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Blackout 2022: Wie wahrscheinlich ein Stromausfall in Hamburg ist

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Von: Steffen Maas

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Im Rahmen der Energiekrise 2022 werden immer wieder großflächige Stromausfälle und Blackouts diskutiert. 24hamburg.de hat nachgefragt, wie wahrscheinlich die sind.

Hamburg – Blackout. Schon das Wort klingt bedrohlich. Im Rahmen der Energiekrise ist die Angst vor dem totalen Stromausfall riesig und präsent – zuletzt wurde es sogar zur besten Sendezeit als mögliches Horrorszenario im ZDF bei TV-Talker Markus Lanz diskutiert. Umso wichtiger erscheint es, sich etwas nüchterner damit zu beschäftigen: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit des ganz großen (oder auch kleineren) Stromausfalls 2022 in Hamburg? Gibt es Notfallpläne? 24hamburg.de hat nachgefragt.

Name:Stromnetz Hamburg GmbH
Art:Tochterunternehmen der Freien und Hansestadt Hamburg
Mitarbeiter:1328
Länge des Netzes (Kabel, Leitungen)etwa 30.000 Kilometer

Blackout 2022 in Hamburg? Dafür müsste es ganz Deutschland treffen

Erste Anlaufstelle: der Hamburger Senat. Im Innenausschuss berichteten Mitarbeiter des Katastrophenschutzes bereits Ende 2021 über mögliche Blackout-Szenarien. Dabei gilt zunächst: „Grundsätzlich bestehe ein Übertragungsnetz, mit dem Strom aus vielen anderen Regionen nach Hamburg geleitet werden“ könne, heißt es im entsprechenden Bericht. Das bedeutet konkret: Kleinere Gebiete könnten etwa aufgrund von beschädigten Hauptleitungen 2022 mal vom Netz abgekappt sein …

… ein Hamburg-weiter Blackout sei aber eigentlich nur vorstellbar, wenn das Stromnetz bundesweit oder in ganz Nordeuropa ausfalle.

Sachverständige des Katastrophenschutzes in der Hamburger Behörde für Inneres

Sollte es doch dazu kommen, steht man in der Hansestadt Hamburg aber nicht mit heruntergelassenen Hosen da: Priorität hätte es in so einem Fall, die Stromversorgung wieder ans Laufen zu bekommen. Kritische Bereiche würden bei einem kompletten Stromausfall mit einer Notfallstromversorgung überbrückt – die vorhandenen Treibstoffreserven und Dieselaggregate könnten 72 Stunden Notfall-Energie liefern.

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Für Sicherheitsbehörden und kritische Infrastruktur gäbe es bei einem Blackout zudem Zugang zu noch mehr Reserven, wenn Hamburg den Komplett-Stromausfall wirklich erleben würde. Es gäbe Notfallbrunnen, Einsatzkräfte hätten spezielle Funk-Systeme und auch die 124 Lautsprecher des Sirenenwarnsystems würden ohne Strom funktionieren.

Apropos Funk: In Nordrhein-Westfalen empfahl eine Kreisverwaltung den Bürgern für den Notfall die Anschaffung von Walkie-Talkies. Beim Hamburger Katastrophenschutz winkt man allerdings schnell ab: Aufgrund voraussichtlich mangelnder Funkdisziplin der Nutzer sei das „in einer Millionenmetropole wie Hamburg schlichtweg nicht umsetzbar“, heißt es auf Anfrage.

Krisensituation oder Blackout im Winter 2022 sehr unwahrscheinlich“

Klingt, als hätte man für einen Notfall eines Blackouts alles im Griff – soweit das möglich ist. Dass es gar nicht erst zu einem Notfall kommt – dafür ist auch die Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft (BUKEA) zuständig. Doch auch dort herrscht: keine Panik. Renate Pinzke, Pressersprecherin der BUKEA, erklärt 24hamburg.de, warum: Ein bundesweiter Stresstest Anfang September habe ergeben, „dass krisenhafte Situationen im deutschen Stromsystem im kommenden Winter zwar sehr unwahrscheinlich sind, aktuell aber nicht vollständig ausgeschlossen werden können.“

Schwarze Häuser und die Elbphilharmonie in Hamburg und ein Stromausfall-Schild
Ein Horrorszenario, das aktuell durch die Gassen spukt: ganz Hamburg im Dunkeln. Doch ein großflächiger Stromausfall ist laut Politik und Experten sehr unwahrscheinlich. (24hamburg.de-Montage) © Christian Charisius/dpa/Christian Ohde/imago/Montage

So weit, so beruhigend – zumindest halbwegs. Doch Pinzke legt nach: Denn die im Anschluss an den Stresstest empfohlenen Maßnahmen seien in Hamburg entweder „bereits umgesetzt oder in Umsetzung“ oder „in der unmittelbaren Vorbereitung“. Zu letzeren zählen zum Beispiel „die zusätzliche Stromproduktion in Biogasanlagen sowie Maßnahmen zur Höherauslastung der Stromnetze/Verbesserung der Transportkapazitäten“.

Strom in Hamburg: Senat konzentriert sich auf reduzierten Verbrauch

Generell ließe all das immer noch keine Einschätzung zu, wie hoch die Gefahr für einen Blackout in Hamburg ist, gibt die BUKEA-Sprecherin zu. Doch es gäbe wichtige Standortvorteile, die zu einer gewissen Sicherheit führen: „Hamburg hat den Vorteil, dass das hiesige Netz eng in das deutsche und europäische Stromnetz eingebunden und mitten im Erneuerbare-Energien-starken Norden gelegen ist.“ Es folgt zusätzliche Einordnung, die klingt wie ein klitzekleiner Seitenhieb:

Engpässe werden im Stresstest – bedingt durch den verzögerten Netzausbau und fehlende Erzeugungskapazitäten im Süden – insbesondere für den Stromtransport von Nord nach Süd festgestellt.

Renate Pinzke, Pressesprecherin der Hamburger Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft

Ansonsten kümmert man sich im Hamburger Senat um die Sachen, die man in der Hand hat. Dazu gehört aktuell vor allem die konzentrierte Umsetzung des 25-Punkte-Plans, um eine Strommangellage alleine schon durch reduzierten Verbrauch unwahrscheinlicher zu machen. Zudem beobachte man „die Lage im engen Austausch mit den Netzbetreibern und der Bundesnetzagentur sehr genau. Falls erforderlich, werden weitere Maßnahmen geprüft“, verspricht Pinzke.

Während man in der Verwaltung also damit ringt, dass möglichst wenig Strom ge- und verbraucht wird, liegt die Verantwortung, dass der Strom überhaupt aus der Steckdose kommt, bei einem städtischen Tochterunternehmen: der Stromnnetz Hamburg GmbH. Beim Thema Blackout kommt man also nicht um den Verteilnetzbetreiber herum.

Gruselwort „Lastabwurf“: Stromnetz Hamburg GmbH kann es nicht ausschließen

Dort angefragt, wird erstmal die Sprache präzisiert: Denn von einem Blackout spricht man bei Stromnetz Hamburg (SNH) nur bei einem langanhaltenden, großflächigen Stromausfall, „der nicht nur in Hamburg, sondern deutschlandweit oder sogar Europa betrifft.“ Und da ist man als regionaler Stromnetzbetreiber zwar wichtig, allerdings nicht mehr der Chef im Ring.

Denn im Falle so eines Blackouts hat dann die Bundesnetzagentur die Entscheidungshoheit – die SNH setzt die Entscheidungen dann „in ihrer Rolle als Bundeslastverteiler um“, erläutert Pressesprecherin Anette Polkehn-Appel gegenüber 24hamburg.de. Zu solchen Entscheidungen kann dann auch der gefürchtete „Lastabwurf“ zählen, also das kontrollierte Abkappen bestimmter Regionen vom Stromnetz. Dafür gilt tatsächlich knallhart: „Verteilerentscheidungen sind diskriminierungsfrei zur Aufrechterhaltung der Systemsicherheit zu treffen.“ Es könnte also jeden treffen.

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Wie im Senat der Stadt Hamburg hält man einen Blackout auch bei der Stromnetz Hamburg GmbH wohl für sehr unwahrscheinlich. Man konzentriert sich daher auf die Sache, die man konkret beeinflussen kann: das eigene Netz. Klar, dabei geht es auch um Blackout-Absicherungen – wie bei der Gas- und Dampfturbinen-Anlage Dradenau, die mit einer sogenannten Schwarzstartfähigkeit errichtet wird und ab 2025 auch ohne Strom als Kickstarter für energielose Kraftwerke fungieren kann –, aber viel mehr hat man mit der täglichen Arbeit gegen (etwas langweiliger klingende) Versorgungsunterbrechungen zu tun.

Blackout denkbar? Stromnetz Hamburg GmbH investiert viel Geld in ein zukunftsfähiges Netz

Denn Versorgungsunterbrechungen – Stromausfälle also – gibt es dagegen „regelmäßig“. „Das sind in der Regel Unterbrechungen in der Mittel- und Niederspannung, die eine Länge von zwei Stunden nicht überschreiten“, erklärt Polkehn-Appel. Die Gründe dafür seien unter anderem technische Defekte und atmosphärische Einwirkungen, „sowie zu einem erheblichen Teil“ mechanische Einwirkungen durch Tiefbauarbeiten – also Fremdeinwirkungen.

Dass man sich nicht gegen den gelegentlichen Bauarbeiter schützen kann, der etwas zu enthusiastisch die Baggerschaufel schwingt – geschenkt. Um gegen den Rest allerdings – also technische Defekte und meteorologische Einflüsse – optimal geschützt zu sein, investiert die SNH Geld – viel Geld. Rund 460 Millionen Euro hat das Unternehmen allein im Jahr 2020 in „Modernisierung und Erweiterung“ gesteckt. „Und diese Größenordnung werden wir noch viele Jahre beibehalten“, blickt die SNH-Sprecherin schon nach vorne.

Ein ganz konkretes Beispiel: Die Modernisierung des Hauptumspannwerkes Süd an der Waltershofer Straße – „einer der wichtigsten Übergänge vom Übertragungsnetz zu unserem Verteilungsnetz“. Viele weitere Umspannwerke befänden sich aktuell in genau dieser Modernisierung, jährlich würden tausende Kilometer Kabel und Leitungen ausgetauscht. Fernsteuerbare Netzstationen werden ausgebaut, um im Notfall Wiederversorgung aus der Ferne zu gewährleisten.

Verbraucher in der Hansestadt haben durchschnittlich vier Jahre Ruhe vor Stromausfall

Das große Ziel, das bei allen Maßnahmen und Investitionen offensichtlich im Vordergrund steht: Versorgungssicherheit. Und die ist, trotz allem Fokus auf Zukunftsfähigkeit, auch aktuell wohl schon auf einem sehr hohen Niveau: Der durchschnittliche Hamburger ist nur alle 4,1 Jahre von einem Stromausfall betroffen, zitiert Anette Polkehn-Appel aus dem Statistik-Ordner der Stromnetz Hamburg GmbH. Der Wert für die Nichtverfügbarkeit im Stromnetz lag 2020 in der Hansestadt bei 9,5 Min/Jahr. Das sind fast drei Minuten weniger als im bundesweiten Durchschnitt (12,2 Min/Jahr).

Die SNH hat einen etablierten Krisenstab. Dieser steht im engen Austausch mit den anderen Leitungsträgern in Hamburg und mit der Behörde für Inneres und dem Katastrophenschutz.

Anette Polkehn-Appel, Pressesprecherin der Stromnnetz Hamburg GmbH

Trotz allem, in der aktuellen Zeit scheint nichts sicher, egal, wie viel das städtische Tochterunternehmen in ein bereits gutes Netz investiert. Das sieht man dort aber genauso – und ist so weit vorbereitet, wie es geht. „Die SNH hat einen etablierten Krisenstab. Dieser steht im engen Austausch mit den anderen Leitungsträgern in Hamburg und mit der Behörde für Inneres und dem Katastrophenschutz“, versichert die Pressesprecherin. Funktioniert die Infrastruktur in Europa so gut wie die Kommunikation und das Netz in Hamburg, sollte man es ohne Blackout durch den Winter schaffen.

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