Intensivstationen sind voll

Corona-Intensivbetten: Horror-Szenario naht – Hamburg am „Rande der Triage“

  • Jan Knötzsch
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Hamburgs Corona-Zahlen sind hoch. Damit sind Intensivstationen im Dauerstress und freie Intensivbetten werden immer knapper. Droht der Kollaps?

Update von Sonntag, 18. April, 14:00 Uhr: Hamburg – Das Horror-Szenario einer Triage in Hamburg wird wahrscheinlicher – warnen mit Dr. Martin Bachmann und Dr. Gunther Wiest zwei Hamburger Mediziner. „In der Normalstation müssen wir keine Triage machen, in der Intensivmedizin ist es schwieriger“, erklärt Dr. Wiest, der in der Asklepios Klinik Harburg arbeitet, im Interview mit dem Hamburger Abendblatt. Sein Kollege Dr. Bachmann schätzt die Lage sogar mit noch deutlicheren Worten ein.

„Das Thema beschäftigt uns, wir bewegen uns am Rande der Triage“, konstatiert der Mediziner mit Blick auf die Horror-Vorstellung, Kranke nach ihren Überlebens-Chancen einteilen zu müssen. „In Hamburg haben wir schätzungsweise noch zirka zehn Prozent freie Kapazitäten und dann noch die Reserve“, so Dr. Bachmann, der explizit aber auch darauf hinweist: „Der limitierende Faktor sind aber nicht die Betten, es ist das Personal.“

Corona-Hamburg: Intensivstationen voll – Betten knapp

Erstmeldung von Dienstag, 13. April 2021:

Hamburg – Steigen die Zahlen weiter so rasant an, wird die Versorgung von Coronavirus-Patienten auf den Intensivstationen in Hamburg irgendwann zusammenbrechen. Noch haben die Krankenhäuser in Hamburg auch weiterhin genügend Intensivbetten, um Patienten, die am Coronavirus erkrankt sind, zu behandeln. Aber wie lange noch? Mit den steigenden Corona-Zahlen in Hamburg gerät auch diese bange Frage immer mehr in den Mittelpunkt. Laut Experten kann nur eine weitere Notbremse*, so wie sie Bund und Länder am Montag beschlossen haben, endlich Abhilfe schaffen und Krankenhäuser entlasten. Ansonsten droht auch in Hamburg das Horror-Szenario, die sogenannte Triage.

Stadt in Deutschland:Hamburg
Fläche:755,2 km²
Einwohner:1,845 Millionen (Stand: 30. Juni 2020)
Bürgermeister:Peter Tschentscher (SPD)
Vorwahl:040

Corona in Hamburg: Hansestadt verfügt über 553 Intensivbetten für Erwachsene

Die Fakten: Insgesamt verfügt die Hansestadt Hamburg in den Krankenhäusern über die gesamte Stadt verteilt über 553 Erwachsenenbetten. Sie stehen im Fokus der Statistik, die die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) in Zeiten der Coronavirus-Pandemie in einem Register für ganz Deutschland aufschlüsselt. Denn noch immer besteht bei Erwachsenen ein deutlich größeres Risiko einer Erkrankung mit dem Covid-19-Virus oder dessen Mutanten als bei Kindern.

Die Lage auf Hamburgs Intensivstationen bleibt ernst – die Kapazität der freien Intensivbetten sinkt. (24hamburg.de-Montage)

„Uns werden tagesaktuell ausschließlich Intensivbetten gemeldet, die auch betreibbar sind, zu denen es also auch die entsprechenden Geräte und das qualifizierte Personal gibt“, erklärt DIVI-Sprecher Torben Brinkema gegenüber dem Norddeutschen Rundfunk (NDR). Der Ablauf dabei: Die teilnehmenden Krankenhäuser melden ihre Kapazitäten täglich, nachdem sie das Personal disponiert haben.“ Daraus ergibt sich die Auflistung des DIVI-Intensivregisters in eine Gesamtzahl an Erwachsenenbetten pro Stadt, wie viele davon belegt sind, wie viele von Covid 19-Patienten. Und wie viele dieser Corona-Patienten beatmet werden.

Corona in Hamburg: 466 Intensivbetten sind aktuell belegt – 105 von Corona-Patienten

Von den 553 Erwachsenenbetten in Hamburg sind 466 belegt (Stand: Montag, 12. April 2021). 105 von ihnen durch Patienten, die mit dem Corona-Virus infiziert sind. 73 dieser 105 Patienten müssen aktuell beatmet werden. Zahlen, die allein schon beängstigend sind.

Schon in der Phase der Corona-Pandemie kurz vor und nach dem Jahreswechsel von 2020 auf 2021 erreichten die Intensivstationen in Hamburg ihre Belastungsgrenze. Eine Studie der Hochschule für Angewandte Wissenschaft (HAW) unterstrich damals, wie angespannt die Lage in Hamburg war. Daran hat sich nicht viel geändert, wie der genauere Blick in die weiteren Daten des DIVI-Intensivregisters zeigt.

Wir wissen, dass die Zahl der Neuinfektionen sich zirka nach zehn Tagen auf die Zahl der Intensivbetten auswirkt.

Prof. Dr. Stefan Kluge, Direktor der Klinik für Intensivmedizin am UKE

Was die Verfügbarkeit von Intensivbetten angeht, melden derzeit gleich mehrere Krankenhäuser in Hamburg, dass sie ausgelastet sind. Für das Evangelische Krankenhaus Alsterdorf und das BG Klinikum Hamburg trifft dies im Bereich „Low Care“ (Beatmung im Intensivbett mit Beatmungsmaske) zu, für die Schön-Klinik in Eilbek und das Wilhelmsburger Krankenhaus Groß-Sand im Bereich „High Care“ (Behandlungsmöglichkeit mit Beatmungsgerät) und für die Asklepios Klinik Nord und das Marienkrankenhaus gilt dies im Bereich „ECMO“ (Behandlung mit Herz-Lungen-Maschine).

Corona: UKE-Mediziner rechnet mit mehr Intensivpatienten – Infektionen wirken sich nach zehn Tagen auf Zahl der Intensivbetten aus

Der Blick ins DIVI-Intensivregister verrät: In der Corona-Pandemie liegen im Norden Deutschlands die Kurven in Hamburg oder Bremen in der Regel höher als die der Flachländer. Heißt: Hier gibt es die meisten schweren Corona-Fälle im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung. Wie Stefan Kluge, der Direktor der Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) dem NDR erklärt, wächst mit der Zunahme der Corona-Infektionen mit zeitlichem Verzug auch die Zahl der Patienten, die auf der Intensivstation landen.

„Wir wissen, dass die Zahl der Neuinfektionen sich zirka nach zehn Tagen auf die Zahl der Intensivbetten auswirkt. Ein Patient, der heute Symptome zeigt, hat ungefähr ein Risiko von zwei Prozent, dann auf der Intensivstation zu landen“, so Kluge. Der UKE-Mediziner hatte schon im vergangenen Monat erklärt: Falls der Anteil an Intensivpatientinnen und -patienten steige, werde die Lage schwierig. Von daher ist er Verfechter eines harten Lockdowns. Nicht nur in Hamburg, wo es derzeit eine nächtliche Ausgangssperre gibt.

Corona in Hamburg: Experten beurteilen Lage als schwierig – droht Horror-Szenrio Triage?

Eine Einschätzung, die auch außerhalb der Stadt von Elbe und Alster geteilt wird. Denn auch in Niedersachsen und Bremen werden die Intensivbetten* knapp, die Lage ist angespannt. „Liebe Entscheidungsträger, wie hoch sollen die Zahlen denn noch steigen, bevor Ihr reagieren wollt???“, twitterte Christian Karagiannidis, der wissenschaftliche Leiter des DIVI-Intensivregisters. Der Virologe Christian Drosten retweetete den Text mit dem Kommentar „Dies ist ein Notruf“. Ulrich Montgomery, der Vorsitzende des Weltärzteverbandes warnt derweil in der „Passauer Neuen Presse: „Wir werden in den Kliniken jetzt eingeholt von den Infektionen, die vor vier Wochen stattgefunden haben.“

Wir werden in den Kliniken jetzt eingeholt von den Infektionen, die vor vier Wochen stattgefunden haben.

Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Weltärzteverbandes

Montgomery schließt auch nicht aus, dass es zum Schlimmsten kommt: zur Triage. Darunter versteht man, die Situation, dass Ärzte aufgrund mangelnder Kapazitäten entscheiden müssen, welchen Patienten zuerst medizinisch behandelt werden. „Wir waren sehr dankbar, dass sie in den ersten beiden Wellen nicht gebraucht wurde“, so Montgomery. Inzwischen halte er es für „vorstellbar, dass es zu Situationen kommt, in denen sie angewendet wird“. * 24hamburg.de, kreiszeitung.de und merkur.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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