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Rolle rückwärts im Prozess um zerstückelte Leiche in Bremerhaven

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Von: Ralf Sussek

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Ein Mann sitzt auf der Anklagebank, neben ihm zwei ANwälte. Mit auf dem Bild sind zwei Justizbeamte.
Auf der Anklagebank sitzt nach wie vor der Ehemann der getöteten 32-Jährigen. Seine Mutter hat zwischenzeitlich die Tat gestanden, am Mittwoch aber die Aussage verweigert. Mit im Bild: die Verteidiger Dr. Helmut Pollähne (links) und Thomas Domanski. © Sussek

Am 12. Oktober hat die 66-jährige Mutter des Angeklagten im Prozess um eine zerstückelte Leiche die Tötung ihrer Schwiegertochter gestanden. Am MIttwoch schwieg sie vor Gericht.

Bremen – Nächste Wendung im Prozess um die zerstückelte Leiche aus Bremerhaven: Die Mutter des Angeklagten, die zuletzt gestanden hatte, nicht ihr Sohn, sondern sie selbst habe Ekaterina getötet, verweigert nunmehr die Aussage. Am Dienstag sollte die bislang mehrstündige Zeugenvernehmung fortgesetzt werden, doch dazu kam es nicht.

Grund dafür ist die verworrene Prozesslage. Welchen „Status“ seine Mandantin in diesem Verfahren denn habe, fragt der Zeugenbeistand in den Schwurgerichtssaal des Landgerichts. Mit anderen Worten: Wird gegen die 66-Jährige nach ihrem Geständnis nun ermittelt, ist sie also Beschuldigte? „Ihre Mandantin ist für mich in diesem Verfahren Zeugin“, erklärt der Sitzungsvertreter der Staatsanwaltschaft nach einigem Hin und Her.

Angeklagt ist Walter B. Der 46-Jährige hat laut Staatsanwaltschaft seine Frau Ekaterina (32) Anfang Februar getötet und die zerstückelte Leiche in einen großen Reisekoffer verpackt, den er anschließend in einen Fluss warf.

Verpackter Oberschenkel

Dieser Koffer wurde am 1.   März dieses Jahres in der Nähe des Sail-City-Hotels in Bremerhaven angetrieben. Als Motiv wird die Befürchtung des Mannes angegeben, Ekaterina werde sich trennen und mit der gemeinsamen Tochter nach St. Petersburg ziehen.

Die Mutter, die ursprünglich als Zeugin geladen war, hatte in ihrer Vernehmung am 12. Oktober erklärt, sie habe die Schwiegertochter ohne Wissen ihres Sohnes getötet und zerteilt. Er habe ihr lediglich bei der Beseitigung der Leichenteile in der Geeste geholfen. Nach ihrem Geständnis, in dem sie eine Ortsangabe gemacht hatte, hatte die Polizei einen in eine Tüte verpackten Oberschenkel gefunden. Ein Oberschenkel, der wohl nicht mehr in den Koffer passte, hatte auch bei den Leichenteilen von Ekaterina B. gefehlt.

Kein klares Nein zu Ermittlungsverfahren

Der Zeugenbeistand ist mit der Beantwortung seiner Frage nach dem prozessualen Status der Mutter nicht zufrieden. Der Vorsitzende Richter fühlt sich zur Antwort nicht befugt, der Staatsanwalt, der es wissen muss, kann sich nicht zu einem klaren Nein durchringen. In seiner Stellungnahme zu einer möglichen Entlassung des Angeklagten aus der Untersuchungshaft hatte er noch erklärt, dass das Geständnis der Mutter vor Gericht „wiederholt in offensichtlichem Widerspruch“ zu ihrer bisherigen Aussage stehe. Wenn die Staatsanwaltschaft das Geständnis der Mutter anzweifelt, dürfte sie auch kein Ermittlungsverfahren wegen Mordes gegen sie eingeleitet haben. Warum dann kein klares Nein?

Die Staatsanwaltschaft könnte auch wegen einer uneidlichen Falschaussage ermitteln – wenn die Mutter diese Aussage nur macht, um ihren Sohn aus der U-Haft zu bekommen. Dies täte die Behörde in der Regel aber erst, wenn das Gericht in seinem Urteil zu dieser Überzeugung gelangte. Und bis zu einem Urteil dürfte noch einige Zeit vergehen. Der Prozess ist zunächst bis Anfang März terminiert.

So zieht der Anwalt der Mutter die Notbremse. Seine Mandantin werde keine weitere Aussage machen, erklärt er. Die anwesenden Juristen scheinen überrascht, schließlich hat die Frau selbst, ohne vorher in diese Richtung befragt worden zu sein, gleich zu Beginn ihrer Aussage vor Gericht erklärt: „Zunächst möchte ich eine ganz wichtige Sache sagen: Das habe ich gemacht, das war nicht mein Sohn.“

Weitere Puzzleteile fehlen

Und nun diese Rolle rückwärts. Es ist fast mit den Händen zu greifen, wie die beteiligten Juristen versuchen, diese neue Entwicklung einzuordnen. Dass für diesen Verhandlungstag allein die weitere Vernehmung der Frau vorgesehen war und er nun nach einer knappen Dreiviertelstunde endet, ist da noch das geringste Problem.

Schwieriger dürfte es nun vor allem für das Gericht werden, im weiteren Prozessverlauf Feststellungen zu Täter oder Täterin, Tatbeitrag und Geschehensablauf zu treffen, da es die Aussage der Mutter nicht mehr direkt auf Ungereimtheiten hin abklopfen kann.

„Das wird ein Puzzle“, hatte ein Pressesprecher schon beim Prozessauftakt über die Beweisführung gesagt. Jetzt ist es fast so, als seien urplötzlich viele weitere Teile hinzugekommen.

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