Skandal im Vereins-Tennis

Bei Hamburg: Tennistrainer soll jahrzehntelang Kinder missbraucht haben

  • Fabian Raddatz
    vonFabian Raddatz
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Schwere Vorwürfe gegen einen Mann aus dem Hamburger Umland: Als Tennistrainer soll er sich 30 Jahre lang an Kindern vergangen haben.

Kiel – Die Kinder vertrauten ihm, er war ihr Trainer. Doch dieses Vertrauen soll der 64-Jährige laut einem NDR-Bericht aufs Schlimmste ausgenutzt haben. 30 Jahre lang trainierte er im Umland der Stadt Hamburg kleine Kinder im Tennis. In all den Jahrzehnten soll er seine Schützlinge missbraucht haben – dann, wenn niemand zusah.

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Er habe sie ins Trainerzimmer gelockt, unter falschem Vorwand, etwa einer vermeintlichen Spielanalyse. Das berichtet der NDR und beruft sich dabei auf ehemalige Tennisschülerinnen. An mindestens sechs soll sich der Mann mutmaßlich vergangen haben. Eine von ihnen beschrieb im NDR-Sportclub die Übergriffe – unkenntlich gemacht und mit synchronisierter Stimme.

Tennistrainer soll Kinder missbraucht haben: Ängste, Zweifel, Hoffnung

Das erste Mal, da sei sie gerade mal zehn Jahre alt gewesen. So ging es weiter, zehn Jahre lang. Erst als sie volljährig wurde, hörte der Missbrauch auf. Zehn Jahre voller seelischer Qualen zwischen Ängsten und Zweifeln. „Das ist doch eigentlich dein Trainer“ – und immer wieder schwang die Hoffnung mit, dass es nur ein Ausrutscher war, dass er es nie wieder mache. „Es ist ja auch nicht jedes Mal passiert, manchmal drei, vier Monate nicht und dann wieder in zwei Wochen mehr“, so die heute erwachsene Frau im NDR-Sportclub.

Du hast niemanden, der wirklich zuhört.

Mutmaßliches Opfer im NDR-Sportclub

Sie und andere Betroffene hätten sich irgendwann dazu entschlossen, ihren Trainer anzuzeigen – zum ersten Mal. Doch sie hatten keinen Erfolg: 2011 waren die mutmaßlichen Taten bereits verjährt. „Du stehst eigentlich komplett alleine da. Du hast niemanden, der wirklich zuhört. Du hast niemanden, der dich an die Hand nimmt und sagt: Okay, wir müssen das angehen, der muss bestraft werden.“

Schwere Vorwürfe gegen Tennistrainer: Im Zweifel für den Angeklagten

Das wurde er aber auch bei einem weiteren Versuch nicht, 2019. Der Kieler Oberstaatsanwalt Axel Bieler bestätigt die früheren Verfahren gegen den Mann, dass es „Anzeigen verschiedener Personen“ gab. Die meisten Verfahren aber wurden eingestellt – unter anderem hatte die Stieftochter des Beschuldigten ihn angezeigt.

„Er hat das mal gemacht, reicht uns Juristen nicht aus. Wir müssen eine konkrete Tat, die wirklich für Dritte und insbesondere auch für den Täter individualisiert wahr ist, herausfiltern“, so Bieler. Bislang konnten keine Übergriffe in der Gestalt festgestellt werden, die für eine Verurteilung ausgereicht hätten.

Im Zweifel für den Angeklagten, Anschuldigungen allein genügen nicht – das unumstößliche Prinzip des Rechtsstaats.

Niemand will etwas gesehen haben

Eine Frage steht dabei besonders im Raum: Wie kann es sein, dass niemand etwas mitbekommen haben will? 30 Jahre lang.

Ich konnte nicht glauben, was passiert ist.

Langjähriger Trainerkollege des Beschuldigten

Auch sein Trainerkollege sagt, dass er von den Vorfällen nicht mitbekommen habe. 20 Jahre lang waren die beiden ein Trainer-Gespann. Vor zehn Jahren jedoch, da machte ihn ein Hinweis stutzig.

Er ging der Sache nach, sprach mit den mittlerweile jungen Frauen, die damals von ihm und den Beschuldigten als Kinder trainiert wurden. Was er hörte, ließ ihn unter Tränen zusammenbrechen. „Ich konnte nicht glauben, was passiert ist. Wenn man ein Kind anfasst, ein zwölfjähriges Kind anfasst, dann ist das verwerflich.“

Missbrauch: „Täter gehen meist sehr manipulativ vor“

Sportsoziologin Bettina Rulofs sagte im Sportclub, dass die Gründe für ein Wegschauen vielfältig seien. „Die Täter gehen meist sehr manipulativ vor, binden sowohl die Betroffenen als auch deren Eltern und das gesamte Vereinsumfeld in ein Netz des Vertrauens und auch der gegenseitigen Freundschaft ein.“

Auch Staatsanwalt Bieler sagt: „Die Täter haben da schon ihre Profile und wissen, wen sie anfassen können und wen nicht, wo es Probleme gibt und wo nicht.“

Ein Tennistrainer aus dem Hamburger Umland soll jahrzehntelang Kinder missbraucht haben. Eines der mutmaßlichen Opfer äußerte sich nun im NDR Sportclub. (Symbolbild/24.hamburg.de-Montage)

Betroffene würden laut Rulofs merken, „dass sie Schwierigkeiten bekommen, wenn sie sich anvertrauen.“ Zumal wenn sie Kinder seien, sich schämen und die Situation nicht richtig einschätzen können. Hinzu käme: Vereine und Verbände würden bemüht sein, den eigenen guten Ruf zu erhalten.

Missbrauchsvorwürfe gegen Tennis-Trainer: Staatsanwaltschaft ermittelt

Der gute Ruf, der schien auch den Beschuldigten zu schützen. Auch das mutmaßliche Opfer sagt: „Wenn du ein guter Trainer bist auf dem Platz, dann guckt man über solche Sachen hinweg.“ Vorstand, Verein, Verband – niemand habe ihr zugehört. „Niemand hat sich gekümmert, niemand hat wirklich Interesse gezeigt, dass das ein Ende hat.“

Derzeit warte sie darauf, eine Aussage vor Gericht machen zu können. Es soll nun in dem Fall eine richterliche Vernehmung geben, die Kieler Staatsanwaltschaft ermittelt.

Für Aufsehen sorgt auch ein anderer Fall vor einem Kieler Gericht: Dort muss sich derzeit ein Rentner verantworten, weil er einen Panzer im Keller stehen hatte. * 24hamburg.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Claudio Gärtner/imago

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