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Annalena Baerbock (Grüne): Null Erfahrung – Vorbild Obama

  • Jens Kiffmeier
    vonJens Kiffmeier
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Jung und souverän: Annalena Baerbock will für die Grünen ins Kanzleramt. Einziges Manko: Sie hat keine Regierungserfahrung. Egal, berühmte Beispiele gibt‘s genug.

Hamburg – Einen Tag nach der Nominierung der Kanzlerkandidatin der Grünen ist eine alte Debatte über die Eignung von Annalena Baerbock auf den Regierungsposten neu entbrannt. Mehrere Spitzenpolitiker wiesen aufkeimende Kritik an der fehlenden Regierungserfahrung der Grünen-Parteivorsitzenden entschieden zurück.

Deutsche Politikerin:Annalena Charlotte Alma Baerbock (Grüne)
Geboren:15. Dezember 1980 (40 Jahre), in Hannover
Privat:verheiratet, zwei Kinder, wohnhaft in Potsdam
Politische Ämter:Bundesvorsitzende und Bundestagsabgeordnete

„So etwas fällt nicht ins Gewicht“, sagte Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) mit Blick auf den anstehenden Bundestagswahlkampf. Regierungserfahrung habe er selber 2011 bei seinem ersten Wahlsieg nicht gehabt. „Und ich glaube, ich mache es seit dem nicht so schlecht“, sagte der 72-Jährige, der erst im Februar dieses Jahres zum zweiten Mal in dem Amt wiedergewählt worden ist.

Annalena Baerbock wie Barack Obama: Ohne Regierungserfahrung – Grüne Kanzlerkandidatin trotzt ihren Kritikern

Der Bundesvorstand der Grünen hatte Baerbock am Montag zur Kanzlerkandidatin erkoren. Die 40-Jährige setzte sich in einem parteiinternen Wettstreit gegen Co-Parteichef Robert Habeck* durch. Bei dem Vorstandsbeschluss handelt es sich um eine Empfehlung. Das endgültige Wort haben die Delegierten auf einem grünen Parteitag am 11. Juni 2021. Die Zustimmung gilt aber als sicher.

Bereits im Vorfeld war zu erkennen gewesen, dass viele Parteianhänger der gebürtigen Hannoveranerin den Vorzug gegenüber Habeck geben würden, wie der Kandidatencheck von 24hamburg.de zeigt. Baerbock gilt als selbstbewusst, entschlossen und inhaltlich stark.

Kanzlerkandidatin ohne Regierunngserfahrung: Annalena Baerbock (Grüne) orientiert sich an Ex-US-Präsident Barack Obama. (24hamburg.de-Montage)

Das Votum ist dabei historisch: Denn zum ersten Mal in der Geschichte haben die Grünen nicht nur eine Kanzlerkandidatin ernannt. Baerbock ist auch die jüngste Kandidatin, die sich seit 1949 um den obersten Regierungsposten bewirbt.

Seit drei Jahren führt die 40-Jährige die Partei zusammen mit Habeck. Außer dem Parteivorsitz besitzt sie keine weitere Führungserfahrung. „Ja, ich war noch nie Kanzlerin und auch noch nie Ministerin“, gestand sie selber in ihrer Antrittsrede und versuchte damit ihren Kritikern gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen. Aber darum gehe es auch nicht, fügte sie hinzu. „Ich trete an für die Erneuerung. Für den Status quo stehen andere.“

Annalena Baerbock: Grüne Kanzlerkandidatin orientiert sich an Obama oder Jacinada Ardern

Es war die erste Spitze gegen ihre Konkurrenten im Rennen um die Nachfolge von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die bei dem Urnengang am 26. September 2021 nicht mehr antritt. Während die SPD auf Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) als Zugpferd setzt, zieht die Union NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) ins Rennen, der sich nach einem monatelangen Zoff mit Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) in einer Kampfabstimmung den Posten des Kanzlerkandidaten* sicherte.

Zwei Männer gegen eine Frau: Zusammen können Scholz und Laschet in unterschiedlichen Funktionen fast 30 Jahre Regierungserfahrung vorweisen. Ein Vorteil? Ein Nachteil? Böse Zungen behaupten, dass dadurch Deutschland auch nicht besser durch die Corona-Pandemie gesteuert wird – im Gegensatz zu Neuseeland.

Dort regiert seit 2017 Jacinda Ardern, ebenfalls 40. Die Premierministerin war zuvor auch „nur“ Parteivorsitzende, machte zwischendurch eine Babypause und muss sich ähnlich wie Baerbock skurrile Fragen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie* gefallen lassen.

Aber ihre Bilanz ist beeindruckend: Gleich zu Beginn der Corona-Pandemie verhängte sie einen Knallhart-Lockdown mit Einreiseverboten für Ausländer und Quarantänepflichten für Einheimische. Mit Erfolg. Bis Oktober des vergangenen Jahres verzeichnete Neuseeland lediglich 25 Corona-Tote. Und Ardern wurde mit absoluter Mehrheit wiedergewählt.

Kanzlerkandidatur der Grünen: Wechselstimmung im Land steigert Wahlchancen

Baerbock selber verweist gerne auf das Beispiel Ardern. Auch die Bundestagsvizepräsidentin und frühere Parteivorsitzende der Grünen, Claudia Roth, führte am Dienstag die Neuseeländerin in einem Interview mit dem Deutschlandfunk als Beleg dafür an, dass die Regierungserfahrung kein ausschlaggebendes Kriterium sein muss. Vor allem, da sich in der Geschichte noch weitere Vorbilder für junge Staatschefs finden, die mit Amtsantritt über wenig bis keine Regierungserfahrung verfügten. So etwa der französische Präsident Emmanuel Macron. Oder aber auch: der ehemalige US-Präsident Barack Obama.

Aus Sicht des Bremer Politikwissenschaftlers Lothar Probst könnte die Kandidatur Baerbock jedenfalls funktionieren. So sehen die neuesten Umfragen Union und Grüne in einem dichten Kopf-an-Kopf-Rennen, bei dem an Ende nicht unbedingt die Regierungserfahrung über den Ausgang entscheidet.

Vielmehr sieht der Politologe in Deutschland durchaus eine Wechselstimmung. „Der Wunsch nach Veränderung ist derzeit sehr groß“, sagte er dem Newsportal von web.de. Das könnte speziell die „Chance sein, zu punkten“, so Probst. * 24hamburg.de, fr.de und merkur.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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