Statistik beweist

Corona-Zahlen in Hamburg: Mehr Todesfälle – Arme haben höheres Risiko

  • Jens Kiffmeier
    vonJens Kiffmeier
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Mehr Todesfälle und schwere Verläufe: Arme leiden unter einem höheren Corona-Ansteckungsrisiko als Reiche. Das zeigt eine Statistik über Hamburger Stadtteile.  

Hamburg – Beengte Wohnverhältnisse statt geräumiges Einfamilienhaus: Das Ansteckungsrisiko in der Corona-Krise ist für arme und sozial benachteiligte Menschen in der Hansestadt Hamburg höher als für Wohlhabende und Reiche. Das geht aus einer Auswertung der Corona-Zahlen nach Stadtteilen hervor, die der Senat auf Anfrage der Linkspartei vorgelegt hat und über welche die „Hamburger Morgenpost“ berichtete.

Stadt in Deutschland:Hamburg
Fläche:755,2 km²
Bevölkerung:1,841 Millionen (2019)
Erster Bürgermeister:Peter Tschentscher (SPD)

Laut der Statistik ist der ärmere Osten stärker vom Infektionsgeschehen betroffen als der reichere Westen. Und mehr noch: Das Risiko, an einer Covid-19-Erkrankung schwer zu erkranken oder an ihr zu sterben, ist ebenfalls unterschiedlich in der Stadt verteilt. So werden vor allem die Bewohner aus Wilhelmsburg, Veddel, aber auch Billstedt, Hamm und Horn überdurchschnittlich schwer vom Coronavirus heimgesucht.

Corona-Zahlen Hamburg: Arm gegen Reich – so unterschiedlich ist das Covid-Risiko in den Stadtteilen

Der Blick auf die genauen Zahlen verrät: Binnen eines halben Jahres erkrankten auf den Elbinseln 300 Menschen schwer an einer Covid-Infektion, 115 von ihnen mussten ins Krankenhaus. Aus Billstedt, Hamm und Horn wurden im gleichen Zeitraum 132 Erkrankte stationär aufgenommen. Nimmt man alle zusammen und rechnet die Erkrankten auf die Einwohnerzahl herunter, dann heißt das: Einer von 228 Bewohnern landete auf der Intensivstation, wie es im Bericht der „Mopo“ heißt.

Mehr Todesfälle und schwerer Verlauf: Bewohner in armen Stadtteilen sind in Hamburg einem höheren Corona-Risiko ausgesetzt. (24hamburg.de-Montage)

Diese Entwicklung entspricht einem Wert von 4,4 Promille. Zum Vergleich: In ganz Hamburg lag dieser Wert nur bei 1,9 Promille. Insofern ist das Ansteckungsrisiko für die Wilhelmsburger oder Billstedter mehr als doppelt so hoch wie für einen Durschnittsbürger. Und noch schlimmer sieht der Vergleich bei der Sterberate aus: Statistisch überlebte einer von 686 Einwohnern aus dem Osten die Erkrankung nicht, also 1,5 Promille – was den allgemeinen Durchschnitt der Hansestadt um das Dreifache überstieg. Das geringste Risiko tragen die Bewohner aus dem Generalsviertel.

Vor diesem Hintergrund schlägt die Linken-Fraktion in der Hamburger Bürgerschaft Alarm. So forderte der gesundheitspolitische Sprecher Deniz Celik den Senat zum Handeln auf. Er schlug vor, die Impf-Priorisierung aufzugeben und die besonders stark betroffenen Stadtteile zu bevorzugen. „Wir brauchen eine Impfstoffoffensive“, twitterte er.

Ansteckungsrisiko: Geringverdiener erkranken schwerer am Coronavirus und sterben häufiger

Bereits seit langem wurde ein Zusammenhang zwischen Armut und Covid-Erkrankungen vermutet. Bislang war die Datenlage aber noch gering. Vor Hamburg hatten nur die Stadtstaaten in Berlin und Bremen die Statistiken ausgewertet. Als Grund für das erhöhte Krankheitsrisiko gelten beengte Wohnverhältnisse, aber auch die Arbeitsumstände. So können viele Geringverdiener ihre Jobs, etwa als Lagerarbeiter oder Kassiererin, nicht ins Homeoffice* verlagern. Auch der Weg zur Arbeit findet häufig nicht im Auto, sondern in vollen S-Bahnen oder Bussen statt.

In Berlin zeigt man bereits ein Problembewusstsein. So räumte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) ein, dass es Unterschiede zwischen Arm und Reich gebe. Um das Infektionsgeschehen in den benachteiligten Stadtteilen einzudämmen, plädierte sie für den Einsatz von mobilen Impfteams in den sozial schwächeren Stadtteilen. Dies sei absolut zu „befürworten“, sagte sie.

Doch zuvor muss sie noch ihren Parteifreund Peter Tschentscher (SPD) überzeugen. Der Erste Bürgermeister Hamburgs ist bislang sehr zurückhaltend bei der Forderung nach Aufhebung der Impf-Priorisierung. Grundsätzlich sei dies zu begrüßen, hatte er erst am Montag nach einem Impf-Gipfel gesagt. Doch dieser Schritt könne erst gegangen werden, wenn genügend Impfstoff zur Verfügung stehe. Das sei derzeit noch nicht der Fall, weswegen die Hansestadt vorerst an der vorgeschriebenen Impf-Reihenfolge festhalte. * 24hamburg.de und merkur.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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