Vor Bund-Länder-Gipfel

Corona in Hamburg: Experten wollen Schulen öffnen – mit festen Regeln

  • Jens Kiffmeier
    vonJens Kiffmeier
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Eltern sehnen eine Öffnung der Schulen und Kitas herbei. Beim Corona-Gipfel soll das Thema diskutiert werden. Experten haben einen Plan, wie es klappen könnte.

  • Lockdown oder Lockerung: Am Mittwoch beraten Bund und Länder das Vorgehen in der Corona-Krise.
  • Die Öffnungsperspektive für Kitas und Schulen soll bei den Beratungen ein zentraler Punkt sein.
  • Experten haben neue Leitlinien für den Neustart in den Bildungseinrichtungen vorgelegt.

Hamburg – Trotz eines schwer abzusehenden Corona-Infektionsgeschehens hat sich Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) für eine schnelle Wiedereröffnung von Schulen und Kitas ausgesprochen. Man könne zwar noch nicht sagen, ob die Lockerungen schon kommende Woche kommen könnten, aber es müsse dringend über eine „zeitnahe“ Perspektive für Kinder, Eltern und Lehrer gesprochen werden, sagte die Ministerin einen Tag vor dem neuen Corona-Gipfel von Bund und Ländern. Sie begründete ihr Vorgehen mit dem Kindeswohl. Denn gerade in sozialen Brennpunkten würde man „Verluste an Bildung, depressive Verstimmungen und Vereinsamung sehen“. „Dem müssen wir entgegentreten“, sagte sie.

Stadt in Deutschland:Hamburg
Fläche:755,2 km²
Bevölkerung:1,845 Millionen (30. Juni 2020)
Erster Bürgermeister:Peter Tschentscher (SPD)

Am morgigen Mittwoch kommen die Ministerpräsidenten der Bundesländer mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zusammen, um über das weitere Vorgehen in der Corona-Krise zu sprechen. Vieles deutet bereits darauf hin, dass der bis zum 14. Februar befristete Lockdown zunächst einmal verlängert werden soll. Jedoch hatten führende Politiker auf Bundes- und Landesebene unter Verweis auf Bildungsverluste, Belastungen für Eltern und andere Folgen wiederholt betont, dass Kitas und Schulen bei möglichen Lockerungen Priorität hätten. Seit Mitte Dezember ist in allen Bundesländern die Präsenzpflicht in den Schulen ausgesetzt, auch in Hamburg. Seit dem haben die meisten Kinder und Jugendlichen ihre Schule nicht mehr von innen gesehen.

Corona in Hamburg: 36 Experten weisen Weg aus Lockdown

Trotz eines weiterhin hohen Infektionsgeschehens gilt nun eine Rückkehr zu einem halbwegs normalen Schulalltag aber nicht mehr als komplett ausgeschlossen. Im Vorfeld des Corona-Gipfels legte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) nun Leitlinien für einen Schulbetrieb unter Corona-Bedingungen vor. Eingeflossen sind rund 40 Studien aus verschiedenen Ländern, die die unterschiedlichen Schutzmaßnahmen untersucht haben. Einhellig kommen 36 Experten von diversen Fachorganisationen und Institutionen zu dem Schluss: Ja, ein Schulbetrieb ist trotz Corona möglich.

Lässt sie die Schulen wieder öffnen? Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) berät am Mittwoch mit den Ministerpräsidenten. (24hamburg.de-Montage)

In dem vorgelegten Papier stellen die Experten eine Reihe von Maßnahmen vor. Die meisten sind dabei nicht neu: Lüften, Maskenpflicht, Trennung von Klassen und Jahrgängen – all das ist bekannt und wird zum Teil auch praktiziert. Neu ist nun, dass die Autoren empfehlen, dass Schulen auch bei einem hohen Infektionsgeschehen geöffnet bleiben könnten. Aber, so warnen die Experten: Es genüge nicht, einzelne Maßnahmen herauszugreifen, nur das gesamte Maßnahmenpaket wirke.

Zentraler Baustein des Pakets ist neben den bekannten Abstands-, Masken- und Belüftungsregeln eine flexible Einteilung der Schüler in unterschiedliche Gruppen. Je nach der Höhe des Infektionsgeschehens sollen dabei die Kohorten umgebildet werden. Zunächst werden die Schüler in feste Gruppen eingeteilt. Steigen die Ansteckungszahlen sollen die Klassen geteilt und Wechselunterricht erteilt werden. Das trage auch dazu bei, dass der Schulverkehr in Bussen und Bahnen entzerrt werden könnte. Bei der Rückkehr in den Präsenzunterricht sollen zuerst Grundschülerinnen und Grundschüler berücksichtigt werden – ebenso soll bei dieser Gruppe auch der Präsenzunterricht bei einer Zunahme des Infektionsgeschehens so lange wie möglich aufrechterhalten werden.

Corona und die Schulöffnung: Ein Termin für die Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts steht noch nicht

Bei den Verbänden der Kinder- und Jugendärzte stieß das Papier auf Zustimmung. Seit Wochen warnen sie vor den negativen psychischen und sozialen Folgen, die die dauerhaften Schulschließungen für die Kinder und Jugendlichen haben. Doch inwieweit Bund und Länder den Leitlinien vertrauen und sich auf einen Neustart in den Schulen einigen, bleibt abzuwarten. Einen Zeitpunkt für eine Rückkehr zum Präsenzunterricht nennen die Experten in ihrem Papier jedenfalls nicht. Zwar räumten sowohl Kanzlerin Merkel als auch Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) bereits ein, dass die Schulen eine klare Öffnungsperspektive bräuchten. Doch zugleich dämpfen sie die Hoffnung, dass dies alles innerhalb der nächsten zwei Wochen passieren könnte.

Merkel und Scholz sind sich mit vielen Ministerpräsidenten einig, dass zu diesem Zeitpunkt das Infektionsgeschehen unkalkulierbar ist. Zwar sinkt in vielen Regionen die Zahl der Neuansteckungen, unter anderem auch in Hamburg. Doch die Politiker auf Bundes- und Landesebene fürchten die Ausbreitung von neuen Corona-Mutationen aus Großbritannien und Südafrika, die als hochansteckend und aggressiv gelten. Vor diesem Hintergrund mahnte bereits Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) zur Vorsicht. Man dürfe jetzt die mühsam erzielten Erfolge nicht durch vorschnelle Lockerungen gefährden, sagte er in einem NDR-Interview. Ähnlich hatte sich zuvor auch schon Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) geäußert.

Doch in Hamburg wächst der Druck. In einem offenen Brief forderten am Dienstag mehrere Elternverbände die Rückkehr zum Präsenzunterricht. „Beenden Sie die Schließung der Bildungseinrichtungen zum 15. Februar“, verlangte unter anderem die Initiative „Familien in der Krise“. Gut möglich, dass auf Tschentscher in den kommenden Tagen stürmische Zeiten zukommen. * 24hamburg.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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