Internetriese

Amazon Hamburg: Fahrer-Aufstand – bei Krankheit kriegen sie null Lohn

Ein Amazon-Mitarbeiter verlädt im Logistikzentrum des Online-Versandhandels Amazon Ware zum Abtransport.
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Lagermitarbeiter von Amazon und Lieferdienstfahrer erheben schwere Vorwürfe gegenüber dem Internetriesen. (Archivbild)
  • Johannes Nuß
    VonJohannes Nuß
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Die Situation im Amazon Logistikzentrum auf der Veddel ist schlimm. Sagen Lieferanten. Der Vorwurf: Mitarbeiter werden ausgebeutet, das Arbeitsrecht missachtet.

Hamburg – Die Arbeitsbedingungen beim Internetriesen Amazon sind regelmäßig in den Schlagzeilen. Zuletzt gab es Ärger um unnötig zerstörte Retouren* und das Verbot des Tragens von FFP2-Masken im Amazon Logistikzentrum in Winsen (Luhe), rund 30 Kilometer südlich von Hamburg. Doch jetzt gerät auch das Amazon Logistikzentrum auf der Veddel in Hamburg in die Kritik. Laut einem Bericht der Mopo soll dort ein System der Ausbeutung und Unterdrückung herrschen.

Unternehmen:Amazon.com Inc.
Gründung:1994
Hauptsitz:Seattle, Washington, Vereinigte Staaten
Leitung:Jeff Bezos
Mitarbeiter:1.298.000 (Stand: Februar 2021)
Umsatz:386 Mrd. US-Dollar (Stand: 2020)

Wie es in dem Bericht heißt, müssten die Lieferdienstfahrer nahezu täglich Überstunden machen und das auch noch unbezahlt. Dazu gesellt sich der Vorwurf, dass im Fall von Krankheit keine Lohnfortzahlung geschehe. Üblich ist in Deutschland, dass ein Arbeitgeber die ersten sechs Wochen den Lohn im Falle einer Krankheit weiter bezahlen muss, erst danach springt die Krankenkasse ein und zahlt Krankengeld.

Miese Arbeitsbedingungen bei Amazon in Hamburg: Zehn Stunden arbeiten, acht werden bezahlt

„Ich muss pro Tag 230 Pakete ausliefern. Bezahlt werde ich für acht Stunden. Das ist unmöglich zu schaffen“, zitiert die Mopo einen 50-jährigen Angestellten aus Syrien, der seit rund drei Jahren für Amazon Pakete ausfährt. In der Regel würden er und seine Kollegen bis zu zwei Stunden am Tag länger arbeiten. Das für einen Lohn der mit 10,50 Euro nur knapp über dem Mindestlohn liegt. Die Überstunden sollen nach Aussage des Mitarbeiters überhaupt nicht bezahlt werden.

Auch Pausen könnten nicht genommen werden, da sonst die Arbeit nicht zu schaffen sei. Normalerweise müssten Lieferdienstfahrer während einer Acht-Stunden-Schicht dreißig Minuten Pause einlegen. Im Falle eines Schadens am Auto, würden die Mitarbeiter dies vom Lohn abgezogen bekommen. Auch wer krank ist, kommt auf der Veddel regemäßig zur Schicht, denn sonst gibt es nach Aussagen mehrerer Beschäftigter kein Geld.

Doch nicht nur die Lieferfahrer erheben in dem Bericht heftige Vorwürfe gegenüber dem Internetriesen Amazon. Wie ein Lagermitarbeiter berichtet, würden die Wenigsten auf ihre Gesundheit achten und trotz Krankheit zur Arbeit kommen. Auch die Arbeitszeiten werden angeprangert. So bestätigt ein Mitarbeiter, der ursprünglich aus Ghana kommt, dass kürzlich der Beginn seiner Schicht von vomittags 10:00 Uhr auf nachts 1:20 Uhr verlegt worden sei. Gefragt worden sei niemand.

Amazon in Hamburg in der Kritik: Deutsche hören auf der Veddel schnell wieder auf

„Gucken Sie sich doch einmal um: 99,9 Prozent der Leute hier sind Ausländer“, zitiert die Mopo den Mitarbeiter aus Ghana. „Die Deutschen kennen die Gesetze. Wir kennen sie nicht. Mit uns können sie alles machen.“ Ein Deutscher, der dort arbeite, würde in der Regel nach einem Monat wieder aufhören.

Doch das eigentliche Problem der Fahrer ist, dass sie nicht direkt bei Amazon angestellt sind. Als Kurierdienst werden nicht selten Subunternehmer angeheuert, die wiederum andere Subunternehmer anheuern würden. Das weiß auch Hamburgs DGB-Vorsitzende Katja Karger. „Amazon hat keine eigenen Fahrer. So kann der Konzern sich hinstellen und sagen: Damit haben wir nichts zu tun“, erklärt Karger in der Mopo. „Die Subunternehmen beschäftigen gezielt Menschen, die wenig Deutsch sprechen und einen unsicheren Aufenthaltsstatus haben, um sie abhängig zu machen.“

Hamburgs DGB-Vorsitzende Katja Karger fordert von der Politik Gesetze, die Unternehmen stärker in die Pflicht nimmt mit Blick auf die Lieferketten.

Aus diesem Grund fordern Gewerkschafter schon länger von der Politik, dass Gesetze erarbeitet werden müssten, die Unternehmen wie Amazon dazu zwingen sollen, für die gesamte Lieferkette Verantwortung zu übernehmen*. Auch sollen so die Subunternehmer, die häufig in der Kritik aufgrund mieser Arbeitsbedingungen stehen, zur fairen Arbeitsbedingungen verpflichtet werden.

Amazon in Hamburg weist Kritk an Arbeitsbedingungen zurück

Doch der Internetriese will von der Kritik offenbar nicht viel wissen und weißt sie zurück. Laut einem Sprecher überprüfe Amazon in Deutschland regelmäßig seine Lieferpartner und vergüte diese auch entsprechend. „Alle Lieferpartner sind vertraglich verpflichtet, alle geltenden Gesetze einzuhalten, insbesondere in Bezug auf Löhne, Sozialabgaben und Arbeitszeiten“, zitiert die Mopo einen Sprecher.

Er verweist auf eine extra dafür existierende anonyme Hotline. Bei Beschwerden könnten sich die Beschäftigten an diese wenden. Bleibt fraglich, ob diese überhaupt von den Lagerarbeitern oder Fahrern genutzt werden kann, so schlecht sind teilweise die Deutschkenntnisse. * 24hamburg.de, kreiszeitung.de und merkur.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

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