Exklusiv-Interview

Corny Littmann warnt: Ausbleibende Corona-Hilfe ist „erschreckend“

  • Jens Kiffmeier
    vonJens Kiffmeier
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  • Lars Zimmermann
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Die Reeperbahn im Hamburger Stadtteil St. Pauli gilt als Party- und Amüsiermeile. Doch Corona bedroht das Kultur-Viertel, warnt Kiez-Legende Corny Littmann.

  • Die Schmidt-Bühnen von Corny Littmann sind Deutschlands erfolgreichstes Privat-Theater.
  • Kiez-Legende warnt vor Pleitewelle: Corona-Hilfen decken nicht die Verluste.
  • Klare Forderung: Politik muss Kultur mehr Aufmerksamkeit schenken.

HamburgCorny Littmann ist Geschäftsführender Gesellschafter von Deutschlands erfolgreichstem Privat-Theater: Die Schmidt-Bühnen mit Schmidts Tivoli, Schmidt Theater und Schmidtchen waren einer der Anziehungspunkte auf dem St. Pauli-Kiez der Hansestadt Hamburg. Bis Corona kam. Jetzt stehen vielen Gastronomen und Kulturschaffende vor der Pleite, warnt Littmann, der mit seinen vielen Theater- und Schlagermove-Aktivitäten selber ein Aushängeschild in dem Amüsierviertel geworden ist. Im exklusiven 24hamburg.de-Interview spricht der 68-Jährige über die Folgen der Corona-Pandemie, eine gespenstische Reeperbahn und seine große Liebe, den FC St. Pauli.

Ex-Präsident des FC St. Pauli, Schmidt-Bühnen-Gründer: Corny Littmann
Wohnort: Hamburg-St. Pauli
Geboren: 21. November 1952 (Alter 68 Jahre), Münster
Theaterchef: Schmidt Theater, Schmidts Tivoli, Schmidtchen
Freunde:Olivia Jones, Udo Lindenberg

Was passiert derzeit im Schmidt Theater, im Tivoli und im Schmidtchen? Sind überhaupt Planungen für 2021 möglich?

Momentan passiert dort gar nichts. Die Theater sind geschlossen. Wie es weitergeht, ist momentan reine Spekulation. Wir sind aber darauf vorbereitet, schnellstmöglich wieder zu öffnen, wenn es die Möglichkeit dafür gibt – vermutlich unter den eingeschränkten Bedingungen, die auch im Sommer und im Herbst galten. Ich hatte damals befürchtet, dass die Stimmung leidet, weil weniger Zuschauer ins Theater durften. Das war glücklicherweise nicht der Fall. Das Publikum war begeistert.

Welche finanziellen Folgen hat die Corona-Pandemie für die Schmidt-Bühnen?

Wir haben Unterstützung von der Stadt Hamburg und dem Bund bekommen. Die Hilfen kommen wie bei vielen anderen mit zeitlicher Verzögerung. Momentan ist unsere Existenz noch nicht gefährdet. Aber wenn weitere Gelder ausbleiben, wird es im späten Frühjahr kritisch. Da die Hilfen nicht die Verluste decken, sind die meisten Angestellten in Kurzarbeit. Das ist für unsere Beschäftigten und gerade für unsere Schauspieler eine fürchterliche Situation.

Hauptsache bunt: Theatermacher Corny Littmann ist seit Jahrzehnten eine Legende auf der Reeperbahn. (24hamburg.de-Montage)

Wie ist der Kontakt zu Angestellten und Künstlern während der Pandemie?

Natürlich gibt es einen regelmäßigen Austausch. Wir sind alle vom selben Schicksal betroffen und deshalb Leidensgenossen. Ich wohne ja auch auf St. Pauli und es ist ein trister Anblick, wenn die früher immer volle Reeperbahn praktisch menschenleer ist. Das ist gespenstisch und mehr als gewöhnungsbedürftig. Der Stadtteil St. Pauli hat 20.000 Einwohner und lockt jährlich mehr als 20 Millionen Besucher an. Wenn die wegfallen, ist St. Pauli im Prinzip nur ein größeres Dorf.

Halten Sie sich noch ab und an im Theater auf?
Meistens bin ich zu Hause im Homeoffice und kommuniziere wie alle anderen übers Internet. Das ist auf Dauer schon beklemmend.

Haben Sie den Eindruck, dass die Künstler in der Corona-Krise vergessen werden?

Wir müssen froh sein, dass wir überhaupt erwähnt werden. Das war zu Beginn der Pandemie nicht der Fall. Was die meisten Politiker offensichtlich von Kunst und Kultur halten, ist erschreckend. Aus meiner Sicht brauchen wir eine gesellschaftliche Debatte über die Bedeutung der Kultur. Immer nur als das Sahnehäubchen betrachtet zu werden, auf das man im Notfall verzichten kann, spiegelt nicht die Bedeutung von Kunst und Kultur für unsere Gesellschaft wider. Derzeit wird Kultur von vielen Politikern als Freizeitaktivität angesehen, dabei sind Kunst, Kultur und damit auch die Theater systemrelevant. Das ist leider noch nicht in die Köpfe der meisten Entscheidungsträger eingedrungen.

Konnten Sie nachvollziehen, dass Kultureinrichtungen und Gastronomie zu den ersten gehörten, die Ende 2020 schließen mussten?

Es ist natürlich bitter, dass alle viel Zeit und Geld in die Hygienekonzepte investiert haben und dann nach kurzer Zeit wieder schließen mussten. Ich möchte mein subjektives Befinden aber gar nicht so sehr in den Vordergrund rücken, weil viele Bevölkerungsgruppen mit enormen Einschränkungen zurechtkommen müssen.

Es gibt zwei Themen, die man unverständlicherweise lange vor sich hergeschoben hat – und zwar die Test- und die Impfstrategie. Wenn bekannt ist, dass gerade die Älteren gefährdet sind, kann ich nicht nachvollziehen, warum man Pflegeheimbewohner und deren Pflegekräfte nicht in größerem Maße geschützt hat.

Was wünschen Sie sich von der Politik?

Ich wünsche mir, dass die Kultur auch in Zukunft überall möglich ist, wo sie bisher vertreten war. Damit meine ich nicht nur die verschiedenen Institutionen, sondern auch die zahlreichen freischaffenden Künstler. Etablierte Einrichtungen wie das Schmidt Theater hat man auf dem Schirm, die vielen Soloselbständigen fliegen dagegen unter dem Radar. Ich hoffe, dass deren wertvolle Arbeit nicht durch die Corona-Krise verloren geht. Die Förderpolitik war allerdings auch vor Corona in den vergangenen Jahrzehnten nicht unbedingt ein Segen.

Haben Sie Angst, dass die Existenz des Schmidt Theaters gefährdet sein könnte?

Nein. Angst ist ohnehin ein schlechter Ratgeber. Ich glaube und hoffe nicht, dass die Existenz des Schmidt Theaters gefährdet ist, auch wenn es nie ganz auszuschließen ist. Derzeit mache ich mir aber keine Gedanken darüber, dass es nicht weitergeht.

Littmann-und-Jones.jpg

Wie sieht Ihr Alltag in Corona-Zeiten aus?
Die meiste Zeit bin ich zu Hause, lese viel und schaue mir Filme an, die ich in der Vergangenheit nicht sehen konnte, weil mir die Zeit fehlte. Außerdem gehe ich regelmäßig mit meinem Hund spazieren. Also alles nicht sehr aufregend. Da geht es mir wie fast allen anderen.

Sie waren mehrere Jahre Präsident des FC St. Pauli. Derzeit kämpfen die Kiezkicker gegen den Abstieg aus der zweiten Liga. Fiebern Sie noch mit dem FC St. Pauli mit?

Ich verfolge die Spiele immer noch, die Freude am Zuschauen sinkt aber derzeit. Zum Ausgleich gucke ich mir dann Fußballspiele aus England an. Da ist die Qualität höher. Ich stimme dem jetzigen Präsidenten Oke Göttlich zu, dass der Abstieg für den FC St. Pauli der Super-Gau wäre. Da allerdings noch nicht einmal die Hälfte der Spiele vorbei ist, besteht kein Grund zur Panik.

Die Theater von Corny Littmann: Schmidt-Theater, Schmidts Tivoli, Schmidtchen
Adresse: Spielbudenplatz 21-22, Hamburg
Eröffnung: 8. August 1988
Bekannteste Stücke: „Heiße Ecke“, „Die Königs vom Kiez“

Sie stehen als Schauspieler regelmäßig auf der Bühne. Was reizt Sie daran?

Ich habe schon immer gerne auf der Bühne gestanden und genieße dort die Zusammenarbeit mit meinen Kollegen. Das ist für mich zugleich Herausforderung und Erholung und auch ein Stück Lebenselixier. Ich habe zudem den Luxus, dass ich mir aussuchen kann, was und wie viel ich spiele.

Was wünschen Sie sich für 2021?

Mein größter Wunsch ist, dass ich schnell in den Genuss einer Impfung komme und mich danach mit einem sicheren Gefühl frei bewegen kann. Alles andere wird sich dann ergeben. *24hamburg.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerkes

Rubriklistenbild: © Brinkhoff/Moegenburg & Daniel Reinhard/dpa/picture alliance

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