Exklusion statt Inklusion

Corona-Unterricht im „Glaskäfig“: Irre Maßnahme schockt Hamburgs Eltern – Behinderte ausgegrenzt

  • Laura-Marie Löwen
    vonLaura-Marie Löwen
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Unterricht an Hamburgs Schulen findet erstmals seit dem Coronavirus-Lockdown wieder für alle Schüler statt. Wirklich für alle? Eltern von Kindern mit Behinderung sind sich da nicht so sicher – denn für einige Schulen in Hamburg scheint „Inklusion“ während der Pandemie ein äußerst dehnbarer Begriff zu sein.

  • Seit dem 25. Mai haben Schulen in Hamburg* wegen der Coronavirus-Lockerungen* für alle Schüler geöffnet.
  • Schulbehörde Hamburg stellt Regelungen für Schulöffnungen vor.
  • Eltern kritisieren Inklusions-Maßnahmen: „Inklusion ein Kollateralschaden der Coronakrise“.

Hamburg – Einige Hamburger Schüler kehrten bereits im April zum Unterricht zurück, 24hamburg.de berichtete vom Coronavirus-Chaos an Hamburger Schulen*. Seit Montag, dem 25. Mai, läuft der Schulunterricht in Hamburg jetzt wieder für alle Schüler an - schrittweise und unter besonderen Coronavirus-Vorsichtsmaßnahmen.

Es gibt weitere Hygienepläne, besondere Stundenpläne, andere Unterrichtsmodelle. Und: Es gibt Regelungen „im Sinne der Inklusion“, so Ingrid Körner (Senatskoordinatorin für die Gleichstellung behinderter Menschen). Die können etwa so aussehen: Schülerinnen und Schüler mit Behinderung sitzen hinter einer Glasfront, abgekapselt von ihren Mitschülern.

Hamburg-Schulöffnungen in Coronavirus-Krise: Inklusion durch Glaswände? Eltern geschockt

Diese Schüler verfolgen den Unterricht während der Coronavirus-Krise durch einen „Glaskäfig“. So etwa bezeichnet Ralf von der Heide den Gruppenraum, in dem sein siebenjähriger Sohn mit Down-Syndrom in einer Hamburger Schule seperat unterrichtet wird. „Sobald Frederick die Abstands- und Hygieneregeln verinnerlicht hat, darf er unter Auflagen den gläsernen Käfig auch verlassen“, äußert sich der Vater gegenüber der taz. „Ein schönes Beispiel für gelebte Inklusion in Coronazeiten.“

Der Vater sei sehr besorgt um das Wohl seines Sohnes und befürchte, dass der Siebenjährige wegen der Coronavirus-Vorsichtsmaßnahmen die Rolle des „Sonderlings“ einnehmen würde: Durch mangelnden Kontakt zu Mitschülern, durch wegfallende Begegnungen und durch Abschottung. Er habe Angst, dass das Kind wild werden könnte, weil es zu seinen Mitschülern in den Raum wolle. Weiter fragt er: „Ist die Inklusion ein Kollateralschaden der Coronakrise?“

Corona-Sicherheitsmaßnahmen erschweren die Inklusion in Hamburger Schulen.(24hamburg.de-Montage, Symbolbild)

Schulöffnungen in Hamburg während der Coronavirus-Krise: Schulen gar nicht auf Inklusion ausgerichtet

Kerrin Stumpf ist Geschäftsführerin des Vereins Leben mit Behinderung (LMBHH) und kann die Sorgen des Vaters ein Stück weit verstehen. Auch sie habe Bedenken, dass sich behinderte Schülerinnen und Schüler aufgrund der besonderen Coronavirus-Vorsichtsmaßnahmen ausgeschlossen fühlen - das äußerte sie ebenfalls gegenüber der taz. Das dürfe nicht passieren, erzählt sie 24hamburg.de:Die Schulen dürfen Kinder mit Behinderung, die gruppenfähig sind, nicht vom Unterricht ausschließen. Dagegen sollten Eltern sich wehren. Aber in ganz vielen Fällen müssen Kompromisse gefunden werden, weil ein Kind kein Regelautomat ist.“ Inklusion in Zeiten der Sars-Cov-2-Coronavirus-Pandemie sei eine riesige Herausforderung - dafür seien auch räumliche Einschränkungen in Hamburger Schulen verantwortlich.

Ähnlich sieht das auch Lisa Eidens - sie leitet eine Beratungsstelle für gehörlose und schwerhörige Eltern und Kinder (EUTB) in Hamburg und agiert in ihrem Beruf als Schnittstelle zwischen Schulen, Eltern und Kindern: „In Hamburg gibt es keine Schwerpunktschulen, die extra behindertengerecht ausgerüstet sind. Die Räumlichkeiten sind für Inklusion häufig nicht ideal. Wäre das so, dann wären die Eltern vielleicht auch zufriedener.“ Sie rät besorgten Eltern, wie etwa Ralf von der Heide, zur Kooperation mit Schulleitungen und Lehrern. Jedes Kind sei so speziell, oft ließen sich individuelle Inklusionsmaßnahmen im Dialog mit Beteiligten erarbeiten.

Einen Königsweg scheint es für die Inklusion während der Coronavirus-Zeiten in Hamburgs Schulen wohl noch nicht zu geben- die Coronavirus-Krise sei „eine Geduldsprobe für Angehörige wie für Menschen mit Behinderung“, so Kerrin Stumpf. Die Eltern hätten jetzt viel Kontakt mit dem Verein. Morgen (am 27. Mai) gäbe es einen weiteren Elterngesprächskreis Inklusion im Verein, denn der Redebedarf sei groß und die Eltern aufgrund der langen Wochen zu Hause „am Limit“

Coronavirus: Unterricht an Hamburger Schulen - Schulbehörde mit Modellen für die Rückkehr zum Unterricht

Auch abseits der Inklusionsregelungen während der Coronavirus-Pandemie stehen Schulen und Lehrer in Hamburg gerade vor der massiven Herausforderung, die Rückkehr zum Schulbetrieb für alle möglichst glatt zu gestalten. Zwar sind einige Schülerinnen und Schüler schon seit April wieder im Unterricht, doch seit dem 25. Mai kehrt auch der Rest zurück in die Klassenräume. Nach Informationen des Hamburger Abendblatts stellt die Schulbehörde den Schulen nun verschiedene Unterrichtsmodelle vor, welche die Rückkehr zum Schulbetrieb vereinfachen sollen: Ein wöchentlicher Wechsel, täglicher Wechsel, Blocktage oder Vormittags- und Nachmittagsunterricht.

„Die Schulbehörde hat für jede Klassenstufe die Zahl der Unterrichtsstunden genau festgelegt und damit für alle Schulen einen verbindlichen Rahmen geschaffen. Wie in vielen anderen Bundesländern dürfen auch in Hamburg die Schulen bei der Umsetzung dieser Vorgaben zwischen verschiedenen Unterrichtsmodellen wählen, damit sie sich flexibel auf die Lern- und Lebensbedingungen ihrer Schüler- und Elternschaft einstellen können“, sagt Schulsenator Ties Rabe (SPD) gegenüber dem Hamburger Abendblatt.

Mitglied des BundesratesTies Rabe
Geboren14. November 1960 (Alter 59 Jahre), Hamburg
ParteiSozialdemokratische Partei Deutschlands
AmtMitglied des Bundesrates seit 2011

Auch ein detaillierter Hygieneplan, den Hamburgs Schulbehörde ausgearbeitet hat, solle den Schulen helfen, das Risiko von Neuinfektionen mit dem Coronavirus möglichst gering zu halten. Insgesamt seien außerdem 300.000 Flaschen Desinfektionsmittel an Schulen in Hamburg verteilt worden. Nach wie vor gelten auch weiterhin die Abstandsregeln - auch wenn diese für manche Schüler bedeuten müssen, hinter Glaswänden unterrichtet zu werden.

Quelle: 24hamburg.de

* 24hamburg.de ist teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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