Exklusives Interview mit Dirk Luckow

Hamburgs Museen: Corona-Lockdown für Deichtorhallen – „trifft uns extrem hart“

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Exklusives Interview mit dem Intendanten der Deichtorhallen. Dirk Luckow erlebt die Kultur-Krise der Hamburger Museen im Corona-Lockdown aus nächster Nähe.

Hamburg – Es war ein ungewohntes Gefühl vor rund einer Woche, als nach langer Zeit die Tore in den Hamburger Deichtorhallen wieder aufgingen. Zu lange musste eines der großen Ausstellungshäuser für zeitgenössische Kunst und Fotografie in Europa den Besucher-Betrieb einstellen, weil es die Corona-Pandemie bzw. die Lockdown-Regeln verbot.

„Es war eine große Erleichterung, dass wir wieder öffnen konnten. Es war toll. Die Besucher wussten genau, was zu tun ist“, so Intendant Dirk Luckow gegenüber 24hamburg.de. „Die Leute hatten das extrem gut aufgenommen und waren positiv gestimmt, dass sie wieder in die Ausstellung gehen konnten. Wir hatten acht Zeitfenster pro Tag. 50 Besucher dürfen pro Stunde maximal rein und jeder hat zirka zwei Stunden Zeit, sich die Ausstellungen anzusehen. Das heißt, dass niemals mehr 100 Menschen im Raum sind. Die Anmeldung war ganz einfach über unsere Internetseite möglich.“

Dirk Luckow, Intendant der Hamburger Deichtorhallen, freute sich nur kurz, dass sein Haus wieder Besucher empfangen durfte.

Sieben Tage später ist allerdings Ernüchterung eingekehrt. Zwar ist die Bilanz sehr positiv, aber nachdem der Inzidenzwert in der Hansestadt drei Tage über 100 lag, musste nun alles wieder geschlossen werden. Der Hamburger Senat zog am Freitagvormittag die Corona-Notbremse. „Das war unsere große Sorge und ist extrem hart.“ 24hamburg.de sprach exklusiv mit Deichtorhallen-Intendant Dirk Luckow.

Intendant Dirk Luckow
Geboren am24. September 1958 in Hamburg
StudierteKunstgeschichte, Archäologie und Alte Geschichte in Berlin
Intendant der Deichtorhallen seit 1. Oktober 2009

Herr Luckow, seit dem 12. März waren die Deichtorhallen wieder offen - nun muss alles wieder geschlossen werden. Dennoch: Wie ist die Bilanz nach sieben Tagen?

Das erste Wochenende war ausgebucht, unter der Woche war auch mehr als genug los und das aktuelle Wochenende wäre ebenfalls so gut wie voll gewesen.

Wie sieht es mit der Sicherheit bzw. Ansteckungsgefahr aus?e

Wir haben sehr gute Hygiene-Konzepte, sodass eine Ansteckung sehr unwahrscheinlich ist. Das Risiko ist sehr gering. Wir haben alles dafür getan, um die Kontakte zu minimieren, unter anderem gibt es keine Garderoben und man muss mit einer medizinischen Maske durch die Ausstellung gehen. Maximal dürfen nur 100 Menschen in der Ausstellung sein. Bei einer Gesamtfläche von 3000 Quadratmetern ist da noch viel Luft.

Am Vormittag wurden die Maßnahmen nun wieder verschärft...

Die überaus positiven Reaktionen des Publikums in der letzten Woche haben gezeigt, dass Kunst und Kultur Sinn stiften und den Menschen gerade in einer Krise Halt, Anregungen und Mut zum Durchhalten geben und wichtige Inspiration jenseits der Alltagsenge ist. Deshalb empfinde ich die Lage mit den wieder geschlossenen Häusern als so dramatisch.

Hätten Sie sich mehr Hilfe aus der Politik gewünscht?

Wir fühlen uns gut aufgehoben von der Kulturbehörde. Alle Häuser in Hamburg sind extrem gut vernetzt. Es gibt regelmäßig Treffen auch mit dem Kultursenator. Aber wir hoffen, dass es eine Erhöhung des Inzidenzwertes für uns geben wird, vielleicht auf 150. Das wird womöglich nächste Woche entschieden.

Unser Oberbürgermeister Peter Tschentscher (SPD) gilt da allerdings eher als Hardliner. Das ist keineswegs böse gemeint, ich habe große Sympathien für Herrn Tschentscher. Aber er kommt aus der Medizin. Er weiß genau, wie gefährlich diese Lage ist und die Eindämmung das oberste Ziel sein muss.

Ein Blick in die aktuelle Ausstellung in den Deichtorhallen

Wie sehen Sie die Zukunft der Deichtorhallen?

Die Pandemie ist fast schon etwas Irreales. Die Situation ist absurd und es wäre tragisch, wenn wir in einen dritten Lockdown gehen müssten. Ein Museum ist dafür geschaffen, dass man dort hingeht und sich dort etwas anschaut.

Den Häusern in Hamburg geht es vergleichsweise gut und wir werden die Pandemie überstehen – auch dank der Hilfen der Stadt bzw. der Regierung. Wir haben gerade das Versprechen bekommen, dass wir die Defizite aus dem aktuellen Quartal erstattet bekommen. Das hilft uns enorm.

Die große Wende kommt aber sicherlich erst mit den Impfungen. Ich hoffe, dass im September die Impfungen einen so großen Radius erreicht haben, dass man von normalen Öffnungsszenarien ausgehen kann.

War 2020 das schwerste Jahr für Sie?

Es ist eine harte Erfahrung, dass der Kontakt zum Publikum abbricht. Es gab keine Eröffnungen mehr und die Kultur war nicht mehr greifbar – jenseits der digitalen Formate. Das ist der größte Einschnitt, den ich je in meiner Museumslaufbahn erlebt habe und ich bin schon seit fast 40 Jahren im Geschäft. Digitale Führungen, Jahrespressekonferenz als Video sind alles neue Erfahrungen.

Stadt in Deutschland:Hamburg
Fläche:755,2 km²
Bevölkerung:1,845 Millionen (30. Juni 2020)
Erster Bürgermeister:Peter Tschentscher (SPD)

Warum sind Museen und Ausstellungshäuser so wichtig für die Allgemeinheit?

Sie sind Orte der Kunst und können dazu beitragen, zu lernen mit der Krise umzugehen und sie zu bewältigen.

Wir sind Orte der leisen Begegnung, ähnlich wie Kirchen und bieten geistige und kulturelle Anreize. Man bekommt einen anderen Blick auf die Welt. Wir sind ein sicherer Ort und zweifelsohne ein kulturelles Highlight, was man erreichen kann. Unsere kommende Ausstellung Family Affairs wirft einen Blick auf die Familie in Zeiten der Pandemie – aktueller geht es nicht.

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Rubriklistenbild: © Foto: Henning Rogge

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