Exklusives Interview mit Stage Entertainment

Corona-Hamburg: „Aladdin“-Musical-Chef: „Ersparnisse aufgebraucht“

  • Thanh Nguyen
    vonThanh Nguyen
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Corona in Hamburg hält die Kultur- und Theaterwelt weiter im Würgegriff. Stage-Entertainment-Sprecher Stephan Jaekel sprach exklusiv über die aktuelle Lage.

Hamburg – Ob König der Löwen, Tanz der Vampire, Aladdin oder Wicked – wer Musicals mag, kommt an Stage Entertainment nicht vorbei. Dreizehn Häuser bundesweit, fünf davon allein in Hamburg, begeisterten jedes Jahr mehrere Millionen Zuschauer mit spektakulären, rührenden und atemberaubenden Shows – bis die Corona-Pandemie kam.

Stage Entertainment:Gründung 1998
Aktiv in: 8 Ländern weltweit
Mitarbeiterca. 3000
Zuschauerzahlen8 Millionen Besucher jährlich in aktuell 20 Theatern
Bekannteste StückeKönig der Löwen, Tanz der Vampire, Aladdin, Wicked, Tarzan, Eiskönigin

Seit rund einem Jahr herrscht Stille in der Musical-Welt, der Betrieb ist komplett zum Stillstand gekommen. Alle Mitarbeiter sind in Kurzarbeit und eine Planung für die Zukunft ist aufgrund der sich ständig ändernden Umstände schwer möglich. 24hamburg.de sprach mit Stephan Jaekel, Kommunikationschef von Stage Entertainment, über die aktuelle Lage in der Kulturbranche, Kritik an der Politik und die Hoffnungen für die Zukunft.

Herr Jaekel, wie ist die aktuelle Lage?

Die Lage ist schon betrüblicher als wir uns wünschen würden. Über ein Jahr sind wir nun schon im totalen Lockdown. Seither war es eine lange Reise mit Hoffen, Planen und vor allem mit ganz vielen Umplanungen. Das ist das Zermürbendste. Das größte Problem ist, dass sich im Kulturbetrieb keinerlei Zeithorizonte abzeichnen. Jammern sollten wir dennoch nicht, denn auch Schüler oder die Gastronomie wissen nicht genau, wie es weitergeht. Die schwierige Seite für uns ist die Planung, wie und wann es wieder losgehen kann. Das ist begrenzt durch die Vorgaben der Politik, vor allem bezogen auf Abstände.

Wie geht es ihren Mitarbeitern?

Sie sind zu Hause und hoffen, dass es irgendwann weiter geht. Wir konnten selbst erst aus den Rücklagen das Kurzarbeitergeld von 60 auf 80 Prozent aufstocken, später hat die Bundesregierung unterstützt. Das ist nichts Tolles, aber besser als den Job zu verlieren.

Bis auf das Kurzarbeitergeld bekommen wir aktuell vom Staat nichts, weil wir Kulturbetriebe entweder zu international, zu groß, zu klein oder zu unbedeutend sind. Es sieht ziemlich trübe aus. Uns sind im letzten Jahr über 300 Millionen Umsatz entgangen. Davon haben wir bislang noch nichts wiederbekommen.

Wie sieht es mit dem Hygienekonzept aus?

Im Sommer haben wir ein 80-seitiges Hygienekonzept geschrieben für jedes unserer Häuser, von dem die Behörden total begeistert waren. Doch dann kommt die nächste Hürde. Noch rückt niemand von der AHA-Regel, also der Abstandsregel ab. Für die Bühne haben wir das zum Glück wegbekommen. Ein Musical lebt nun mal von einem permanenten Wechsel aus innigsten Umarmungen, Liebesbekundungen oder Bissszenen. Wir können das nicht einfach so uminszenieren.

Der „König der Löwen“ blickt auf sein Reich.

Wir haben mit den Behörden Konzepte erarbeitet, das heißt unter anderem Maske auf, wenn man die Bühne verlässt, Mehrfachtestungen der Cast und vieles mehr.

Dazu kommt die wirtschaftliche Seite: Als nicht subventioniertes Unternehmen dürfen wir nur eine gewisse Anzahl von Besuchern reinlassen. So können wir nicht kostendeckend spielen. 1 Meter 50 Abstand, das entspricht einer Auslastung von weniger als 50 Prozent, sogar unter 30 Prozent. Und der Staat wird dieses Minus nicht ausgleichen. Pauschal kann man sagen, dass es sich unter 70 Prozent nicht lohnt, aufzumachen, weil Shows ja verschieden aufwendig sind. Bei großen Shows wie Aladdin müssen wir sogar noch höher gehen.

Was fordern Sie von der Politik und Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher?

Wir müssen uns einsetzen für ein Theater ohne Mindestabstand. Da gibt es Überlegungen mit guter Belüftung, Maske auch während der Show zu tragen oder Schnelltests mit Ticketing-App. Da gab es in Berlin oder Tübingen gerade erst ganz vielversprechende Tests. Das ist schön, aber am Ende dürfen wir nicht wieder da landen, dass der Abstand trotzdem eingehalten werden muss.

Wann ist eine Rückkehr zur Normalität möglich?

Wir fürchten, dass es noch ein weiter Weg für uns sein wird, wohl erst wenn zwei Drittel durchgeimpft ist oder die Politik sagt, dass Schnelltests reichen, um ins Theater zu gehen. Wenn dieser dann nur ein paar Stunden alt ist, kann sich ja keiner im Raum anstecken.

Szene aus dem berühmten Musical „Wicked“.

Aber aktuell gehen die Zahlen nach oben und die Politiker fahren eine andere Strategie. Ein Jahr nach dem ersten Lockdown stehen wir fast noch schlechter da als vor einem Jahr.

Das klingt ein wenig nach Kritik an der Politik ...

Wir hatten schon ein wenig das Gefühl, dass das kulturelle Angebot in Museen, Opern, Musicals, Theatern ein wenig abgetan wurde, vor allem bei den Medizinern unter den Politikern, als ob wir nicht so wichtig wären. Doch das hat sich inzwischen geändert, weil sich nun die Meldungen häufen, dass sich der Bürger schon danach sehnt, ins Kino, Theater oder Musical zu gehen.

Uns sind im letzten Jahr über 300 Millionen Umsatz entgangen

Stage-Entertainment-Sprecher Stephan Jaekel 

Es wird von der Politik nun zumindest darüber gesprochen – auch wenn es vielleicht nicht ganz freiwillig ist. Denn die Kulturschaffenden selbst fangen an, Lösungsvorschläge zu präsentieren. Das ist aber auch vollkommen in Ordnung. Die Politik braucht die Hilfe von Experten aus dem operativen Geschäft, die das tagtäglich tun.

Ein weiteres Problem ist die wirtschaftliche Komponente. Dies betrifft nämlich nur die privaten Häuser. Zur Erklärung: Staatlich subventionierte Kulturinstitutionen wie Elbphilharmonie oder das Thalia-Theater arbeiten ja nie kostendeckend, und der Steuerzahler zahlt, sicher berechtigterweise, schon von jeher immer drauf. Das sind Millionen-Zuschuss-Betriebe. Dass wir wirtschaftlich arbeiten und nie die Hand aufhalten, ist etwas, was nicht hinreichend gesehen wird.

Gibt es also eine Zweiklassengesellschaft: Staatlich gefördert vs. privat?

Das ergibt sich einfach aus dem, was die Politik gerade tut, nämlich indem sie Möglichkeiten für die Wiedereröffnung der staatlichen Einrichtungen schafft, die uns nicht möglich sind. Wirtschaftlich sind es Welten, die dazwischen liegen.

Caroline Bowman spielt Elsa im Musical-Hit „Frozen“.

Nichtsdestotrotz sprechen wir sehr viel miteinander. Der Wille ist da und wir sind sehr geeint, nämlich Kultur wieder anbieten zu können. Die anderen Bühnen waren sehr dankbar, dass wir dafür gekämpft haben, dass die Inszenierungen selber wieder abstandsfrei stattfinden dürfen.

Sehr viele staatliche Bühnen haben nach den Beschlüssen ihre Stücke angepasst. „Warten auf Godot“ als Einpersonenstück, mit 1, 50 Meter Abstand ‚Ich liebe dich‘ singen. Beim Gefangenenchor aus Verdis „Nabucco“ wird das schon schwieriger. Als Regisseur eines selbstverantworteten Stückes kann man sich eine Zeitlang Abstandregeln einhalten. Aber alle waren glücklich, dass wir gesagt haben, dass das auf Dauer nicht machbar ist.

Natürlich wollen auch die staatlich subventionierten Häuser vor vollen Häusern spielen und auch deren Künstler brauchen die Rückmeldung vom Publikum. Das Raunen, die Stille, die Begeisterung, wenn ein Raum voll ist. Das ist fantastisch.

Ich war aus Interesse im letzten Sommer ein paar Mal in der Elbphilharmonie. Ich empfand es furchtbar, diese riesigen Lücken im Zuschauerraum zu sehen, der sonst immer voll ist. Das ist doch für niemand richtig schön. Die Anteilnahme beziehungsweise Solidarität unter den Häusern ist schon sehr groß. Vielleicht kann man sogar sagen, dass ohne Corona ein solcher Schulterschluss nicht möglich gewesen wäre.

Wie lange halten Sie noch wirtschaftlich durch?

Darauf gibt es keine klare Antwort. Seit Anfang dieses Jahres sind unsere Ersparnisse aufgebraucht, obwohl wir unsere laufenden Kosten sehr schnell auf das absolute Minimalmaß heruntergefahren haben. Aber wir haben dennoch unvermeidbare Ausgaben von 5 Millionen Euro im Monat bundesweit. Die türmen sich jetzt auf.

Verhandeln beim Corona-Gipfel über Ausgangssperren: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD). (24hamburg.de-Montage)

Vielleicht gibt es irgendwann kein privatwirtschaftliches Theater mehr. Und was ist mit Klubs und Discos, wo der Körperkontakt noch um ein Vielfaches höher ist? Da sehe ich noch schwierigere Zeiten, wenn man das Virus nicht in den Griff bekommt. Im Moment ist es ein Blick in die Glaskugel, um zu wissen, wann dieser Zustand aufhört.

Wir wünschen natürlich, dass es in diesem Herbst irgendwie wieder losgehen kann. Und wenn wir es zunächst in zwei, drei Theater probieren können, wäre das schon ein Anfang.

Wenn es wieder losgeht, was erwartet die Besucher?

Neben unseren Klassikern, wie König der Löwen, Aladdin, Wicked, kommt die Eiskönigin im Oktober nach Hamburg und Kudamm56 einen Monat später nach Berlin – da warten tolle Stücke und wir gehen total zuversichtlich davon aus, dass durch Impfungen oder Schnelltests und weiteren Maßnahmen, die Politik den Mut aufbringen wird, uns öffnen zu lassen. * 24hamburg.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Stage Entertainment

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