Lauterbach warnt bereits vor dritter Welle durch das „Turbo-Virus“.
  • Aus Sicht der Hamburger Virologin Marylyn Addo sollten alle Menschen unbedingt weiter geimpft werden.

Hamburg – Trotz sinkender Zahlen bei den Corona-Neuinfektionen hat der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach vor vorschnellen Lockerung des bestehenden Lockdowns gewarnt. Die Gefahr des um sich greifenden, wahrscheinlich deutlich ansteckenderen Virusmutanten seien zu groß, schrieb der Arzt und Bundestagsabgeordnete auf Twitter.

Stadt in Deutschland:Hamburg
Fläche:755,2 km²
Bevölkerung:1,845 Millionen (30. Juni 2020)
Erster Bürgermeister:Peter Tschentscher (SPD)

Er gehe davon aus, dass die Zahlen nur noch bis Ende Februar sinken und dann die dritte Welle der Pandemie voll zuschlagen werde. Seiner Einschätzung nach ist das „Turbo-Virus“, wie er es nannte, deutlich ansteckender und aggressiver. Weil bei einigen Mutanten die bisher zugelassenen Impfungen weniger wirkten, könnten die derzeit lautstark geforderten Lockerungen alle Erfolge im Kampf gegen die Pandemie zunichtemachen.

Coronavirus-Infektionszahlen rückläufig – doch Experten warnen

Wie in der Hansestadt Hamburg auch waren deutschlandweit zuletzt die Infektionszahlen deutlich gesunken und die Rufe nach ersten Erleichterungen bei den bis zum 14. Februar bestehenden Beschränkungen deutlich hörbarer geworden. Allerdings warnen Fachleute und viele Ministerpräsidenten seit Tagen davor, die Gefahr zu unterschätzen.

Sorge bereitet ihnen vor allem die Ausbreitung von Virusmutationen aus Südafrika, Großbritannien und Brasilien. In einer Videoschalte mit einigen CDU-Länderchefs sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erst am Montagabend, dass sie davon ausgehe, dass bereits 20 Prozent der Neuansteckungen auf eine dieser Mutationen zurückzuführen sei.

Corona-Mutationen in Hamburg: Darum empfehlen Fachleute eine Impfung

Für Deutschland könnte das noch zu einem Problem werden. Denn so legen aktuelle Studien nahe, dass einige der drei bereits zugelassenen Impfstoffe gegen das Coronavirus nicht so gut wirken könnten. Vor allem das Vakzin des britisch-schwedischen Herstellers Astrazeneca war zuletzt in den Fokus geraten, weil es offenbar nur eine begrenzte Wirkung gegen die Corona-Mutante aus Südafrika entfaltete.

So zeigten zumindest vorläufige Studiendaten der Universitäten Oxford und Witwatersrand, dass der Impfstoff bei der Virusvariante B.1.351 leichte Erkrankungen kaum noch verhindern konnte.

Rät auf jeden Fall zu einer Corona-Impfung: die Hamburger Infektiologin Marylyn Addo. (24hamburg.de-Montage)

Erfahrene Virologen warnen aber davor, die Impfbemühungen schlecht zu reden. Trotz der wachsenden Zweifel empfahl die Infektiologin Marylyn Addo dringend den Einsatz der bisher entwickelten Vakzine. „Da die bisherigen Viruslinien weiterhin breit kursieren, sind die Impfstoffe nach wie vor hochwirksam“, sagte die Oberärztin und Leiterin der Sektion Infektiologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) in einem Interview mit dem „Spiegel“. Deswegen sollten alle Menschen weiterhin „unbedingt“ geimpft werden.

Zwar hat Südafrika nach den aktuellen Berichten seine Impfkampagne mit dem Astrazeneca-Stoff vorerst ausgesetzt. Doch aus Sicht von Addo sind die Daten derzeit noch gar nicht aussagekräftig. So war ein Großteil der 2000 Testpersonen bei der Studie gesund und jung. Bislang seien die Ergebnisse der Studie auch erst einmal vorläufig. Genaue Aussagen könne man ohnehin erst nach Abschluss der kompletten Studie treffen. Eine ähnliche Einschätzung wagte kürzlich auch der Bonner Virologe Hendrik Streeck mit Blick auf die brasilianische Mutation.

Corona-Impfstoff: Bundesregierung stellt weitere Milliarden zur Verfügung

Eine zwingende Notwendigkeit für neue Impfstoffe sieht Addo zunächst einmal nicht. Es könne durchaus sein, so die Virologin, dass die bisherigen Mittel über weitere, bislang noch unbekannte Mechanismen sehr wirksam gegen die neuen Virusformen sein könnten. So produziere der Körper nach einer Impfung in der Folge auch eine eigene, zusätzliche Immunabwehr mit den sogenannten T-Zellen. Inwieweit die neuen Impfstoffe diese Abwehrreaktion beeinflussen und begünstige, werde derzeit noch erforscht, so die Wissenschaftlerin in dem „Spiegel“-Interview.

Auch vor diesem Hintergrund wird die Impfstoff-Kampagne in Deutschland vorerst wie geplant fortgesetzt. Nachdem die Fortschritte bei der Impfquote zuletzt eher schleppend vorangingen und zwischen Bund und Ländern zu einem heftigen Streit geführt hatten, verstärkte die Bundesregierung ihre Bemühungen zur zusätzlichen Beschaffung von Corona-Impfstoffen am Dienstag deutlich. So gab das Bundesfinanzministerium weitere 6,2 Milliarden Euro frei für den Kauf von Vakzinen auf EU-Ebene.

Die bisher von der EU-Kommission gekauften Impfstoffe, Verhandlungen mit weiteren Herstellern sowie auch nationale Verhandlungen Deutschlands mit einzelnen Herstellern führten zu diesen Mehrkosten, hieß es in einem Schreiben der Behörde an den Haushaltsausschuss im Bundestags.

Mit dieser Aufstockung stehen den Angaben zufolge jetzt insgesamt rund 8,89 Milliarden Euro zum Kauf von Impfstoffen zur Verfügung. „Das Bundesgesundheitsministeriums beabsichtigt, damit insgesamt bis zu 635,1 Millionen Impfstoffdosen zu beschaffen“, hieß es in der Mitteilung. * 24hamburg.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerkes

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