Wegen Corona-Lockdown

Baerbock lastet Merkel Kindeswohlgefährdung an

  • Jens Kiffmeier
    vonJens Kiffmeier
    schließen

Schulen dicht, Treffen mit Freunden unmöglich: Im Corona-Lockdown leiden die Kinder. Die Kanzlerin präsentiert kaum Lösungen – so Grünen-Chefin Annalena Baerbock.

  • Im Corona-Lockdown sind Schulen und Kitas in Hamburg bis Mitte März dicht.
  • Studien warnen vor negativen Auswirkungen für Kinder und Jugendliche.
  • Grünen-Chefin Annalena Baerbock wirft der Regierung Gefährdung von Kindeswohl vor.

Hamburg – Laut Studien leidet jedes dritte Kind wegen des Corona-Lockdowns an psychischen Folgen. Vor diesem Hintergrund hat Grünen-Chefin Annalena Baerbock den Ministerpräsidenten und vor allem Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schwere Versäumnisse bei der Bekämpfung der Pandemie vorgeworfen. Statt einen Kinderrettungsfonds aufzulegen, verweise die Regierungschefin auf die Zuständigkeit der Länder. „Das ist das größte Desaster in dieser Situation“, kritisierte Baerbock in der Talk-Sendung „Anne Will“. Sie rief alle Beteiligten auf, endlich an einem Strang zu ziehen und die Situation ernst zu nehmen.

Mitglied des Bundestages:Annalena Baerbock (Grüne)
Geboren:15. Dezember 1980, Hannover
Ehepartner:Daniel Holefleisch
Wohnort:Potsdam

Erst in der vergangenen Woche hatten Merkel und die Ministerpräsidenten den Corona-Lockdown bis mindestens zum 7. März verlängert. Im Grundsatz betrifft die Regelungen auch die Schulen und Kitas, die seit Mitte Dezember geschlossen und in einem erweiterten Notbetrieb sind. Zwar haben einige Länder bereits angekündigt, die Beschränkungen schnellstmöglich wieder aufzuheben. Doch in Hamburg bleiben die Einrichtungen bis nach den Märzferien bis Mitte des kommenden Monats dicht.

Corona-Lockdown: Experten schätzen Schulöffnung als realistisch ein

Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) begründet diesen Schritt mit dem unkalkulierbaren Infektionsgeschehen in der Hansestadt Hamburg. Seit über einer Woche stagniert die Zahl der Neuinfektionen auf relativ hohem Niveau. Und zugleich könnten neue Virusvarianten die Lage in den kommenden Wochen wieder deutlich verschärfen.

Streiten über die Folgen des Corona-Lockdowns für Kinder: Annalena Baerbock (Grüne, re.) und Angela Merkel (CDU). (24hamburg.de-Montage)

Strikter Kurs hier, Lockerungsbemühungen da: Für Baerbock ist dieses Vorgehen in der Krise aber ein Garaus. In der ARD-Talksendung warf sie Bund und Ländern vor, nicht an einem Strang zu ziehen und dabei die Kinder aus dem Blick zu verlieren. Es sei das „Schlimmste“, so die Grünen-Chefin, dass in dem Bund-Länder-Beschluss auf die fatalen Folgen für Kinder hingewiesen werde, aber im Umkehrschluss keine Maßnahmen getroffen würden. Stattdessen würde die Kanzlerin sagen: „Damit habe ich nichts zu tun, das ist Sache der Länder.“ Aber es sei unverständlich, so Baerbock, warum die Kinder die Grabenkämpfe der Ministerpräsidenten mit Merkel ausbaden müssten.

Aus Expertensicht ist ein Schulbetrieb trotz eines hohen Infektionsgeschehens auch möglich. Bereits im Vorfeld des Corona-Gipfels hatten 36 Experten dazu Leitlinien vorgelegt. Darin kamen sie zu dem Schluss, dass beim richtigen Einhalten von Abstands- und Maskenpflichten, mit regelmäßigen Lüften und vor allem einer Einteilung der Schüler in feste Kohorten das Ansteckungsrisiko deutlich zu minimieren sei.

Corona-Folgen für Kinder: Ärzte schlagen Alarm

Die Kritik an den Schulschließungen* wird jedenfalls immer lauter. Zuvor hatte deswegen auch schon Baerbock auf eine schnelle Rückkehr zum Schulalltag gedrängt. Zusammen mit ihrer Partei veröffentlichte sie ein Positionspapier, in dem sie vor den „fatalen Folgen“ für die Kinder und Jugendlichen in dem seit einem Jahr andauernden Corona-Lockdown warnte. Vor allem benachteiligte Schüler, die keine Unterstützung durch das Elternhaus beim Thema Homeschooling bekämen, drohten immer weiter abgehängt zu werden, schrieb die Grünen-Chefin.

Baerbock, die selber Mutter zweier Grundschulkinder ist und möglicherweise die kommende Kanzlerkandidatin der Grünen wird, kann sich in ihrer Kritik dabei auf umfangreiche Studien berufen. Inzwischen mehren sich Berichte über eine psychisch stark belastete Generation Corona. Wie kommen Jugendliche durch die Covid-19-Krise? Wie geht es ihnen, je länger der Winter-Lockdown inklusive Schulschließungen dauert? Nicht gut, lautet mittlerweile die einhellige Meinung.

So ist mehreren Studien zufolge der seelische Druck bei jungen Menschen im Vergleich zum Frühjahr gestiegen. Fast jedes dritte Kind im Alter zwischen 7 und 17 Jahren zeige inzwischen psychische Auffälligkeiten, berichten etwa die Autoren der Hamburger Copsy-Studie. Risikofaktoren seien ein geringes Bildungsniveau oder begrenzter Wohnraum.

Und auch die Junge Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin beklagt eine „Zunahme mittlerweile schwer zu rechtfertigender massiver Einschränkungen und Gefährdungen des Kindeswohls“. Kindern und Jugendlichen fehlten neben ihren Freunden, dem Erwerb sozialer Kompetenzen und dem spielerischen Lernen auch der geregelte Tagesablauf sowie außerschulische Aktivitäten. Dadurch würden die Heranwachsenden depressiver und entwickelten Ängste und Essstörungen, hieß es. Demnach bekommen auch Kinder, die vor Corona vollkommen gesund waren, im Moment große Probleme. *24hamburg.de und merkur.de sind Teil des Ippen-Digital-Netzwerkes

Rubriklistenbild: © Kay Niefeld/dpa & Jens Kalaene/dpa & Bernd von Jutrczenka/dpa

Kommentare