„Fuck Israel“ und „Scheiß Juden“

Antisemitischer Angriff Hamburg bei Mahnwache: Politik tatenlos?

  • Anika Zuschke
    VonAnika Zuschke
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Brutaler, antisemitischer Vorfall in der Hamburger Innenstadt: Jüdisches Mitglied einer Mahnwache für Israel wird schwer verletzt. Was unternimmt die Politik?

Hamburg – Am vergangenen Samstag, 18. September 2021 ist ein jüdischer Teilnehmer einer Hamburger Mahnwache für Israel und gegen Antisemitismus auf der Mönckebergstraße Opfer eines antisemitischen Angriffs geworden – verbal sowie körperlich! Der 60-Jährige musste nach der judenfeindlichen Attacke von einem Rettungswagen in ein Krankenhaus gebracht werden – vom Täter gab es nur Gelächter. BILD zufolge erlitt das Opfer einen Nasen- und Jochbeinbruch und wurde auch am Auge schwer verletzt. Der Täter ist offenbar immer noch flüchtig. Der Staatsschutz hat die Ermittlungen übernommen.

Antisemitismus:Alle Formen von pauschalem Judenhass, pauschaler Judenfeindlichkeit oder Judenfeindschaft
Prägung des Ausdrucks:1879
Vertreter und Anhänger des Antisemitismus:Antisemiten
Synonyme:Judenfeindlichkeit, Judenhass

Eine Mahnwache steht für eine friedliche Demonstration, bei der auf eine als gesellschaftlicher Missstand wahrgenommene Situation hingewiesen werden soll. Dabei handelt es sich normalerweise um längerfristige, meist schweigende Vorhaben von Gruppen. Seit über sechs Jahren veranstalten Aktivisten in der Nähe des Hauptbahnhofs Hamburg in regelmäßigen Abständen eine Mahnwache unter dem Motto „Mahnwache für Israel – Gegen Antisemitismus“. Im Zuge dessen solidarisieren sich die Teilnehmer mit Israel und setzen sich für ein friedliches Miteinander ein.

Mahnwache für Israel und gegen Antisemitismus in Hamburg: Teilnehmer beschimpft und angegriffen

Am vergangenen Samstag erfolgte bei der friedlichen Mahnwache gegen 14 Uhr ein Angriff auf die Gruppe in der Hamburger Innenstadt. Den bisherigen Erkenntnissen der Polizei zufolge trat ein junger Mann aus einer vierköpfigen Gruppe hervor und beschimpfte die Demonstrations-Teilnehmer übel. Laut eines Tweets von dem Antisemitismus-Beauftragten Hamburg, Stefan Hensel, sollen Äußerungen wie „fuck Israel“ und „free Palestine“ gefallen sein.

Brutale Attacke: Bei einer Israel-Mahnwache in Hamburg wurde ein Mann krankenhausreif geschlagen. (Symbolbild/24hamburg.de-Montage)

Das jüdische Opfer der Attacke erzählte gegenüber der BILD, dass außerdem „Scheiß Juden“ und „Ich ficke deine Mutter“ geschrien wurde. Als der 60-Jährige einen jungen Mann der Gruppe ansprach und bat, die antisemitischen Beschimpfungen zu unterlassen „lief vermutlich sein Bruder auf mich zu und schlug sofort mit der Faust ins Gesicht. Ich lag blutüberströmt in den Armen meiner Mutter, die zu Hilfe geeilt war“, berichtet er gegenüber der BILD.

Antisemitischer Angriff bei Mahnwache in Hamburg: Täter lachen nur über schwere Verletzung

Die Reaktion der Täter: Lachen. Die Mutter des Opfers, die ebenfalls Teil der Mahnwache war, berichtet BILD geschockt von der schrecklichen Erfahrung: „Er lag mit blutendem Gesicht dort. Ich dachte, dass sein Auge zerfetzt ist. Er hatte Splitter seiner Brille im Gesicht. Sein Jochbein muss nun operativ aufgefüllt werden. Es ist das Schlimmste, was einer Mutter passieren kann, so etwas mit anzusehen.“

Der 60-Jährige äußerte BILD gegenüber, dass sich neben seinem gebrochenen Nasen- und Jochbein auch die Netzhaut seines Auges noch ablösen könne. Die Täter flüchteten nach ihrem antisemitischen Angriff mit geliehenen E-Scootern in Richtung Steintorbrücke. Bisher blieb die Sofortfahndung mit mehreren Streifenwagen laut NDR.de erfolglos. Der Staatsschutz des Landeskriminalamts hat die Ermittlungen übernommen.

Angriff auf Hamburger Mahnwache auf der Mönckebergstraße: Polizei bittet um Hinweise

Derzeit wird der Hamburger Morgenpost zufolge Foto- und Videomaterial ausgewertet, das Zeugen vom Vorfall sowie den Angreifern aufnahmen. Die Polizei Hamburg bittet um weitere Hinweise zur Identität des Täters. Dieser soll zwischen 18 und 25 Jahren alt und 1,70 bis 1,75 Meter groß sein.

Am Tattag trug er blaue Jeans, ein weißes T-Shirt sowie eine schwarze Jacke und schwarze Sneaker. Laut Polizei ist er „südländischer“ Erscheinung mit schwarzen, gelockten Haaren. Hinweise werden unter der Telefonnummer 040/4286 56789 oder in jedem Hamburger Polizeikommissariat entgegengenommen. Am Hamburger Hauptbahnhof kam es kürzlich erst zu einer weiteren brutalen Attacke auf eine Zugbegleiterin.

„Antisemitismus kommt verstärkt auch von muslimischer Seite“

Stefan Hensel äußert gegenüber der BILD-Zeitung: „Gewalt aus niederen Gründen und angetrieben vom Hass gegen Israel und Juden sind eine Schande für unsere Stadt.“ Der Initiator der Mahnwache, Andreas M., stellt fest: „Der Antisemitismus kommt nicht mehr nur von links oder rechts. Er kommt verstärkt auch von muslimischer Seite, das merken wir immer wieder.“

Dass der muslimische Antisemitismus ein Problem ist, zeigen auch der in Hagen kürzlich vereitelte Anschlag auf eine Synagoge* und die hasserfüllten Ausschreitungen während des Nahost-Konfliktes im Mai. Doch wie geht die Politik gegen zunehmenden Anitsemitismus in Deutschland vor?

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Islam-Experte kritisiert fehlende Konzepte für den Alltag von Juden

Gegenüber BILD kritisiert der Islam-Experte Ahmad Mansour: „Die Spitzenkandidaten betreiben bei manchen Themen die schlechteste Wahlkampfstrategie: Sie schweigen die Probleme tot und ignorieren sie. Wenn man keine Konzepte für den Alltag entwickelt, wird sich die Lage für Juden in Deutschland nicht verbessern.“

Und das, obwohl im Wahlkampf und auch den Wahlprogrammen für die Bundestagswahl 2021* von den Kanzlerkandidaten beteuert wird, gegen zunehmenden Antisemitismus in Deutschland* vorgehen zu wollen:

Wie gehen CDU, SPD und Grüne gegen Antisemitismus in Deutschland vor?

Armin Laschet (CDU)* fordert eine „Null-Toleranz“-Politik gegen Islamismus und möchte Gefährder weiter abschieben sowie verfassungsfeindliche Vereine verbieten. Im Wahlprogramm für CDU/CSU heißt es: „Der anwachsende Antisemitismus in unserem Land beschämt uns. Es liegt in unser aller Verantwortung, antisemitischem Hass entschlossen entgegenzutreten. Wir müssen Antisemitismus klar benennen und bekämpfen – egal, woher er kommt: ob von rechtsaußen, linksaußen oder von migrantisch geprägten Milieus.“

Olaf Scholz (SPD)* äußerte laut BILD nach dem vereitelten Anschlag in Hagen, dass es „unsere Pflicht“ sei, „alles zum Schutz“ von Jüdinnen und Juden zu tun. Im „Zukunftsprogramm“ der SPD von 2021 heißt es, dass „wir nachdrücklich gegen Rassismus, Rechtsextremismus, Antisemitismus, Antiziganismus, Islamfeindlichkeit, Antifeminismus, Sexismus und LSBTIQ*-Feindlichkeit vorgehen [werden].“

Die Grünen* sprechen sich in ihrem Wahlprogramm 2021 für die „Stärkung und Sicherheit für Jüdinnen und Juden in Deutschland“ aus. Sie wollen „jüdisches Leben in seiner Vielfalt in Deutschland [...] konsequent fördern und sichtbar machen.“ Doch werden diese Versprechungen in Zukunft von den Parteien tatsächlich durchgesetzt und erfüllt? * 24hamburg.de, kreiszeitung.de und Merkur.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Axel Heimken/Wolfgang Kumm/dpa

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