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Zufällige Diagnose Corona-Infektion – hohe Dunkelziffer in Hamburg

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Von: Jakob Koch

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Bei vielen Patienten in Hamburgs Krankenhäusern werden Corona-Infektionen mittlerweile zufällig entdeckt. Findet die natürliche Durchseuchung der Bevölkerung längst statt?

Hamburg – Die bürokratische Bewältigung der Corona-Lage in Hamburg ist kaum mehr möglich: Testkapazitäten und Gesundheitsämter in der Stadt haben längst das Maß überschritten, mit dem eine Überwachung der Corona-Lage in Hamburg möglich ist. Die aktuellen Infektionszahlen müssen daher mit Vorsicht genossen werden – sagt selbst die Hamburger Sozialbehörde.

„Der Grund hierfür ist der schnelle Anstieg und das hohe Fallaufkommen, welches zu einer teilweise späteren Meldung von Befunden durch die Labore sowie zu einer teilweise verzögerten Bearbeitung an den übermittelnden Stellen führt“, sagte ein Sprecher dem NDR. Auch in Hamburgs Krankenhäusern ist die Lage angespannt, auf den Intensivstationen liegen überwiegend keine geboosterten Hamburger Corona-Patienten, sondern meist Personen ohne Impfschutz.

StadtHamburg
Corona-Sieben-Tage-Inzidenz (Stand 31. Januar):2186,5
Corona-Neuinfektionen (Stand 31. Januar):2321
Cocorona-Intensivpatienten (Stand 31. Januar):533

Omikron-Variante in Deutschland etwa bei 96 Prozent: Mildere Verläufe belasten Normalstation

Der Anteil der in Deutschland längst dominierenden Omikron-Variante hat sich dem Robert Koch-Institut (RKI) zufolge zuletzt noch weiter gesteigert. In den Meldedaten aus den Bundesländern betrug er in der vergangenen Woche 96 Prozent. Wegen dieser rasanten Ausbreitung von Omikron rechnen viele Experten mit zahlreichen neuen Patienten in den Kliniken. Der Leiter des Divi-Intensivregisters, Christian Karagiannidis, sagte, auf Intensivstationen sehe man derzeit eher eine Seitwärtsbewegung. Aufgrund der bei Omikron wohl zumeist weniger schwerwiegenden Verläufe im Vergleich zu Delta befürchten Fachleute allerdings eine zunehmend größere Belastung für Normalstationen.

Am Sonntag wurden in Hamburg laut dem Register der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und- Notfallmedizin (Divi) 79 Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen der Krankenhäuser behandelt, zwei Menschen mehr als am Vortag. 37 von ihnen mussten invasiv beatmet werden, 6 weniger als am Vortag. Die Gesundheitsbehörde gab die Gesamtzahl der Covid-19-Patienten in den Kliniken der Hansestadt (Stand Freitag) mit 533 an. Die Zahl der Intensivpatienten lag demnach bei 75. 81,1 Prozent der Hamburger sind laut RKI mindestens einmal geimpft. Den vollständigen Grundschutz mit der meist nötigen zweiten Spritze haben demnach 79,3 Prozent. Eine Auffrischungsimpfung erhielten bisher 50,7 Prozent der Einwohner.

Auslastung in Hamburgs Krankenhäusern: Corona per Zufallsfund bei Patienten festgestellt

Die Patientenzahlen auf Hamburgs Intensivstation sind also noch recht moderat. Zum Vergleich: In der Corona-Welle im März 2021 lag die Inzidenz regelmäßig unter 200, dennoch mussten zwischenzeitlich über 120 Patienten intensivmedizinisch in Hamburgs Krankenhäusern betreut werden. Die Auslastung speziell dort hat sich also entspannt, dennoch wird mittlerweile ein neues Phänomen registriert: Zufallsfunde bei Patienten, die ursprünglich gar nicht wegen einer Covid-19-Erkrankung eingeliefert werden. So ist es auch im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) – im bekanntesten Krankenhaus der Stadt ist die Situation derzeit dynamisch.

Hamburg Intensiv-Chef Stefan Kluge vor dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE).
UKE-Intensiv-Chef Stefan Kluge fordert mehr Transparenz bei den Corona-Zahlen. (24hamburg.de-Montage) © Axel Heimken/dpa/Guiseppe Lami/Hanno Bode/Imago

„Im Gegensatz zur Delta-Variante ist es jetzt momentan so, dass wir zunehmend Patienten haben, die nicht dieses klassische Bild einer Covid-Erkrankung zeigen, mit Lungenversagen und Pneumonie, sondern wir haben auch ein buntes Bild an anderen Erkrankungen“, sagte kürzlich UKE-Oberarzt Christoph Burdelski dem NDR.

Corona in Hamburg: Trotz oder wegen Covid-Infektion im Krankenhaus?

Wie groß die Dunkelziffer in Hamburg ist, kann derzeit niemand sagen. Der Direktor der UKE-Klinik für Intensivmedizin, Stefan Kluge, skizzierte im Gespräch mit der Mopo weitere Details zur Lage in seinem Krankenhaus: „Wir haben jetzt mit Omikron eine wachsende Gruppe von Patientinnen und Patienten, die zwar Sars-CoV-2-positiv sind, bei denen der Aufnahmegrund aber unabhängig davon ist. Das berichten auch Kolleginnen und Kollegen aus Hannover und Bremen – und es hat sich zuletzt schon in Ländern wie den USA und Großbritannien gezeigt“, so Kluge gegenüber der Zeitung.

Das hat Folgen für die Statistik. Kluge fordert mehr Transparenz bei der Datenerhebung. „Es wird bisher nicht getrennt erhoben, ob ein Patient mit oder wegen Sars-CoV-2 behandelt wird“, sagte der UKE-Intensiv-Chef der Mopo.

RKI registriert bundesweit 78.318 Corona-Neuinfektionen

Das Robert Koch-Institut (RKI) hat einen Anstieg der bundesweiten Sieben-Tage-Inzidenz gemeldet und damit erneut einen Höchstwert. Das RKI gab den Wert der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche am Montagmorgen mit 1176,8 an. Zum Vergleich: Am Vortag hatte der Wert bei 1156,8 gelegen. Vor einer Woche lag die bundesweite Inzidenz bei 840,3 (Vormonat: 265,8). Die Gesundheitsämter in Deutschland meldeten dem RKI binnen eines Tages 78.318 Corona-Neuinfektionen. Vor einer Woche waren es 63.393 Ansteckungen.

Deutschlandweit wurden den neuen Angaben zufolge binnen 24 Stunden 61 Todesfälle verzeichnet. Vor einer Woche waren es 28 Todesfälle. Das RKI zählte seit Beginn der Pandemie 9.815.533 nachgewiesene Infektionen mit Sars-CoV-2. Die tatsächliche Gesamtzahl dürfte deutlich höher liegen, da viele Infektionen nicht erkannt werden.

Welche Folgen die aktuell undifferenzierte Erhebung hat, bleibt abzuwarten – schließlich sind Belastungen der Kliniken so oder so vorhanden. Dennoch könnte die Interpretation der Zahlen, auf denen eben auch die aktuellen Corona-Maßnahmen der Regierung fußen, so verzerrt werden. Kluge betont: Im Ausland sei es zu Anteilen von mehr als 50 Prozent bei den Patienten gekommen, die wegen anderer Ursachen in eine Klinik kamen. Ein Anzeichen für eine natürliche Durchseuchung der Bevölkerung also?

Virologe: Erst Durchseuchung mit Corona in der Bevölkerung, dann sehr entspannter Sommer

Erst kürzlich hatte Virologe Klaus Stöhr eine Durchseuchung in den kommenden Wochen und dann eine natürliche Immunisierung der Bevölkerung prognostiziert. Mitte Januar sagte er: „In den nächsten zwei bis drei Wochen wird es eine Unsicherheit geben, wie hoch die Inzidenz steigen wird. Danach werden sich durch die sehr starke Durchseuchung, die dann leider einsetzen wird, die man nicht abwenden kann, sehr viele Menschen die natürliche Immunität holen“, sagte Stöhr Bild TV.

Diese Immunität werde „oben draufgepflanzt“ auf die Immunisierung durch Impfungen, fuhr Stöhr fort. Beides zusammen werde zu einem anhaltenden Immunschutz führen, sodass man auch nicht das vierte, fünfte, sechste, oder siebte Mal boostern müsse. Im Herbst müsse man dann sehen, ob man den über 60-Jährigen noch einmal ein Impfangebot mache.

Auch der Virologe Christian Drosten sieht im häufig milderen Verlauf nach Ansteckung mit der Omikron-Variante eine „Chance“. Alle Menschen müssten sich früher oder später mit Sars-CoV-2 infizieren, meint er. „Ja, wir müssen in dieses Fahrwasser rein, es gibt keine Alternative“, sagte Drosten. „Wir können nicht auf Dauer alle paar Monate über eine Booster-Impfung den Immunschutz der ganzen Bevölkerung erhalten.“ Das müsse das Virus machen, prognostiziert Drosten. Er vermutet noch 2022 das Ende der Pandemie.
(jkk mit dpa) *24hamburg.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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