Ärger um Nebenwirkungen

Astrazeneca: Thrombose-Skandal – Anti-Baby-Pille gefährlicher als Impfstoff

  • Jens Kiffmeier
    vonJens Kiffmeier
    schließen

Tödliche Thrombose: Wie bedrohlich ist Astrazeneca? Nach dem Stopp wird der Impfstoff mit der Anti-Baby-Pille verglichen. EMA sieht geringe Gefahr bei Nebenwirkungen.

Update von Donnerstag, 18. März 2021, 17:52 Uhr: Hamburg – Trotz der Thrombose-Gefahr empfiehlt die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) weiterhin den Einsatz des Astrazeneca-Impfstoffs. Zwar könne ein Zusammenhang zu den aufgetretenen Nebenwirkungen nicht ausgeschlossen werden, dennoch sei der Wirkstoff „sicher und effektiv“, teilte die Behörde am Donnerstagabend nach einer Sondersitzung mit. Die Thrombose-Fälle seien äußerst gering und demgegenüber stünde ein größerer Vorteil in der Covid-19-Bekämpfung, hieß es.

Nachdem bei sieben Geimpften Blutgerinnsel in der Hirnvene aufgetreten waren, hatte Deutschland die Impfung mit dem Astrazeneca-Vakzin ausgesetzt. Dadurch waren in Städten wie Hamburg die Impf-Pläne durcheinander geraten. Künftig sollen laut EMA-Beschluss die Impfwilligen aber besser vor den Nebenwirkungen gewarnt werden.

Astrazeneca: Arzneimittelbehörde hält trotz Thrombose-Gefahr an Impfstoff fest

Erstmeldung von Dienstag, 16. März 2021, 15:43 Uhr: Hamburg – Trotz ungeklärter Thrombose-Fälle haben Experten das Aussetzen von Impfungen mit dem Astrazeneca-Präparat bedauert. Die Entscheidung sei eher „unglücklich“, sagte SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach in einem ARD-Interview. Nach aktuellem Wissensstand über die Zwischenfälle sei er überzeugt, dass der Nutzen des Wirkstoffs mehr überwiegen als schaden würde. Getroffene Vergleiche zu Nebenwirkungen mit der Anti-Baby-Pille lehnte er aber ab.

Pharmakonzern:Astrazeneca
Gegründet:6. April 1999
Hauptsitz:Cambridge, Vereinigtes Königreich
Umsatz:26,6 Milliarde US-Dollar (2020)

Am Montag hatte das Bundesgesundheitsministerium die Impfungen mit dem Astrazeneca-Präparat überraschend in Deutschland ausgesetzt. Nachdem bereits zuvor andere europäische Staaten ähnlich verfahren waren, folgte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) einer Empfehlung des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) und stoppte den Einsatz des seit langem umstrittenen Vakzins. Zuvor waren Berichte über starke Astrazeneca-Nebenwirkungen* aufgetreten.

Astrazeneca-Skandal: Risiken bei Anti-Babypille höher als beim Impfstoff?

Laut PEI-Angaben wurden insgesamt sieben Fälle von Hirnerkrankungen bei Menschen diagnostiziert, die zuvor mit AstraZeneca geimpft worden waren. Alle Fälle betrafen jüngere Menschen zwischen 20 und 50 Jahren, sechs von ihnen waren Frauen. Sie alle litten unter einer sogenannten Sinusvenenthrombose. Ein weiterer Fall betraf einen Mann mit Hirnblutungen. In drei der sieben Fälle verlief die Erkrankung tödlich.

Was ist gefährlicher? Eine Astrazeneca-Impfung oder die Anti-Baby-Pille? Experten sind uneins. (24hamburg-de-Montage)

Durchaus erkennen die Forscher des PEI ein Muster hinter den Meldungen, da alle Betroffenen innerhalb von vier bis 16 Tagen nach ihrer Astrazeneca-Impfung die starken Krankheitssymptome entwickelten. Ob das Vakzin aber tatsächlich ursächlich ist oder es sich doch nur um einen medizinischen Zufall handelt, muss nun eingehender von der Europäischen Arzneimittelbehörde untersucht werden. Ergebnisse werden noch in dieser Woche erwartet*.

Deutsche Experten warnten bereits vor voreiligen Schlüssen. Für eine konkrete Bewertung sei es noch zu früh, sagte unter anderem Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) der Deutschen Presseagentur (dpa). Allerdings räumte SPD-Gesundheitsminister Lauterbach bereits ein, dass das Risiko der Thrombosen „mit großer Wahrscheinlichkeit auf das Vakzin zurückzuführen“ sei. Angesichts von 1,6 Millionen verimpften Astrazeneca-Dosen sei das Risiko aber im Vergleich zu sieben Fällen als äußerst gering anzusehen.

Astrazeneca: SPD-Politikerin befeuert Debatte in den sozialen Netzwerken

In den sozialen Netzwerken entbrannte am Dienstag umgehend eine heftige Debatte über die Nebenwirkungen. Befeuert wurde die Diskussion auch von der früheren Bundesjustizministerin und jetzigen SPD-Europapolitikerin Katarina Barley. Sie hatte sich irritiert über den Abbruch der Impfkampagne gezeigt und einen Vergleich zur Anti-Baby-Pille gezogen.

„Die neueste Generation der Antibabypille hat als Nebenwirkung Thrombosen bei acht bis zwölf von 10.000 Frauen“, schrieb sie bei Twitter. „Hat das bisher irgendwen gestört?“, fragte sie und forderte indirekt eine Fortsetzung der Impfungen mit Astrazeneca, um die Fortschritte im Kampf gegen die Corona-Pandemie nicht zu gefährden.

Unterschied zur Pille: Es gibt keinen Beipackzettel

Aus Sicht der Experten hinkt aber der Vergleich zwischen dem Impfstoff und der Pille. Laut Lauterbach sind die von der Pille verursachten Thrombosen im Krankheitsverlauf weniger schwerwiegend als die nun aufgetretenen Thrombosen nach den Impfungen, wie er der ARD sagte.

Und auch die PEI-Forscher machten in diesem Zusammenhang auf einen entscheidenden Unterschied aufmerksam. Bei der verschreibungspflichtigen Pille sei die Thrombose-Gefahr explizit in den Beipackzetteln aufgeführt. Patientinnen müssten von den Ärzten auch über die Risiken aufgeklärt werden, bevor ein Rezept ausgestellt werden dürfte, hieß es dazu gestern in einer Stellungnahme. Beim Astrazeneca-Impfstoff, den Experten wie Hamburgs Virologin Marylyn Addo bislang für sicher erklärten, gebe es solche Warnungen bislang aber noch nicht.

Zahlreiche Landes- und Bundespolitiker, aber auch Patientenschützer fürchten nun einen herben Vertrauensverlust der Deutschen in den ohnehin umstrittenen Astrazeneca-Impfstoffs. Das Vakzin sollte nicht grundsätzlich verteufelt werden, sagte Eugen Brysch, Vorstand der Stiftung Patientenschutz, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Allerdings sei es wichtig, dass die Bundesregierung die Fälle mit äußerster Transparenz aufkläre, forderte er. Nur so könne gewährleistet werden, dass sich die Impfwilligen eine Meinung bilden und die Impf-Kampagne in Deutschland nicht vollständig durcheinander geraten würde. * 24hamburg.de und merkur.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Ralf Hirschberger/dpa/picture alliance & Daniel Karmann/dpa/picture alliance & Hans-Christian Dietrich/dpa/picture alliance

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare