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Wohngeld-Verzug in Bremen: Menschen warten zu lange –„Nie hat sich jemand gemeldet“

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Von: Maria Sandig

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Im Jahr 2020 haben 7.800 Menschen in Bremen Wohngeld beantragt. Doch schon länger warten sie monatelang auf eine Antwort. 

Bremen – Die Zahl der Wohngeldempfänger im Bundesland Bremen ist nach Angaben des Statistischen Landesamtes von 4389 Ende 2019 um 12,2 Prozent auf 4935 Ende 2020 gestiegen.

In Niedersachsen stieg die Zahl der Wohngeldempfänger 2020 im Vorjahresvergleich um ein Viertel. Wie das Statistische Landesamt auf Anfrage mitteilte, bezogen Ende 2020 insgesamt 58 375 Haushalte Wohngeld. Ende 2019 waren es 46 652. Das entspricht einem Plus von 25,1 Prozent.

Zahl der Wohngeldempfänger:innenJahrBundesland
43892019Bremen
49352020Bremen
466522019Niedersachsen
583752020Niedersachsen

Mit der am 1. Januar 2020 in Kraft getretenen Wohngeldreform sei ein Anstieg der Haushalte mit Wohngeldbezug zu erwarten gewesen, so eine Sprecherin. Vermutlich trage zum Anstieg der Zahlen zusätzlich die Situation aufgrund der Corona-Pandemie bei.

Doch nicht nur die Menschen, die Wohngeld bekommen, sind mehr geworden. Auch die Wartezeiten, bis ein Bescheid im Briefkasten liegt.

Was ist Wohngeld?

Das Wohngeld ist eine Sozialleistung, die Bürgern mit geringem Einkommen beim Stemmen der Mietkosten oder der Ausgaben fürs Wohnen in den eigenen vier Wänden helfen soll. Die Höhe hängt vom Einkommen, der Haushaltsgröße und den Miet- beziehungsweise Wohnkosten ab.

Geringes Einkommen, aber hohe Miete und Wohnkosten? Wer von dieser Konstellation betroffen ist, kann Wohngeld oder einen Wohnberechtigungsschein (WBS) beantragen. Das ist dabei zu beachten *.

Wohngeld beantragen: „Schlimm, dass sie dann so lange warten müssen“

„Hilfen wie Wohngeld beantragen Menschen, weil sie in einer Notsituation und darauf angewiesen sind. Es ist schlimm, dass sie dann so lange warten müssen“, sagt Tanja Reinhardt, die selbst Wohngeld beantragt hat. Die 46-Jährige ist Mutter von drei Kindern und alleinerziehend. Gemeinsam wohnt die Familie in Bremen Kattenesch.

Tanja Reinhardt arbeitet als Haushaltshilfe in einer freien Christengemeinde in Bremen und bekommt Witwenrente. „Ich verdiene dort nicht besonders viel und habe deswegen Hartz IV beantragt“, erklärt sie. Nur der Kindergeldzuschlag habe die Familie lange aufgefangen. „Wenn der nicht da wäre, hätten wir Probleme.“ 

Die Zahl der Wohngeldempfänger in Niedersachsen und Bremen ist im Jahr 2020 im Vergleich zu 2019 deutlich gestiegen.
Die Zahl der Wohngeldempfänger in Niedersachsen und Bremen ist im Jahr 2020 im Vergleich zu 2019 deutlich gestiegen. © Jens Kalaene/ dpa

Wohngeld in Bremen beantragt: „Nie hat sich jemand gemeldet“

„Im Juli habe ich auf Nachfragen telefonisch endlich eine Antwort auf meinen Antrag aus dem Jahr 2020 bekommen. Auf den schriftlichen Bescheid warte ich noch immer“, sagt die 46-Jährige bei kreiszeitung.de in Bezug auf die Beantragung.

Da auch ihre älteste Tochter noch bei ihr wohnt und in der Altenpflege tätig ist, fließen die Gehälter zusammen. Einen Anspruch auf Hartz IV habe sich deshalb nicht ergeben. „Aus dem Grund habe ich Dezember 2020 Wohngeld beantragt“, sagt Tanja Reinhardt. „Nie hat sich jemand gemeldet. Ich habe auch telefonisch lange niemanden erreicht“, sagt sie verzweifelt.

Erst Ende Juni 2021 hatte sie eine Antwort erhalten. Das Amt hätte alle Unterlagen bekommen, sei aber stark im Verzug und erst bei der Bearbeitung der Anträge aus dem Monat November. Deshalb solle sie Geduld haben.

Im August 2021 wurde sie dann wurde aufgefordert, Unterlagen nachzureichen. „Dabei hatte ich schon alles eingereicht, sie wollten viele Unterlagen wie Verdienstbescheinigungen nochmal haben. Weil sie selbst so lange gebraucht haben, waren sie bestimmt veraltet“, glaubt sie. Besonders ärgere sie, dass zwischen Dezember und Juni gar nichts kam.

„Ich persönlich finde es schlimm, dass viele Menschen so lange warten, während sie am Existenzminimum leben und gar nicht wissen, wie sie Miete bezahlen sollen“, sagt die Bremerin.

Wohngeldbescheide in Bremen: „Früher ging es deutlich schneller“

Dass Menschen monatelang auf eine Antwort des Wohngeld-Amts warten, weiß auch Piet Apel. Er arbeitet im Sozialwerk der Freien Christengemeinde Bremen und hilft unter anderem gering verdienenden oder nach Arbeit suchenden Menschen in Bremen dabei, einen Antrag auf Wohngeld zu stellen.

„Alle Anträge auf Wohngeld, die ich im Jahr 2021 betreut habe, dauern überdurchschnittlich lange. Viele warten nach wie vor auf eine Rückmeldung, von einem Bescheid ganz zu schweigen“, sagt Piet Apel. Die Wartezeit habe sich deutlich verlängert, „früher ging es schneller“, sagt Apel.

In Bremen Wohngeld beantragen: Nur 30 Prozent der Anträge sind vollständig

Die CDU hatte im letzten Jahr eine Anfrage zu dem Thema gestellt. In einer siebenseitigen Antwort aus dem September ging der Senat darauf ein. Daraus ging hervor, dass die Wohngeld-Stelle unterbesetzt war. Eine Person war seit November 2020 langzeiterkrankt. Zwei Stellen waren zu dem Zeitpunkt ausgeschrieben. Fast drei Mitarbeitende waren in Elternzeit und hatten keine Vertretung.

„Normalerweise müsste eine nahtlose Übergabe erfolgen. Doch das ist in Bremer Ämtern leider oft nicht der Fall. Da kann schon mal Monate dauern“, weiß Piet Apel. Die Einarbeitung binde dann erneut Personal und dadurch verzögere sich die Bearbeitung von Anträgen. „Ich kann mir gut vorstellen, dass die Mitarbeitenden davon überfordert sind und waren“, sagt er.

Nur 30 Prozent der Wohngeldanträge werden laut Wohngeldstelle vollständig abgegeben. Bei 70 Prozent müssten Unterlagen nachgefordert werden. „Jeder einzelne Brief bindet Zeit und Kapazitäten. Wenn die Antragsstellenden von Anfang wüssten, welche Unterlagen sie bereitstellen müssen, wäre das hilfreich.“

Oft sei das nicht der Fall. Die dazugehörende Checkliste sei nicht im Antragsformular integriert, sondern müsse einzeln von der Internetseite heruntergeladen werden, dies werde häufig schlicht übersehen, sagt Apel. „Das ist eine wichtige Stellschraube, an der einfach gedreht werden kann“, meint er.

Ich frage mich, ob die Einarbeitungszeit optimiert werden könnte.

Piet Apel, Sozialwerk der Freien Christengemeinde Bremen 

Darüber hinaus sei nicht verwunderlich, dass Unterlagen nachgereicht werden müssen, wenn die Antragsstellenden schon alleine auf eine erste Redaktion mehrere Monate warten müssen. „Selbst wenn die Unterlagen bei Antragstellung vollständig waren, sind sie es nach sieben Monaten bestimmt nicht mehr“, sagt Apel. 

Besonders erschreckend sei die Einarbeitungszeit der Mitarbeitenden, gepaart mit der Befristung der meisten Stellen. Laut Senatsantwort kann es bis zu 15 Monate dauern, bis neue Mitarbeitende eingearbeitet sind. „Gerade dann machen Befristungen wenig Sinn. Ich frage mich, ob die Einarbeitungszeit optimiert werden könnte.“ 

Wohngeld beantragen in Bremen: „Durchschnittlich fünf Monate Bearbeitungszeit pro Antrag“

In einem Interview mit kreiszeitung.de gab Dr. Arne Sünnemann, Leiter Regional- & Stadtentwicklung, Stadtumbau, Wohnungswesen einen Einblick, wie das Problem angegangen werden soll. 

Mittlerweile sind alle Stellen besetzt. Zwei Vollzeitstellen und drei befristete wurden geschaffen. „Ab Oktober werden wir dann hoffentlich voll besetzt arbeiten können“, sagt Sünnemann vom Wohngeldamt.

In der Vergangenheit hatten wir mit einer hohen Fluktuation zu kämpfen.

Dr. Arne Sünnemann, Leiter Regional- & Stadtentwicklung, Stadtumbau, Wohnungswesen 

Während im Dezember letztes Jahres 19,5 Mitarbeitende in Vollzeit und 1,2 Aushilfskräfte Wohngeldanträge bearbeiteten, sind es aktuell 23,5 anwesende Vollzeitkräfte und 4,5 Mitarbeitende, die aushelfen. Sünnemann: „Wir hoffen sehr, dass etwas Ruhe reinkommt. In der Vergangenheit hatten wir mit einer hohen Fluktuation zu kämpfen.“

„Ab März alle Anträge binnen acht Wochen zu bearbeiten – das halten wir schon für ein ambitioniertes, aber notwendiges Ziel, damit wir entsprechend fokussiert daran arbeiten. Da ist eine hohe Motivation da, aus dem Problem rauszukommen“, sagte Sünnemann im letzten Jahr optimistisch. 

Wohngeld in Bremen: Weniger Bürokratie soll zukünftig helfen

Dieses Ziel wurde nicht erreicht. „Gründe sind zum einen die hohe Fluktuation unserer Mitarbeitenden und Abwesenheit durch Krankheit.“ Zudem arbeite die Wohngeldstelle erst ab Oktober voll besetzt. „Die Personalentfaltung kann also erst in den nächsten Monaten volle Wirkung zeigen“, sagt Sünnemann. Hinzu kämen neue Anforderungen des Bundes, wie dem Heizkostenzuschuss und der Grundrente.

Doch wie sieht es heute aus? „Seit mehreren Monaten stagnieren wir mit durchschnittlich fünf Monaten Bearbeitungszeit pro Antrag“, sagt Sünnemann.

„Unser Ziel gilt immer noch. Doch wir fahren auf Sicht, da Olaf Scholz eine weitere Wohngeldreform angekündigt hat“, sagt er. Gleichzeitig setze sich die Wohngeldstelle aktuell für eine Entbürokratisierung der Abläufe ein. „Wir haben Vorschläge entwickelt, die wir nächste Woche dem Bundesministerium vorstellen“, sagt der Leiter der Wohngeldstelle. „Denn weniger bürokratischer Aufwand hilft sowohl den Wohngeldempfänger:innen als auch uns Wohngeldämtern.“ 

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