Exklusiv-Interview

Anjes Tjarks (Grüne): U-Bahn und A7 – Hamburg droht Verkehrschaos

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    Jens Kiffmeier
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U-Bahn-Bau und Autobahn-Sanierung: 24hamburg.de spricht mit Verkehrssenator Anjes Tjarks über das drohende Verkehrschaos, Staus und Verspätungen.

Hamburg – Anjes Tjarks (Bündnis 90/Die Grünen) ist seit Juni 2020 Senator für Verkehr und Mobilitätswende in der Hansestadt Hamburg. Neue U-Bahn-Linien, Baustellen, Staus, die Digitalisierung des öffentlichen Nahverkehrs, sicheres Bahnfahren in Coronavirus-Zeiten – im exklusiven 24hamburg.de-Interview erklärt der Senator, welchen Weg die Hansestadt in Sachen Verkehr einschlägt, und ob es bald Schützenhilfe von einem grünen Bundeskanzler geben könnte.

Senator für Verkehr und Mobilitätswende: Anjes Tjarks
Geboren:12. März 1981 in Hamburg
Familienstand: Vater von drei Kindern
Studium: Lehramtsstudium Englisch und Politik, Promotion
Berufliches:Lehrer an der Klosterschule in St. Georg
Die S4 Richtung Ahrensburg, die U4 zur Horner Geest, die U5 von Bramfeld zur City Nord – 2021 startet der Bau von drei neuen Linien. Wie wichtig sind diese für die Entwicklung des öffentlichen Nahverkehrs?
Sie haben eine zentrale Bedeutung. Die U5 wird täglich rund 300.000 Fahrgäste haben, die S4 erschließt ein Gebiet von 250.000 Menschen. 2021 ist für uns das Jahr des Schnellbahnausbaus. Für den Schnellbahnausbau nehmen wir allein in diesem Jahr etwa 300 Millionen Euro in die Hand, im vergangenen Jahr waren es 116 Millionen.
Muss den Nahverkehr in Hamburg vorantreiben: Verkehrssenator Anjes Tjarks (Grüne). (24hamburg.de-Montage)
Auch das Umland wird immer stärker in den HVV integriert, so wird demnächst der Kreis Steinburg in den Verkehrsverbund aufgenommen. Soll der HVV die gesamte Metropolregion umfassen?
Die Entscheidung darüber treffen letztlich die einzelnen Kreise und die Bundesländer selbst. Wir würden uns das dann konkret anschauen. Die Menschen lassen sich am ehesten für die Mobilitätswende gewinnen, wenn wir mit der Metropolregion eng zusammenarbeiten und gemeinsam das Ziel verfolgen, mehr Bus- und Bahnverkehr zu erreichen. Dabei geht es besonders darum, den Regionalverkehr so gut wie möglich zu verzahnen.

HVV: Durch den Bau neuer U- und S-Bahnlinien droht Hamburg ein Verkehrschaos

Das Thema Digitalisierung ist spätestens seit Corona wichtiger denn je. Was soll die HVV-Switch-App verbessern?
Der HVV ist der älteste Verkehrsverbund der Welt und wurde 1965 gegründet. Wir wollen ihn weiterentwickeln zu einem Mobilitätsverbund. Die digitale Plattform dafür ist die HVV-Switch-App. Dort werden alle Mobilitätsangebote zusammengefasst. Bus, Bahn, Sharing-Angebote, Taxis – alles ist miteinander vernetzt.
Die App liefert also Mobilität aus einer Hand und verbindet den klassischen öffentlichen Nahverkehr mit den verschiedenen Sharing-Angeboten. Fahrkartenautomaten und die komplizierte Suche nach den richtigen Tarifen sind nicht mehr zeitgemäß. Ich könnte mir auch vorstellen, dass Unternehmen ihren Mitarbeitern Geld auf deren HVV-Switch-App transferieren. Stichwort: Mobilitätsbudget. Das wäre eine Alternative zum Dienstwagen.
Staus sind für Autofahrer in Hamburg ein ständiges Ärgernis. Lässt sich dieses Problem beheben?
Wir sprechen darüber, wie wir die Mobilität in einer wachsenden Stadt koordinieren. Die Fläche bleibt gleich, die Zahl der Verkehrsteilnehmer nimmt zu. Wir können nur mobiler werden, wenn jeder einzelne Mensch weniger Verkehrsfläche einnimmt. Deshalb muss es uns gelingen, die Menschen für die Mobilitätswende zu begeistern. Es ist nicht nur gut fürs Klima, wenn nicht alle mit dem Auto unterwegs sind. Auch die Straßen sind leerer. Wenn mehr Menschen mit Bus und Bahn unterwegs sind, stehen weniger im Stau. Wer mit der Bahn oder dem Fahrrad unterwegs ist, steht ohnehin nicht im Stau.
Muss in den kommenden Jahren viele Staus und Baustellen erklären: Verkehrssenator Anjes Tjarks (Grüne). (24hamburg.de-Montage)
Viel Kritik ruft das Baustellenmanagement hervor. Wie schafft man es, die Baustellen so zu koordinieren, dass die Belastungen für die Bevölkerung möglichst gering sind?
Die Verbesserung der Infrastruktur ist für Hamburg eine riesige Herausforderung. Wir bauen in Altona einen neuen Fernbahnhof, schaffen weitere S- und U-Bahn-Linien, verbessern das Autobahnnetz – das sind alles große Projekte. Dazu müssen wir einen Sanierungsstau abarbeiten. Belastungen für die Menschen lassen sich dabei nicht komplett verhindern.
Durch sorgfältige Planung wollen wir diese aber so gering wie möglich halten. So können beispielsweise die Bauarbeiten in der Elbchaussee durch Koordinierung der Arbeiten verschiedener Träger wie Hamburg Wasser, des Landesbetriebs Straßen, Brücken und Gewässer oder Stromnetz Hamburg von sechs auf drei Jahre im ersten Bauabschnitt reduziert werden.

S-Bahn Hamburg: Viele Kunden klagen über Verspätung – das sagt Hamburgs Senator Anjes Tjarks

Die Hamburger Hochbahn finanziert als erstes deutsches Verkehrsunternehmen Projekte über einen Green Bond. Diese Anleihe auf dem „grünen“ Kapitalmarkt in Höhe von 500 Millionen Euro ermöglicht, Projekte für die Mobilitätswende und ein klimaneutrales Hamburg zu finanzieren. Ist Hamburg damit Vorbild für andere Kommunen?
Ja. Wir sind stolz darauf, dass es uns so möglich ist, eines der größten Verkehrsunternehmen Deutschlands bis 2030 klimaneutral aufzustellen. Das Geld wird ausschließlich in „grüne“ Projekte fließen.
Viele Bürger klagen gerade bei den S-Bahnen über häufige Verspätungen. Lässt sich das Problem kurzfristig beheben?
Für die S-Bahnen gilt dasselbe wie für viele Straßen. Die gesamte Infrastruktur muss dringend verbessert werden. Das dauert seine Zeit. Wir arbeiten aber intensiv an Verbesserungen und am Ausbau des S-Bahn-Angebots. So werden beispielsweise noch im Mai 64 neue S-Bahnen der Baureihe 490 bestellt, eine Investition von rund 400 Millionen Euro für die kommenden zehn Jahre.
Hamburg soll zur Fahrradstadt ausgebaut werden. Wie sieht die Planung für die kommenden Jahre aus?
Sehr ambitioniert. Im vergangenen Jahr haben wir 62 Kilometer neue Radwege gebaut. In früheren Jahren waren es meistens zwischen 30 und 50 Kilometern. Unser Ziel ist, das hohe Niveau zu halten. Die Corona-Pandemie hat viele Menschen dazu gebracht, häufiger Rad zu fahren. Damit dieser positive Trend anhält, brauchen wir bessere Radwege und eine klare Trennung zwischen Rad- und Autoverkehr. Das würde auch die Konflikte zwischen Auto- und Radfahrern reduzieren.
Freie Fahrt für den Verkehrssenator: Anjes Tjarks (Grüne) auf dem Weg zur Einweihung des neuen A7-Tunnels. (24hamburg.de-Montage)
Beim Fahrrad-Klimatest des ADFC schneidet Hamburg regelmäßig schlecht ab. Ist Besserung in Sicht?
Der Weg dahin ist lang. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich die Motorisierung durchgesetzt und darauf war auch die Stadtplanung ausgerichtet. Wir wollen jetzt eine andere Politik machen. Aber das geht nicht von heute auf morgen.
Sie gelten als passionierter Radfahrer. Bleibt dafür auch als Senator Zeit?
Na klar, dass ich möglichst viele Wege mit dem Rad zurücklegen will, ändert sich ja nicht durch ein neues Amt.
Worüber regt sich ein Verkehrssenator im Straßenverkehr auf?
Da fällt mir nichts Bestimmtes ein. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass es hilft, sich in die Augen zu blicken, um Konflikte zu entschärfen.

Maskenpflicht im HVV: Wie sicher sind Busse und Bahnen in der Corona-Krise?

Wegen Corona sind die Fahrgastzahlen in Bussen und Bahnen zurückgegangen. Ist der öffentliche Nahverkehr sicher?
Regelmäßiges Lüften, ständige Reinigungen, Strafen bei Verstößen gegen die Maskenpflicht – es wird alles dafür getan, die Infektionsgefahr so gering wie möglich zu halten. Eine Studie der Londoner U-Bahn zeigt, dass kein erhöhtes Risiko bestehen soll, sich in Bahnen anzustecken. Für den deutschen Nahverkehr laufen ebenfalls Untersuchungen. Grundsätzlich können öffentliche Nahverkehrsmittel genutzt werden. Aber am sichersten ist es, derzeit zu Hause zu bleiben. Das schützt am ehesten vor Ansteckungen.
Die CDU steht derzeit in der Kritik, weil einige Politiker sich an Schutzmaskengeschäften bereichert haben sollen. Wie nehmen Sie die Diskussion wahr?
Jedem sollte klar sein, dass man ein politisches Mandat nicht nutzen darf, um sich an der Corona-Krise zu bereichern. Deshalb ist es richtig, dass die Politiker zurückgetreten sind, die das getan haben.
Die CDU baut in den Umfragen ab, die Grünen freuen sich über Erfolge bei den Landtagswahlen. Ist es realistisch, dass die Grünen den Kanzler stellen? Wer sollte den Posten übernehmen – Annalena Baerbock oder Robert Habeck?
Wir kämpfen darum, bei der Bundestagswahl möglichst gut abzuschneiden. Und der Partei tut es gut, wie sie von Annalena Baerbock und Robert Habeck geführt wird. Ich bin mir sicher, dass die beiden einen guten Vorschlag machen werden.
Wer wären Ihre Wunschpartner in der Regierung?
Es geht darum, für einen Politikwechsel in Deutschland zu werben. Ziel ist, einige Themen anders anzupacken, als es bisher geschehen ist. Das betrifft die Mobilitäts- und Agrarwende, den Klimaschutz und große gesellschaftliche Themen wie den Umgang mit Kinder- und Frauenrechten.
Schwarz-Grün wäre also nicht Ihre Wunschkoalition?
Unser Ziel ist nicht, für Koalitionen zu werben. Unser Ziel ist, für unsere Themen zu werben. Nach den Wahlen werden wir dann sehen, welche Möglichkeiten es gibt, eine stabile Regierung zu bilden.
Viele Klimaaktivisten gehen eigene Wege. Haben sich die Grünen von Ihrer Basis entfernt?
Die Grünen haben in den vergangenen Jahrzehnten viele Entwicklungen angestoßen, durch die die Grundlagen für Bewegungen wie „Fridays for Future“ geschaffen wurden. Ich denke, dass die Grünen davon profitieren, dass Themen, die uns wichtig sind, noch mehr in den Blickpunkt rücken. Und unsere Wahlergebnisse lassen zumindest vermuten, dass sich immer mehr Menschen mit unserer Politik identifizieren. * 24hamburg.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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