Umstrittener Corona-Impfstoff

Melanie Leonhard will Astrazeneca-Impfstoff loswerden

  • Jens Kiffmeier
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Der Astrazeneca-Impfstoff hat einen schlechten Ruf. Zu Unrecht, sagt Senatorin Melanie Leonhard. Sie hat eine neue Strategie für das umstrittene Produkt.

Hamburg – Das starre Festhalten an den bisherigen Impf-Plänen stößt zunehmend auf Kritik. So hat Hamburgs Gesundheitssenatorin Melanie Leonhard (SPD) mit Blick auf den umstrittenen Astrazeneca-Impfstoff ein Umdenken gefordert. Es „wäre gut“, sagte die SPD-Politikerin im Interview mit dem „Hamburger Abendblatt“, wenn die Altersempfehlung geändert und das Vakzin des britisch-schwedischen Herstellers auch für ältere Menschen freigegeben werden würde. In dieser Frage herrscht bundesweit allerdings Uneinigkeit.

Stadt in Deutschland:Hamburg
Fläche:755,2 km²
Bevölkerung:1,845 Millionen (30. Juni 2020)
Erster Bürgermeister:Peter Tschentscher (SPD)

In den vergangenen Tagen hatte es bereits eine hitzige Kontroverse über den richtigen Umgang mit dem Astrazeneca-Impfstoff gegeben. Menschen, die älter als 65 Jahre sind, erhalten das Vakzin derzeit in Deutschland noch nicht. So hat dieser Impfstoff nach derzeitiger Studienlage eine etwas geringere Wirksamkeit als die Konkurrenzprodukte von Biontech oder Moderna, aber mit 70 bis 80 Prozent Wirksamkeit nach Expertenmeinung immer noch eine relativ gute.

Astrazeneca: Menschen misstrauen dem Impfstoff

Obwohl viele Virologen und Ärzte zu einem Einsatz bei jüngeren Menschen raten, blieb eine Vielzahl an Astrazeneca-Dosen zuletzt ungenutzt liegen. Denn neben der geringeren Wirksamkeit gab es Bericht über stärkere Nebenwirkungen, weswegen viele Menschen unter 65 Jahren wie etwa Pflege- oder Rettungskräfte ihr Impfangebot ablehnten – obwohl sie in der Impf-Prioritätenliste an der Reihe gewesen wären.

Vor diesem Hintergrund gibt es bei zahlreichen Landes- und Bundespolitikern die Überlegung, die vom Deutschen Ethikrat festgelegte Impf-Reihenfolge zu lockern und anderen Personengruppen die übrig gebliebenen Impfstoffe von Astrazeneca zur Verfügung zu stellen.

Kämpft gegen die Pandemie: Gesundheitssenatorin Melanie Leonhard (SPD). (24hamburg.de-Montage)

Einig sind sich alle Beteiligten, dass kein Vakzin ungenutzt in den Lagern verfallen sollen. Nur über den richtigen Weg ist nun ein heftiger Streit ausgebrochen. So machte sich etwa Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) dafür stark, die übrig gebliebenen Impfdosen breitflächig allen Impfwilligen anzubieten und die bisherige Reihenfolge einfach aufzubrechen*. Astrazeneca-Impfstoff dürfe nicht verschwendet werden, mahnte er, „bevor er liegen bleibt, impfen, wer will.“

Doch der SPD geht das zu weit. So wies Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach, der für seine Expertise bei den Deutschen gehasst und zugleich geliebt wird, das Ansinnen zurück. Statt die Impf-Reihenfolge durcheinander zu bringen, sollte aus seiner Sicht der Impfstoff lieber für die älteren Menschen zugelassen werden, schlug er vor. Bei Jüngeren sei das Impfen „weniger dringlich“.

In die gleiche Kerbe schlug nun auch Leonhard. Die Hamburger Senatorin verwies dabei auf „ermutigende Ergebnisse“ von Studien, aus Großbritannien. Dort sei auch Hochbetagten der Impfstoff von Astrazeneca verabreicht worden. Und das mit Erfolg. So seien in 95 Prozent der Fälle immerhin schwere Covid-Krankheitsverläufe verhindert worden.

Impf-Reihenfolge: Die Briten haben andere Strategie

Die Briten haben laut Leonhard dabei zunächst nur eine Dosis gespritzt und die zweite lange hinausgezögert. Aus Sicht der SPD-Politikerin könnte auch dies ein gangbarer Weg für Deutschland sein, um schneller Fortschritte bei der Durchimpfung der Bevölkerung zu erzielen. So werden hierzulande bislang zwingend zwei Dosen innerhalb weniger Wochen bei einer Person verabreicht, um einen maximalen Wirkungsgrad der Vakzine zu gewährleisten.

Durch die Zwei-Dosis-Strategie hinkt Deutschland bei der Impfquote aber im internationalen Vergleich stark hinterher. Zwar konnte Hamburg selber in den vergangenen Wochen leichte Fortschritte erzielen. So liegt die Hansestadt mit 2,9 Prozent derzeit im Bundesländer-Ranking im oberen Drittel. Doch die bundesweite Quote hinkt seit zwei Monaten dem ursprünglich geplanten Ansprüchen weit hinterher, da die Beschaffung der Impfstoffe lange Zeit große Probleme bereitete.

Experten raten deshalb eindringlich zu einem verstärkten Einsatz des Astrazeneca-Impfstoffes. Er sei besser als sein Ruf, sagen die Fachleute des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). So nannte Intensivmediziner Stefan Kluge die Debatte um das britisch-schwedische Vakzin „sehr irritierend“. Die Wirksamkeit sei vollkommen ausreichend. Und auch Virologin Marylyn Addo zeigte wenig Verständnis für die Debatte. Im Vergleich zu vielen anderen Impfstoffe hätte die drei zugelassenen Corona-Produkte eine enorm hohe Wirkung. „Das müsste man viel mehr zelebrieren“, so Addo. * 24hamburg.de und merkur.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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