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„All das knallt gerade zusammen“: Hamburger Expertin analysiert Iran-Proteste

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Von: Steffen Maas

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Bei den Protesten im Iran stehen Frauen im Zentrum. Sie fordern einen Sturz des Systems, das sie gewaltsam unterdrückt. Eine Hamburger Nahost-Forscherin ordnet ein.

Hamburg – Wütende Frauen, brennende Kopftücher, brutale Polizeigewalt – die Bilder der Proteste im Iran gehen aktuell um die ganze Welt. Vor allem Frauen wehren sich gegen eine Regierung und ein System, das sie unterdrückt und misshandelt. Auslöser der Unruhen war der Tod der 22-jährigen Kurdin Mahsa Amini, die von der iranischen Sittenpolizei wegen ihres „unislamischen Outfits“ festgenommen wurde. Wenig später fiel die junge Frau ins Koma und starb – aufgrund von Verletzungen, die die Moralwächter ihr per brutaler Prügel zugefügt haben sollen, behaupten die Demonstranten.

Auch in Hamburg ist der Protest angekommen, mit Kundgebungen vor dem iranischen Konsulat und einer Demo am Samstag, 24. September 2022 an der Sternschanze. 24hamburg.de hat mit der Politologin und Nahost-Expertin Dastan Jasim über die Zustände im Iran und den entsprechenden Diskurs in Deutschland gesprochen.

Name:Islamische Republik Iran
Amtssprache:Persisch
Regierungschef:Präsident Ebrahim Raisi
Einwohnerzahl:84 Millionen

Frauen protestieren gegen Unterdrückung: Internet im Iran abgeschaltet – Demo auch in Hamburg

Denn was genau im Iran gerade passiert, ist unübersichtlich. Nicht nur, weil die iranische Regierung große Teile des Internetzugangs blockiert hat. Sondern auch, weil in die Wut der Demonstranten so viele Faktoren hineinspielen. Bei brennenden Kopftüchern und Frauen, die sich demonstrativ die Haare abschneiden, ist aber klar, dass die Frauenbewegung eine zentrale Rolle spielt.

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„Auf jeden Fall“, bestätigt Dastan Jasim, Doktorandin am Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien in der Hansestadt Hamburg und Expertin für den Nahen Osten. Unterdrückung sei „die tägliche Realität der Frauen im Iran“, wo das Leben und „kleinste alltägliche Sachen“ nach den Geschlechtern aufgeteilt würden. „In der Tat ist das jetzt ein feministischer Protest. In der Tat geht es um Menschenrechte.“

Nicht nur Frauen gegen Kopftuch-Zwang: Iraner rütteln am System – Expertin aus Hamburg spricht über Zustände im Iran

Doch auch wenn die inoffizielle Parole des Protestes „Frau, Leben, Freiheit“ geworden ist und die „horrende Unterdrückung und Gewalt gegen Frauen“ jetzt im Vordergrund steht – es gehe darüber hinaus „um einen ganz großen systemischen Protest“. Denn Frauen und Männer der Proteste fordern keine Gesetzesanpassungen oder Reformen:

Die Leute fordern das Ende des Systems.

Dastan Jasim, Doktorandin am GIGA-Institut für Nahost-Studien

Grund dafür ist, dass im Iran einiges im Argen liegt. Nicht nur für Frauen, die nicht gezwungen werden wollen, einen Hijab (zu deutsch: Kopftuch) zu tragen. Wirtschaftliche Notsituationen, Klimawandel samt Wasserknappheit im Süden des Landes und unerträglicher Luftverschmutzung in der Hauptstadt Teheran, die Unterdrückung und Ausbeutung bestimmter ethnischer Gruppen, ein Regime, das sich mit Lügen und Gewalt unangreifbar machen will … „All das knallt gerade zusammen“, unterstreicht Jasim. „Es geht um Frauen, es geht um Feminismus. Aber es geht auch um ganz viel mehr.“

Kurden im Iran: Erneuter Kampf gegen Unterdrückung und Gewalt

An vorderster Front für all das kämpfen – wieder einmal, muss man schon sagen – die Kurden. Die getötete Mahsa Amini war eine Kurdin. Auch die Parole „Jin, Jiyan, Azadî“ (zu deutsch: Frau, Leben, Freiheit) ist kurdisch. Die ganz großen Auseinandersetzungen mit der Polizei begannen im Westen des Irans, in der Region Ost-Kurdistan, bevor sie sich aufs ganze Land ausbreiteten.

Kundgebung in Hamburg aus Solidarität mit den Protesten im Iran und Nahost-Forscherin Dastan Jasim
Solidarität für die Proteste der Frauen im Iran gab es am Wochenende auf der ganzen Welt. Auch in Hamburg am Gerhart-Hauptmann-Platz schneidet sich eine Frau demonstrativ die Haare ab. Politologin und Nahost-Expertin Dastan Jasim erklärt die Dynamik der Iran-Proteste im Gespräch mit 24hamburg.de. (24hamburg.de-Montage) © Jonas Walzberg/dpa & Dastan Jasim

Seit 100 Jahren kämpfen die Kurden in der Türkei, in Syrien, im Irak und im Iran nun schon, weiß Politologin Dastan Jasim. Mittlerweile sei das schon Teil der Kultur. Dabei streiten sie nicht nur für ihr großes Ziel, den eigenen Staat, sondern generell für Menschenrechte und Demokratisierung. Das hat dem Volk in weiten Teilen Europas nicht nur einen progressiven Ruf eingebracht, sondern auch das Image der unermüdlichen Widerstandskämpfer.

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„Im Rahmen der Proteste wird gesagt: ‚Es waren die kurdischen Frauen, die den IS besiegt haben. Und es werden die kurdischen Frauen sein, die den Kampf gegen den Islamismus im Iran voranbringen‘“, so Jasim. Sie ist selber Kurdin und weiß jedoch auch: „Es gibt auch in der kurdischen Bevölkerung immer noch repressive und islamistische Elemente.“ Doch die andauernde Auseinandersetzung, wie ein Leben in einem echten Kurdistan dann wirklich aussehen würde, habe eine Offenheit und Sensibilisierung geschaffen für eine Vielzahl von Themen.

„Let us talk“: Wunsch nach offener Diskussionskultur in Deutschland

So eine Diskussionskultur gebe es auch in migrantischen Communities in Deutschland – leider jedoch nicht in allen. Viel zu oft werde bei schwierigen Themen abgeblockt: „Wenn ich sage, lass‘ uns doch mal darüber reden, wie Frauen in deiner Religion behandelt werden, ist die Unterhaltung zu Ende.“ Viel zu oft würden religiöse Befindlichkeiten den Diskurs aufhalten oder ablenken. Dastan Jasim verzweifelt an schiefen Vergleichen und Whataboutism:

Wieso macht es dich so wütend, wenn im Iran Kopftücher brennen, aber nicht, wenn eine junge Frau deswegen zu Tode geprügelt wird?

Dastan Jasim, Doktorandin am GIGA-Institut für Nahost-Studien

Vergiftet würde der Diskurs auch durch sogenannte Proxy-Kämpfer für Staaten wie Iran oder Türkei: „Es gibt in Norddeutschland und gerade in Hamburg sehr viele Institutionen, die im Namen des muslimischen Dialogs agieren, aber dabei etwa iranische Propaganda teilen.“ All das geschehe unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit, womit Dastan Jasim ein großes Problem hat: „Diese Freiheit hört genau da auf, wo staatliche Systeme der Unterdrückung unterstützt werden. Das ist sehr, sehr gefährlich.“

Mit allen anderen könne und solle man reden, frei nach dem Motto „Let us talk“. Dazu gehöre zwingend auch die deutsche Bevölkerung ohne Migrationshintergrund. „Lasst uns wirklich als Gesellschaft eine Unterhaltung führen“, wünscht sich die 29-Jährige einen Diskurs darüber, was man unterstützen, wo man sich solidarisieren könne. Wichtig dafür sei es, die Stimmen des Protestes aus dem Iran auch nach Deutschland und in die Hansestadt zu tragen. So wie bei der Kundgebung an der Sternschanze am Samstag, wo sich laut Polizei Hamburg über 1000 Menschen lautstark mit den Protesten im Iran solidarisierten.

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